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Krefeld
Moderner Kreuzweg in Beton

Krefeld: Moderner Kreuzweg in Beton
Bernhard Petz (r.) und Elmar Lehnen setzen den Kreuzweg in Klang um. FOTO: bepe meilenstein
Krefeld. Der Musiker und Bildhauer Bernhard Petz hat einen Kreuzweg "Mit den Augen seiner Mutter" gestaltet. Seine 16 Skulpturen erzählen Christi Leidensweg mit sehr heutigem Bezug. Den Kreuzweg hat er vertont - für sein Instrument, die Tuba, und ergänzt mit Orgelimpro-visationen von Elmar Lehnen. Von Petra Diederichs

Die Welt im Jahr 2017: Aus allen Teilen der Erde kommen Schreckensnachrichten. Das Gefühl der Bedrohung wächst. "Die Politiker, die Medien, die Mitmenschen - alle machen uns Angst: vor Putin, vor Trump, vor Erdogan, vor den Flüchtlingen, vor dem Fremden", sagt Bernhard Petz. "Angst ist ein großes Potenzial, um Menschen in eine Richtung zu steuern." Was sehr gegenwärtig klingt, hat uralte Wurzeln. "Die Kirchen der Welt sind auf Angst aufgebaut, auf der Angst vor dem Teufel, vor der Sünde, vor der Hölle." Die Angst hat er sicht- und hörbar gemacht. Petz, Solo-Tubist bei den Niederrheinischen Sinfonikern und als Bildhauer unter dem Künstlernamen Bepe Meilenstein inzwischen bekannt, hat einen 17-teiligen Kreuzweg gestaltet, den er auch vertont hat - angeregt durch ein Gespräch mit Elmar Lehnen, Organist an der Basilika Kevelaer.

Doch am Anfang war die Skulpturenreihe. Petz wollte keinen liturgischen, keinen erlebenden Kreuzweg darstellen, sondern einen betrachtenden. Und der sollte aus ungewohnter Perspektive sein. "Mit den Augen seiner Mutter" nennt er seine Arbeit. Dabei bezieht er sich nicht allein auf Maria und das, was in ihr vorgegangen sein mag, als ihr Sohn am Kreuz litt und starb. "Es sind die Mütter, die ihre Kinder großziehen und das - in anderen Ländern - oft in dem Wissen, dass sie in Kriegen ihr Leben opfern müssen. Bei uns vergisst man das meist", sagt er.

Aber Petz mag keine deutend erhobenen Zeigefinger. "Ich habe meine klare Meinung, die ich vertrete. Aber nicht jeder muss es genauso sehen, deshalb kann jeder die Arbeiten deuten, wie er möchte." Ob biblisch, spirituell oder ganz auf die gegenwärtige Situation bezogen. "Dieser Kreuzweg ist keine Feststellung, sondern eine Betrachtung." Petz ist ein kritischer Betrachter seiner Zeit, mit einem streng katholischen Hintergrund. In der 800-Seelen-Gemeinde Ehenbichl in Tirol, wo er 1973 geboren wurde, gehörte die Kirche fest zum Leben. "Ich war auch Ministrant". Mit der Bibel hat er sich intensiv beschäftigt, auch mit den anderen Weltreligionen. Und das Motiv der Angst, und wie diese Menschen beeinflussbar macht, hat ihn dabei immer interessiert. "Es ist die ewige Frage, was war zuerst da: der Mensch oder die Religion? Oder gibt es vielleicht einen spirituellen Urinstinkt, weil sich alle auf dasselbe berufen?"

Seine Kreuzweg-Figuren haben einen gemeinsamen Ursprung, einen ikonenartigen Urtyp, den Petz variiert. Die 30 Zentimeter großen Skulpturen sind aus Beton. Eine aufgeraute Oberfläche lässt Schmerz erkennen. Glatt poliert oder rein weiß gegossen strahlen sie Ruhe, Frieden, manchmal auch Nacktheit und Verletzlichkeit aus. Das Kreuz, die Dornenkrone und die Nägel sind aus Stahl. "Beton und Stahl sind nahezu unzerstörbar", erklärt der Künstler. Das lässt Ewigkeit erahnen. Die beiden Komponenten sind ihm aber auch als Zweiheit wichtig: "Die Ermordung am Kreuz, aber auch seine Worte haben Christus unsterblich gemacht."

In der Musik ist die Angst das Leitmotiv. Das Spezielle an Petz' Kreuzweg-Vertonung ist ihre Form. Denn nur ein Teil ist mit Noten auf Papier festgelegt, ein großer Teil besteht aus Improvisation. "Das ist Elmar Lehnen geschuldet, der ein grandioser Improvisationskünstler an der Orgel ist", sagt Petz. "Ganz ohne Noten lässt sich ein abendfüllendes Musikstück aber nicht bewerkstelligen. Anfangs haben wir nur Motive aufgeschrieben. Doch ich habe mich besser gefühlt, wenn es in der jeweiligen Station zumindest eine durchlaufende Stimme gibt." Das ist meistens die Tuba. Ihr Hauptthema besteht aus vier Tönen, die das Kreuz symbolisieren. Die Anfangstöne D, F, E, C werden in verschiedenen Intervallen verändert, das Kreuzmotiv wird so vergrößert. Wichtiges Stilmittel ist ein Tritonus, eine Halboktave über drei Ganztöne: F-H. Für Sänger und in ihrer Harmonie, ist dieser Intervall extrem schwierig. Das trug ihm früher den Namen "Teufelsintervall" ein - ein geeigneter Kunstgriff für Petz, um die Angst in allen Kreuzwegstationen köcheln oder auflodern zu lassen.

Der Kreuzweg endet mit der Skulptur "Friedengebet" und ist musikalisch "molto grave" - sehr ernst. Petz zitiert darin den wohl bekanntesten Choral von Johann Sebastian Bach: "Es ist genug". Durch die schwere Klangsprache deutet er Bachs Forderung in eine Bitte um, lässt aber das Ende der Musik offen: "Die Tuba hält den Ton, bis die Luft ausgeht. Was die Orgel macht, ist Lehnen überlassen." So endet der Kreuzweg auch individuell.

Einmal ist der Kreuzweg bisher aufgeführt worden - gestern in der Basilika Kevelaer. Auf einem liegenden Holzkreuz waren dort die Skulpturen zu sehen. Danach kommen die Betonobjekte in Petz' Museumsbunker in Mönchengladbach-Güdderath. Aber vielleicht auch bald zu einer Aufführung des "Kreuzwergs" in eine hiesige Kirche.

Quelle: RP
 
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