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Krefeld
Musik gegen den Hass

Krefeld. Der Waliser Karl Jenkins hat eine Friedensmesse komponiert. Darin thematisiert der 72-Jährige interreligiöses Konfliktpotenzial. Als Krefelder Erstaufführung singt der Crescendo-Chor "The Armed Man" am 12. Juni.

Unter dem Eindruck der Kriege im zerfallenden Jugoslawien der 1990er Jahre schuf der walisische Komponist Karl Jenkins seine Friedensmesse "The Armed Man - A Mass For Peace" und schenkte dabei auch dem interreligiösen Konfliktpotenzial große Beachtung. So bot sich dieses Opus förmlich an, als Heinz-Peter Kortmann, seinerseits schockiert von den religiös verbrämten Terroranschlägen in Paris, nach einer neuen musikalischen Herausforderung für "seinen" Crescendo-Chor suchte. "Nichts ist wichtiger momentan, als mit allen Mitteln, also auch mit künstlerischen, für Frieden und Dialog einzutreten - zwischen den Nationen und auch zwischen den Religionen", umreißt Kortmann seine Position, "und das sehen die Sängerinnen und Sänger des Chors ganz genauso."

Doch nicht nur die Botschaft macht das Werk von Jenkins so interessant, auch in seiner künstlerischen Anlage ist es etwas ganz Besonderes. Es entstand im Auftrag des britischen Museums "Royal Armouries" zur Jahrtausendwende, und Guy Wilson, der damalige Direktor des Hauses, legte bei der Auswahl der Texte selbst mit Hand an und schrieb sogar einen der zentralen Texte selbst. Verse und Melodien verschiedener Religionen und Epochen fanden so ihren Niederschlag in der Messe, ebenso Volks- und Soldatenlieder und sogar Elemente aus dem Fernen Osten.

"The Armed Man - A Mass For Peace" beginnt mit martialischem Marschtritt und der Melodie des französischen Soldatenliedes "L'homme armé" aus dem 15. Jahrhundert, das der Komposition ihren Namen gab und zum Krieg auffordert. Es folgen der Gebetsruf eines Muezzins und unmittelbar danach ein besinnlich orthodoxes "Kyrie", die in ihrer Nähe zueinander auf die gemeinsamen Wurzeln der monotheistischen Religionen verweisen. Verse aus dem Psalmen 56 und 59, von Jenkins im gregorianischen Stil vertont, bitten um Beistand gegen die Feinde. Stilistisch modern und erneut die bedrohliche Rhythmik soldatischen Gleichschritts aufgreifend, schließt sich das "Sanctus" an, und ein Text von Rudyard Kipling bildet die Grundlage für den Lobgesang vor der Schlacht. In die Zeit des Barock greifen Verse von John Drydon und Jonathan Swift, die in den Lärm des Kampfes und die Schreie der Verwundeten und Sterbenden übergehen. Auf das Chaos folgt wie eine Schockstarre unheimliche Stille, in die hinein das eigentlich nur als Tagesabschluss gedachte, aber auch oft bei Soldatenbegräbnissen zu hörende Trompetensignal "The Last Post" geblasen wird. Das dissonant gesetzte "Angry Flames" basiert auf einen Text von Toge Sankichi, der die Explosion der Atombombe in Hiroshima miterlebt hat und wenig später an Krebs verstarb. Zwischen 400 v. Chr. und 400 nach Chr. entstand in Indien das bedeutende Epos "Mahabharata", eines der umfangreichsten literarischen Zeugnisse der Menschheit, in dem ebenfalls warnend die Schrecken eines Krieges dargestellt werden.

Mit dem "Agnus Dei" kehrt Jenkins zurück in die katholische Liturgie, und ein ausdrucksstarkes Cello-Solo, das hinauf bis ins zweigestrichene A reicht, leitet über zum mitreißenden, keltisch gefärbten "Better Is Peace Than Always War" und der - leider unerfüllt gebliebenen - Hoffnung auf Frieden im neuen Jahrtausend, wenn "Trauer, Schmerz und Tod überwunden sind".

"Das Erstaunliche und zugleich ungeheuer reizvolle an dieser Messe ist, dass Jenkins diese völlig unterschiedlichen Elemente in eine Komposition aus einem Guss gebracht hat", schwärmt Kortmann. Karl Jenkins wurde zunächst in den 1970er Jahren als Keyboarder und Komponist in jazz-rock-orientierten Bands wie "Nucleus" und "Soft Machine" bekannt und erzielte seine größten Erfolge ab 1995 mit dem Projekt "Adiemus", in dem seine Affinität zu mythisch-religiös inspirierter Musik bereits deutlich hörbar wurde. "Von dem ergreifenden Spannungsbogen und den plastischen Tongemälden haben sich auch die Chormitglieder mitreißen lassen", erzählt Kortmann. "Viel Können und viel Übung sind erforderlich, um die polyphonen, manchmal atonalen und stellenweise a-capella zu singenden Raffinessen zu meistern, aber die Leute wurden dessen nicht müde, ganz im Gegenteil. Die Präsenz bei den Proben war noch höher als sonst, und alle gingen intensiv mit." Die vokalen Solo-Parts werden von der Sopranistin Ewa Stoschek und dem Bass-Bariton Justus Seeger gesungen. Beide sind weit über die den Niederrhein hinaus, besonders aber auch dem Krefelder Publikum durch Interpretationen meist sakraler Parts bekannt, und um allen Facetten der Messe gerecht werden zu können, hat Kortmann auch noch eine Überraschungsbesetzung in petto. Den instrumentalen Rahmen wird das Rheinische Oratorienorchester setzen. In den USA und England ist die Friedensmesse von Jenkins, deren Welturaufführung in der Londoner Royal Albert Hall er im April 2000 persönlich dirigierte, zu einem äußerst populären Werk geworden. In Deutschland wurden bisher meist nur Auszüge aufgeführt. Der Crescendo Chor unter Heinz-Peter Kortmann singt das vollständige Opus als Krefelder Erstaufführung.

MOJO MENDIOLA

Quelle: RP
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