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Interview mit der Moderatorin
Wie Magarethe Schreinemakers ihren Sekundentod erlebte

Margarethe Schreinemakers: Moderatorin spricht über ihren Sekundentod
Margarete Schreinemakers (59), gebürtige Krefelderin, war zwischen 1992 und 1996 mit der Talkshow "Schreinemakers Live" bei Sat.1 erfolgreich. FOTO: Lammertz
Krefeld. Um Margarethe Schreinemakers, eine der bekanntesten Moderatoren Deutschlands, ist es still geworden. 2009 erlitt sie beim Joggen einen Sekundentod. Wir trafen sie anlässlich eines Besuchs in Krefeld – sie ist hier zur Schule gegangen. Von Jens Voss

Wenn man Ihre Biografie liest, ist es vor allem dieser Herzstillstand von 2009 beim Joggen, der einem nachgeht. Sie waren eigentlich sportlich, Sie waren auch nicht mehr im TV-Superstress – wie kam es dazu?

Schreinemakers Stress ist ohnehin nur schädlich, wenn er einen überfordert. Das war der sogenannte Sekundentod; den kann jeder bekommen. Es ist im Prinzip ein Herzstillstand. Nichts geht mehr in einer Sekunde. Irgendein winziges Teil hat eine ganz winzige Ader verschlossen. Bei mir kam es aus heiterem Himmel. Mein Mann und ich waren bereits zwölf Kilometer beim Joggen unterwegs. Er berichtete mir später, ich hätte zu ihm gesagt: Halt mich mal fest, mir wird schwindelig - und dann war ich tot. Ich habe mich nicht mal schlecht gefühlt. Man kann auch gesund sterben.

Sie waren mitten im Wald?

Schreinemakers Ja. Dabei hatte ich wahnsinniges Glück. Zum einen, dass mein Mann überhaupt ein Handy-Netz hatte und Hilfe herbeirufen konnte. Es gibt dort viele Stellen, wo man keine Verbindung hat. Dann, dass er trotz seines Schocks, den er ja blitzschnell überwinden musste, dass seine Frau - die gerade noch gut gelaunt neben ihm lief - plötzlich "einfach" tot war, sofort mit einer Herz-Lungen-Massage und Mund-zu-Mund-Beatmung begonnen hat. Und zwar energisch. Er hat mir dabei drei Rippen gebrochen. Kraft ist nötig; Ärzte sagen immer: Lieber zu fest als zu lasch drücken und bloß nicht drüber nachdenken, dass man was falsch machen könnte. Wenn man nichts macht, stirbt der Mensch. Nur gar nichts machen, heißt alles falsch machen! Nach bereits acht Minuten hat uns der Krankenwagen gefunden, obwohl wir doch im Wald waren, und nach dem ersten Stromimpuls mit dem Defibrillator war ich wieder da.

Denken Sie mehr über Gesundheit und Tod nach?

Schreinemakers Ich war kein Gesundheitsapostel, und ich bin es nicht geworden. Ich glaube, es gibt so etwas wie ein Schicksal, das für dich bestimmt ist. Und das Schicksal kriegt dich. Wenn dir morgen ein Dachziegel auf den Kopf fallen sollte, dann ist das so. Ich habe irgendwann gedacht: Ich habe keine Lust, immer nur darüber nachzudenken, dass ich morgen tot sein könnte. Dann verpasse ich mein schönes Leben nur mit dem ständigen Gedanken an das Sterben.

Haben Sie denn vorher schon über den Tod nachgedacht?

Schreinemakers Aber ja. Macht doch jeder von uns. Ganz ehrlich, wir sind doch in einem Alter, in dem man schon mal in die Todesanzeigen guckt. Und dann siehst du auf einmal: Baujahr '53, Baujahr '58, Baujahr '63. Man merkt, die Einschläge kommen näher.

Hat Sie das verändert?

Schreinemakers Ich war immer ein ausgesprochen positiver Mensch; ich habe eine positive Ader, die mich trägt, Gott sei Dank. Verändert hat sich allerdings mein Maß der Dankbarkeit gegenüber dem Leben. Die ist unendlich groß. Und ich kann Jammerei weniger ertragen. Ich hab heute keine Geduld mehr, mir irgendeine unwichtige Scheiße anzuhören.

Was meinen Sie?

Schreinemakers Diese Nicht-Bereitschaft, ein Problem lösen zu wollen. Zu jammern, was angeblich alles so schwer ist und mit wem man gerade ein Problem hat. Ich denke dann immer: Mensch, freu dich doch, du lebst, du kannst doch noch etwas ändern. Redet miteinander. Man kann alles lösen, so lange man lebt. Ich bin tief überzeugt: Das Wunder ist das Leben selbst. Und so lange du dieses Leben hast, solltest du es in Dankbarkeit und in vollen Zügen genießen.

