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Kr Wie Krefeld
Mal gesamtgesellschaftlich gesehen

Krefeld. Soll man sich trauen dürfen sollen, ein Alkoholverbot auszuprobieren? Die Krefelder Politik hält lieber soziopolitische Seminare über gesellschaftliche Problemhorizonte ab.

Wann immer die Rede auf Sauberkeit und Sucht-Szenen in der Innenstadt kommt, ist es heilsam, Anwohner zu erleben: die Wut und die Frustration, mit der sie von ihren täglichen Portionen Urin, Kot, Blut, Scherben und Spritzen vor der Hautüre berichten. Ein solcher Anwohner hat auch bei der Jahreshauptversammlung der Werbegemeinschaft berichtet, was er so erlebt jeden Tag. In Krefeld kann man zurzeit besichtigen, wie die Debatte darum versandet. Wieder mal.

Die SPD hat mit ihrer jüngsten Stellungnahme zum Stichwort Alkoholverbot gezeigt, wie man aus einer konkreten Problemanzeige eine akademische Debatte macht: Die Forderung nach einem Alkoholverbot müsse Teil eines "ganzheitlichen Maßnahmenkataloges" sein; dahinter stehe das "komplexe gesellschaftliche Problem des Drogen- und Alkoholmissbrauches", eine "gesellschaftliche Herausforderung", die "vielschichtigere Lösungsansätze" brauche. Man beachte die Steigerungsform: Lösungsansätze müssen nicht nur vielschichtig sein, sondern vielschichtiger. Das ist sprachlich eine Verrenkung und inhaltlich ein Freifahrtschein fürs Nichtstun bei maximal erbaulichen Sozialdebatten über den Bau der Besten aller Welten. Übrigens: Lösungen kommen nicht vor, nur Ansätze dazu.

Das ist faktisch eine Absage an Politik: Ein naheliegendes Problem (liegend passt, geht es doch um nahe Liegendes wie Urin, Kot, Blut, Scherben und Spritzen) darf erst dann angegangen werden, wenn alle nur denkbaren Begleitprobleme mitgelöst sind.

Der Blick ins Archiv ist brutal. Er zeigt Unfähigkeit und/oder Unwillen von Politik und Verwaltung, ein über viele Jahre schwelendes Ärgernis anzugehen. Wie berichtetet, gab es 2007 die letzte große Debatte um die Verwahrlosung von Plätzen und ein Alkoholverbot. 2015 hat die UWG im Rat den Antrag gestellt, ein Alkoholverbot zu prüfen. Jetzt hat Duisburg gehandelt und gute Erfahrungen gemacht - und in Krefeld zeichnet sich eine Debatte um Gesamtgesellschaftliches ab.

Den Hang zur weitergehenden, vertiefenden, viel umfassenderen Analyse mit letzgültigen Problemlösungsansätzen ist nicht nur der SPD zu eigen; auch die CDU will erst noch prüfen. Dann prüft mal schön. Jedes gesamtgesellschaftliche Problem ist selbstredend eingebettet in größere Problemfelder. Und Tage genug zum Ausleuchten neuer Problemhorizonte gibt es auch. Meine Güte, Physiker sagen der Erde eine Lebensdauer von mindestens dreieinhalb Milliarden Jahre voraus.

Sarkasmus beiseite. Was in Krefeld zu wenig gesehen wird: Die ganze Region redet über Duisburg; der Blick richtet sich erstaunt auf eine Stadt, die bundesweit als Schmuddelkind im Strukturwandel-Elend wahrgenommen wird. D wie Duisburg, D wie Depressiv. Nun auf einmal nimmt diese Stadt die Verwahrlosung von Teilen ihrer Innenstadt nicht mehr tatenlos hin. Das ist auch ein phänomenal erfolgreicher Marketing-Ansatz.

Gemessen an der Krefelder Debatte: Haben die Duisburger gesamtgesellschaftlich alles im Griff? Natürlich nicht. Sicher wird das Duisburger Alkoholverbot nicht gesamtgesellschaftliche Probleme lösen. Und Sucht bleibt in Duisburg, was sie ist: ein elender, verfluchter Menschenzerstörer. Aber ein paar Straßen und Plätze sind sauberer, zugänglicher, attraktiver. Wichtiger ist vielleicht: Eine gebeutelte Stadt streift den Ruf ab, passiv zu sein.

Krefeld braucht mehr von diesem Geist. Dazu mehr kommunale Ordnungskräfte, vielleicht eine Task Force Sauberkeit à la Meerbusch, Krefeld braucht Taten. Was Krefeld nicht braucht, ist die 180. Debatte über gesamtgesellschaftlichen Ursachen von Sucht. vo

Quelle: RP
 
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