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Krefeld
Melancholische Annäherung an Israel

Krefeld: Melancholische Annäherung an Israel
Michael Degen in der Jüdischen Gemeinde. Der 83-Jährige erzählt in "Mein heiliges Land" von der Suche nach seinem Bruder. Er schildert israelische Verwandte und die Fremdheit eines Landes, das seine Heimat sein soll. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Der Schauspieler Michael Degen las zum Abschluss der Jüdischen Kulturtage vor vollem Saal in der Jüdischen Gemeinde aus "Mein heiliges Land". Ein Abend zwischen Traurigkeit und Lebensmut. Von Petra Diederichs

Er ist kein Mann unnötiger Worte: Michael Degen blickt mit einem hell aufleuchtenden Lächeln auf den überfüllten Saal im Jüdischen Gemeindehaus, sagt: "Guten Abend", setzt er sich ans Pult und liest. Nicht ein einziges Mal wird er in der nächsten Stunde bis zur Pause vom Text hoch und ins Publikum blicken. Das ist auch nicht nötig: Mit seiner festen, klaren Stimme und seiner beredten Mimik hält der 83-Jährige die Spannung.

Mit der Lesung aus "Mein heiliges Land" setzt Degen einen hochkarätigen Schlusspunkt der Jüdischen Kulturtage. Viele Begegnungen, Neu- und Wiederentdeckungen haben die vergangenen Themenwochen gebracht. Und auch an diesem Abend sind es die leisen Klänge, die große Gefühle vertonen.

Das beherrscht Degen. Bert Brecht hat ihn als jungen Schauspieler ans Berliner Ensemble geholt. Degen hat mit Ingmar Bergmann, Peter Zadek, Claude Chabrol und George Tabori gearbeitet. Er ist darstellerischer Feinmotoriker. Davon profitieren auch die leichtmusigen Serien, die Degen das große Fernsehpublikum beschert haben: "Diese Drombuschs" und Donna-Leon-Krimis. Degen ist zartgliedrig geworden. Beim Lesen scheint er sich ganz in sich zurückzuziehen, als möchte er im Kragen des blauweiß gestreiften Hemdes verschwinden - schildkrötengleich. Vom Dauerfiepen des falsch eingestellten Mikrofons lässt er sich nicht beirren. Seine Stimme hat die Kraft und Präsenz des großen Darstellers. Aus ihr erwächst jener 17-Jährige, der so mutig wie offenherzig in eine fremde Welt aufgebrochen ist, die seine Heimat sein soll, um dort seinen Bruder zu finden.

Degen erzählt in "Mein heiliges Land" die Suche nach dem zehn Jahre älteren Bruder Adi, der 1939 gerade noch aus Deutschland fliehen konnte. Der Vater ist im Konzentrationslager so misshandelt worden, dass an den Folgen stirbt. Mit seiner Mutter hat Degen die Nazizeit als "U-Boot" überstanden - als Untergetauchter in Berlin. 1949 tritt er die große Reise an. Bei der Ankunft in Haifa merkt er schnell, dass hier weder Milch noch Honig fließen. Schon gar nicht für einen, der aus Deutschland kommt, der "jeckisch" redet und kein Hebräisch versteht. Er muss sich rechtfertigen, warum er Staatenloser ist - und auch hier nicht eingebürgert werden will. Sich den Gesetzen eines Landes zu unterwerfen, das er nicht kennt, widerstrebt ihm. Er wird zum Militär eingezogen, er dient während der israelischen Unabhängigkeitskämpfe - aber er weigert sich, eine Waffe zu tragen und den Fahneneid zu leisten. Degen ist ein Streitbarer, ein Mutiger, ein Mensch, der trotz aller Wunden Herzenswärme und Humor behält.

Das vermittelt sich zwischen den Zeilen, wenn Degen den großartigen 98-jährigen Großonkel über die Welt philosophieren lässt. Der weise Mann, der sich manchmal nicht aus der Synagoge heimtraut, weil er sich nur dort vor dem Tod sicher glaubt, und seine lebenskluge Tochter, die ihm erklärt, ganz Israel sei eine Synagoge, gehen ganz nah. Das sind fein gezeichnete Charaktere, mit denen man lachen und weinen möchte. Die Mischung zwischen Traurigkeit und Lebensmut hat an diesem Abend die optimale Balance. Dafür gibt es langen Applaus. Degen quittiert das mit seinem Lächeln - melancholisch und herzlich.

Quelle: RP
 
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