Sind Sie durch die Todeserfahrung religiöser geworden?

Schreinemakers Das war ich schon immer. Ich bin katholisch geboren worden und gläubig in meinem Herzen, und darf sagen: Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zum "Chef", dem lieben Gott ... aber auf meine Art. Ich würde sagen: Der liebe Gott ist mein Freund (lacht). Ich bedanke mich ganz oft bei ihm. Ich bin nicht der Typ, der dem lieben Gott die Hucke vollklagt; ich bedanke mich ganz oft. Dass ich laufen kann. Dass ich Freude und Spaß habe. Natürlich dass ich diese Todeserfahrung überstanden habe. Aber ich bin keine ganz andere Margarethe geworden. Eines hat er mir geschenkt: sehr viel mehr Gelassenheit.

Gab es in Ihrer Hochphase des Erfolgs einen Tiefschlag?

Schreinemakers Ja, das war die Erfahrung, unschuldig kriminalisiert zu werden. Aufgrund einer anonymen Anzeige wurden 1997 Ermittlungen wegen angeblicher Steuerhinterziehung gegen mich begonnen, die sich über eineinhalb Jahre hinzogen. Die Anschuldigungen erwiesen sich als haltlos, aber der Rufmord war gründlich begangen. Meine Sendung im Eimer, die Kollegen entlassen, die Firma kaputt.

Haben Sie darum gekämpft, zurück ins Fernsehen zu kommen?

Schreinemakers Nein. Ich musste 1997 meine Sendung aufgeben und 100 Leute kündigen. Das war hart. Auch die fristlose Kündigung durch RTL war, wie sich später vor dem Arbeitsgericht herausstellte, nicht rechtens. Aber danach ging für mich im TV eigentlich nichts mehr. Auch deshalb, weil sich das Fernsehen verändert hat. Für das, was ich gerne gemacht hätte, war kein Platz mehr. Mir fehlen heute im Fernsehen einfach gute Geschichten. Ich meine nicht Investigativ-Journalismus, den ich sehr liebe, sondern Geschichten, die mich noch an etwas glauben lassen. Man hat heute durch die mediale Berichterstattung den Eindruck: Die Welt ist voller Grauen, die Welt ist schrecklich, die Welt besteht nur aus Attentätern und üblen Menschen. Ich kenne aber so viele tolle Menschen, so viele tolle Sachen und Projekte. Es gibt sie noch, die wunderbaren Dokumentationen, aber man versteckt sie mitten in der Nacht auf Arte oder 3sat. Ich frage mich dann immer: Warum denn bitte nicht mal früher? Auch die Öffentlich-Rechtlichen sind da kein Gegengewicht mehr. Leichte Kost. Nachahmen, was andere machen... Da ist Quiz, Singen, Telefonie, Talente ohne Ende und alle machen dasselbe. Das ist nicht mein Fernsehen. Mir fehlen Sachen, die meinen Alltag berühren, und mir fehlen Alltagshelden, die mir auch Mut geben.

Aber es gibt Grauen auf der Welt. Blenden Sie das bewusst aus?

Schreinemakers Nein, damit beschäftige ich mich auch. Ich bin sehr interessiert, schaue Nachrichten, lese viel ... aber man braucht auch ein "Gegengewicht" zum Grauen, etwas zum Durchatmen. Etwas, das stark macht, woran man glauben kann.

Sie engagieren sich für die Rettung von mallorquinischen Hunden. Wie kam es dazu?

Schreinemakers Durch meinen Tod. Ich hatte danach auf Mallorca einen Hund in einem Tierheimzwinger gesehen. Mein Lemòn. Er hatte fast keine Haare und war so elend dran, dass ich dachte: Oh Gott, den nimmt doch keiner mehr. Ich hab ihn mitgenommen, eigentlich aus dem Gedanken heraus, dass er dann unter würdigen Umständen sterben kann. Heute ist Lemòn zwölf Jahre alt, sieht super aus, hat ein schwarzes, glänzendes Fell. Dieser Hund hat mir etwas gesagt, auch ohne Sprache: Dass du alles schaffen kannst, wenn du nur leben willst. So habe ich - wie durch ein Wunder - in nur drei Jahren 300 Hunde aus den Tötungsstationen von Mallorca weiter vermitteln können. Wunderbare, soziale Geschöpfe, die leben wollen. Ganz tolle Hunde .... und man tötet sie einfach, weil keiner sie haben will. Sie werden entsorgt wie Müll. Wir sollten entschieden respektvoller mit dem Leben umgehen: Genau gucken, was wir essen, was wir anziehen (Bangladesh, Kinderarbeit?), und woher unser Haustier eigentlich wirklich kommt (von gnadenlosen Vermehrern, aus Wurffabriken) ... und dann dem Leben eine Chance geben ... das ist doch wunderbar ... ich denke, so hat der liebe Gott es gewollt.

 
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