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Nicole Specker
"Mein Vater sagte: Schau, was da passiert, schreibt Geschichte"

Nicole Specker: "Mein Vater sagte: Schau, was da passiert, schreibt Geschichte"
Nicole Specker, Jahrgang 1970, verheiratet, Mutter eines Sohnes; Fachoberschulreife, Ausbildung zur Chemielaborjungwerkerin bei Bayer, dann Chemielaborantin, dann Bürokauffrau für Büromanagement; 1988 Eintritt in die Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik (IG CPK - heute Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, IG BCE), 1991 Eintritt in die SPD; seit 2016 ehrenamtliche Richterin am Sozialgericht. FOTO: Lothar Strücken
Krefeld. Uerdingens Karnevalsprinzessin soll SPD-Bundestagskandidatin werden. Wir sprachen mit ihr über ihre ersten politischen Erlebnisse, über Politik und Karneval und die Gabe, vor 600 Leuten zu sprechen.

Nun sind Sie plötzlich Bundestagskandidatin, jedenfalls wenn es nach der Krefelder SPD geht. Ist die Zeit als Karnevalsprinzessin eine optimale Vorbereitung auf diese Rolle?

Specker (lacht) Das Lustige ist: Ich bin ja noch amtierende Karnevalsprinzessin und habe auch noch einige Termine bis November. Es ist sicherlich ein gutes Training, wenn man auf einer Bühne vor vielen Menschen steht und sprechen muss. Allerdings war diese Erfahrung für mich nicht neu. In meiner Ludwigshafener Zeit, als ich für die Gewerkschaft IG BCE die BASF betreut habe, war es völlig normal, dass wir in Betriebsversammlungen reingegangen sind und da vor 300 bis 600 Menschen gesprochen haben. Sicher bekommt man als Karnevalsprinzessin auch ein bekannteres Gesicht. Aber Karneval ist Karneval; Schnaps ist Schnaps und Politik Politik.

Aber Sie haben keinen ganz unpolitischen Karnevals gemacht.

Specker Das stimmt: Wir wollten durch unser Motto schon auch für Weltoffenheit - auch gegenüber Flüchtlingen - plädieren, aber eben unaufdringlich, sonst hätte es nicht funktioniert, und die Leute hätten allergisch reagiert. Wir haben aber den Eindruck, dass unser Konzept gut aufgegangen ist und wir unsere Botschaft gut rüberbringen konnten.

Sie haben gerade Ludwigshafen erwähnt. Wo kommen Sie her und wie kamen Sie dahin?

Specker Ich bin ein Mädchen vom Inrath. Und nach Ludwigshafen bin ich durch die Gewerkschaft gekommen, als ich hauptberuflich als Gewerkschaftssekretärin für die IG BCE gearbeitet habe. Es ist dort üblich, dass man nicht nur an einem Ort arbeitet, sondern wechselt. Jeder Bezirk ist anders und betreut verschiedene industrielle Branchen. Das ist wichtig, um alle Bereiche kennenzulernen, den eigenen Horizont zu erweitern und Erfahrungen zu sammeln. Ich war anfangs auch in Halle an der Saale und habe da die Jugendarbeit sowie die berufliche Bildung betreut. Wir haben unter anderem versucht, dort betriebliche Ausbildung zu organisieren, die oft mit dem Abbau von DDR-Betrieben weggefallen ist. Danach kam der Ruf, sich um Ludwigshafen zu kümmern.

Wie sind Sie zur Gewerkschaft und zur SPD gekommen?

Specker Zur SPD bin ich durch meine Eltern gekommen. Ich komme aus einem klassischen Arbeiterhaushalt. Meine Mutter war Konerin in der Krefelder Textilindustrie. Mein Vater war zunächst bei Bayer in der Lehre zum Chemielaboranten. Als das gesundheitlich nicht mehr klappte, hat er erst als Fahrer beim Krefelder Milchhof und später bei Ammeraal, eine Firma für Transportbänder, in Krefeld-Gartenstadt als Kraftfahrer gearbeitet. Mein erstes politisches Erlebnis hatte ich mit zwölf Jahren. Da hat mein Vater mich vor den Fernseher gesetzt und gesagt: Schau dir das mal an; das, was da passiert, schreibt Geschichte. Gemeint war der Sturz von Kanzler Helmut Schmidt mit dem Misstrauensvotum im Jahr 1982. Für meinen Vater war es fürchterlich zu sehen, wie die rot-gelbe Koalition zerbrach. Er sagte damals schon: Ich glaube, für uns als Arbeiter werden sich die Zeiten jetzt negativ verändern, und da hatte er nicht ganz Unrecht. Gerade mit meinem Vater habe ich mich viel über Politik auseinandergesetzt. Als ich 1988 meine Ausbildung als Chemielaborwerkerin bei der Bayer AG begonnen habe, war für mich ganz klar, dass ich Mitglied der Gewerkschaft werde. 1991 wurde ich dann Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung. Da war es für mich klar, dass ich auch ein Parteibuch wollte, um auch außerbetrieblich Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen zu können. Dafür kam für mich nur die SPD in Frage.

Wie ist die Krefelder SPD auf Sie gekommen? Sie haben kein Parteiamt.

Specker Ich denke, weil ich ein langjähriges Mitglied der Basis bin und weil sie wissen, wie ich bin und wofür ich stehe. Zunächst hat mich Benedikt Winzen angesprochen; er kommt wie ich aus Uerdingen. Da kennt man sich. Es gibt auch viele Kontakte zwischen IG BCE und der SPD. Das Thema Bundestag hatte ich bislang noch nicht auf dem Schirm. Aus familiären Gründen habe ich mich in der Politik mit Ämtern zurückgehalten und mich auf die IG BCE konzentriert. Hier bin ich bereits seit mehreren Jahren Vorsitzende der Ortsgruppe in Krefeld-Uerdingen. Darüber hinaus ist mein Job als Assistentin im Betriebsrat von Covestro tagtäglich politische Arbeit. Jetzt ist mein Sohn 17, und da geht das schon wieder mehr. Und für mich war immer klar, dass ich gesellschaftlich gerne da anknüpfen würde, wo ich für 16 Jahren aufgehört habe.

Und wo haben Sie aufgehört?

Specker Ich war hauptberuflich als Gewerkschaftssekretärin bei der IG BCE beschäftigt, nach Einsätzen in Halle an der Saale, danach in Ludwigshafen zum Schluss im Landesbezirk Rheinland-Pfalz/Saarland. Gewerkschafter gestalten die Lebens- und Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen inner- aber natürlich auch außerbetrieblich. Und da sind sie automatisch auch in politische Prozesse involviert und eines greift ins andere.

Die IG BCE gilt als pragmatische Gewerkschaft ohne ideologische Scheuklappen. War das mit ein Grund, wird darüber gesprochen?

Specker Doch, so etwas wird angesprochen. Aber ich schätze, es ging auch darum, das Gewicht der Basis und der Arbeitnehmer in der Krefelder SPD zu stärken.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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