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Krefeld
Museum zeigt Skizze zu Beuys' Skandal-Vortrag

Krefeld. Im Rahmen der Ausstellung "Show & Tell" zeigt das Museum eine Skizze eines umstrittenen Vortrags von Beuys im Kaiser-Wilhelm-Museum.

Wenn im kommenden Jahr das Kaiser-Wilhelm-Museum wiedereröffnet wird, firmiert es unter der Anschrift "Joseph-Beuys-Platz". Eine Ehrung für den wohl bekanntesten Sohn der Stadt, der am 12. Mai 1921 in Krefeld geboren wurde. "Obwohl Beuys als Geburtsstadt immer Kleve angegeben hat", sagt Museumskuratorin Magdalena Holzhey. Denn nur wenige Monate nach seiner Geburt zogen die Eltern dorthin. Seit den frühen Jahren seiner künstlerischen Arbeit bestand allerdings eine enge Bindung mit dem Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum. In der Ausstellung "Show & Tell. Grafik aus den Kunstmuseen Krefeld" in den Museen Haus Lange und Haus Esters ist nun eines von insgesamt drei Blättern mit Notizen und Skizzen zu Beuys' Vortrag "Kunst=Mensch" zu sehen, die an einem legendären Abend entstanden.

Dicht gedrängt saßen und hockten die Besucher, unter denen sich auch mehrere Angehörige der Düsseldorfer Kunstakademie befanden, am 15. Dezember 1971 im Oberlichtsaal des Kaiser-Wilhelm-Museums. Anlässlich der Erwerbung der Barraque D'Dull Odde hatte sich Joseph Beuys zu einem Vortrag angekündigt. Nach wenigen Sätzen über die Plastik begann er jedoch, über seinen erweiterten Kunstbegriff und seine Vorstellung einer direkten Demokratie zu referieren. "Der Vortrag ist dann vollkommen aus dem Ruder gelaufen", so Holzhey. Anhand von drei Skizzen erläuterte er seine Ideen. Der geplante Beitrag veränderte sich so in eine Aktion, bei der es hitzig und erregt zuging. Beuys sah sich zahlreichen verbalen Attacken ausgesetzt. Museumsdirektor Paul Wember wurde währenddessen als Moderator vom Publikum sogar "abgewählt". Der Großteil des Publikums konnte der Sache schon meist gar nicht mehr folgen. In den hiesigen Zeitungen erschienen noch in den folgenden Wochen Berichte und Leserbriefe über diesen Abend.

In der aktuellen Ausstellung in den Mies-van-der-Rohe-Villen finden sich neben Joseph Beuys weitere fünf Künstler, die in irgendeiner Form in einer Beziehung stehen. Zu ihnen zählt auch der Fotograf Otto Scharf. "Die Kunstfotografie um 1900, wegen ihrer Nähe zu einer malerischen Bildauffassung auch als Piktorialismus bezeichnet, gehört zu den frühesten Beispielen von Foto-Grafiken", so Holzhey. Einer ihrer wichtigen Vertreter war der in Krefeld tätige Otto Scharf (1858 bis 1947). "Er war eigentlich Turnlehrer an einem Krefelder Gymnasium", berichtet die Kuratorin. Für die Ausstellung hat sie seine Arbeit "Mutter und Kind" (1901) ausgewählt. Bei dem vermeintlichen Foto handelt es um einen Gummidruck, einem Tiefdruckverfahren. Mit dieser Technik habe er sich einen eigenen Ausdruck geschaffen, "der in das mechanisch entstandene Bild die persönliche Empfindung hineinzutragen gestattet", heißt es in einem zeitgenössischen Bericht über Scharf in der Zeitschrift "Die Heimat" (1928). Bereits zu seinen Lebzeiten genoss der Fotokünstler über Krefeld hinaus eine große Wertschätzung. Obwohl er als Amateur galt, gewann er bereits 1890 in Frankfurt am Main einen ersten Preis und 1893 erhielt er in Hamburg eine silberne Medaille. Die Hamburger Kunsthalle und das Kaiser-Wilhelm-Museum erwarben einige seiner Arbeiten. "In unserem Bestand befinden sich rund 50 Werke von Otto Scharf", so Holzhey. Darunter auch Bilder vom Niederrhein und aus der verschneiten Krefelder Innenstadt.

Die kurze Beziehung von KP Brehmer mit Krefeld, den man eher mit West-Berlin verbindet, war auch für die Kuratorin eine Überraschung. Klaus Peter Brehmer (1938 bis 1997) studierte von 1959 bis 1961 angewandte und freie Grafik an der Werkkunstschule. Später wechselte er an die Kunstakademie Düsseldorf. "Die Szene im Rheinland war prägend für ihn", so Holzhey. Vor allem die Ausstellungen in Krefeld wie von Yves Klein und Zero. Im Museum Haus Lange sind einige Werke von KP Brehmer ausgestellt. "Der Künstler und gelernte Druckgrafiker war überzeugt vom politischen Potenzial der Druckmedien", so Holzhey. Wie Brehmer lernte auch Will Cassel an der Werkkunstschule. Wilhelm Georg Cassel, geboren 1927 in Dortmund, lebt seit 1934 in Krefeld. Der Krefelder Maler, Zeichner und Objekt-Performance-Künstler ist in der Ausstellung mit der Zeichnung "Raumkonstruktion" (1958) vertreten. "Das ist eine sehr frühe Arbeit von ihm", so Holzhey. Gleich mit vier Holzschnitten aus den Jahren 1912 bis 1922 ist einer der wichtigsten Künstler des rheinischen Expressionismus zu sehen: der gebürtige Krefelder Heinrich Campendonk (1889 bis 1957). Mit zwei äußerst bewegenden, weil mit seiner Künstlerbiographie eng verknüpften, Zeichnungen ist Georg Muche (1895 bis 1987) vertreten. Der Maler unterrichtete von 1920 bis 1927 am Bauhaus in Weimar und Dessau. Bereits 1934 wurde er durch die Nationalsozialisten aus seinem Lehreramt an der Staatlichen Kunstakademie in Breslau fristlos entlassen. Seine Werke galten seit 1937 als "entartete Kunst". "Er hat sich in die innere Emigration zurückgezogen und nicht mehr gearbeitet. Vielmehr beschäftigt er sich mit der technischen Erforschung der Freskomalerei", berichtet Holzhey. Von 1939 bis 1958 lebte der Künstler und Lehrer in der Samt- und Seidenstadt. Er war Leiter der Meisterklasse für Textilkunst an der Textilingenieurschule. Durch eine Bombardierung 1943 wurde seine Krefelder Wohnung mit zahlreichen seiner Werke zerstört. Seine erste Ausstellung nach dem Krieg im Kaiser-Wilhelm-Museum zeigte im Dezember 1945 allein 22 Tafelfresken. Zudem wurden 34 Bleistiftzeichnungen präsentiert. In der Ausstellung sind nun zwei Bleistiftzeichnungen aus dem Jahr 1945 zu sehen. "Er hat sofort nach dem Zweiten Weltkrieg mit Zeichnungen begonnen, wie eine Explosion", so die Kuratorin, die von den beiden Arbeiten aus dem Mai (Verlassene Landschaft) und August 1945 (Am Rande der Erde) sofort begeistert war. "Als ich im Depot die Schublade geöffnet habe, dachte ich nur, was ist denn das", so Holzhey. Die apokalyptische Stimmung beider Werke verdichtet sich besonders in "Am Rande der Erde", das nur wenige Tage nach den Atombombenabwürfen in Japan entstand.

Quelle: RP
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