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Krefeld
Migrantenstück im Kresch lässt Fragen offen

Krefeld: Migrantenstück im Kresch lässt Fragen offen
Junge Migranten am Rande der Berliner Gesellschaft zeigt das Kresch in "Weißbrotmusik". FOTO: Thomas Weinmann
Krefeld. Das Kreschtheater zeigt in "Weißbrotmusik" jugendliche Migranten zwischen Verletztheit und Großkotzigkeit. Stück und Inszenierung irritieren. Aber die Leistung der Darsteller beeindruckt. Von Mojo Mendiola

"Weißbrotmusik" nennen die sogenannten Kanaken die vorurteilsgespeisten Sprüche aus der Mehrheitsgesellschaft, und so nannte Marianna Salzmann ihr Theaterstück, das jetzt als Kresch-Produktion unter der Regie von Helmut Wenderoth in der Fabrik Heeder Premiere hatte. Thematisiert wurde die Gefühlslage jugendlicher Migranten am Rande der Berliner Gesellschaft. Polizei und Behörden wurden als feindselig erlebt, Kontakte mit deutschen Jugendlichen fanden nicht statt. Der einzige Deutsche auf der Bühne war ein Rentner, kein Nazi, aber ein unverbesserlicher Scheuklappenträger von provokantem Ungeschick im Umgang mit den Teenagern.

Und die wiederum trafen in einer brisanten Konstellation zusammen: Da war Sead, der Macho mit türkischen Wurzeln, die durchgeknallte Nurith, die von Sead schwanger war, und Aaron, ein in Deutschland geborener Jude, Seads enger Freund. Alle drei lebten in prolligem Milieu und verhielten sich entsprechend. Die Sprache des Stücks und die Körpersprache der Darsteller bezeugten permanent die Zerrissenheit zwischen realer Verletztheit und aufgesetzter Rapper-Großkotzigkeit, die das Fehlen von Anerkennung und Selbstrespekt nicht zu kaschieren vermochte. Am wenigsten prollig und am ehesten fähig zur Empathie war noch Aaron. Sead schwankte zwischen dem Stolz und dem Fluchtinstinkt des werdenden Vaters. Und Nurith fuhr permanent Achterbahn zwischen tiefster Verachtung für alles Spießige und dem sehnlichsten Wunsch, selbst eine "spießige" kleine Familie zustande zu kriegen, zwischen emanzenhaftem Männerhass und blindem Anhimmeln ihres "Prinzen" - und das so extrem, wie man es sonst von Junkies kennt. Komplettiert wurden die Interaktionen von den Müttern des Trios. Doch einiges irritierte. Die Religion, gerade im Exil gern als Haltgeber gepflegt, schien hier keine Rolle zu spielen. Sogar jüdisch-türkische Freundschaft war möglich. Die Muslima im Stück trug den hebräischen Namen Nurith, war strohblond und rotzfrech und schien keinerlei Vater, Bruder oder Onkel zu kennen, der ihren Lebenswandel überwachte. Auch sonst gab es keine Väter. Inwieweit hier Vorurteile durchlöchert oder Realitäten ignoriert werden sollten, blieb offen. Auch ging es viel mehr um die interne Konstellation der drei, als um die meist nur angedeutete Konfrontation mit den "Weißbroten".

Ahnen konnte man immerhin, dass der Rentner irgendwann brutal verprügelt wurde. Außer Zweifel allerdings stand die darstellerische Leistung der jungen Akteure, ganz besonders die von Marie Joëlle Wolf.

Quelle: RP
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