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Krefeld
Packendes Kammerspiel um Doppel-Suizid

Krefeld: Packendes Kammerspiel um Doppel-Suizid
Der Chatroom als Schattenspiel: Julie (Helen Wendt) und August (Jonathan Hutter) planen, sich gemeinsam aus dem Leben zu gehen. Es gibt noch drei Vorstellungen von "Norway.Today": am 13. und 20. April und am 1. Juni. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Das preisgekrönte Drama "Norway.Today" berührte das Premierenpublikum in der Fabrik. Sascha Meys Regie-Debüt und das bewegende Spiel von Helen Wendt und Jonathan Hutter sollte niemand verpassen. Von Petra Diederichs

Sie heißen Julie und August und sitzen in eisiger Kälte auf einem Felsen über einem norwegischen Fjord. Skurril. Es ist ihr erstes Date - und es soll mit dem gemeinsamen Sprung in die Tiefe enden. Absurd. Sie sind um die 20 und sagen solche Sätze wie "Ich neige zum Glücklichsein. Depressiv sein lohnt sich nicht" oder "Depressive Selbstmörder sind Waschlappen". Den gemeinschaftlichen Selbstmord haben sie per Internet vereinbart, in einem Chat-room, in dem sich Leute treffen, die sich vom Leben nicht beachtet fühlen. Bewegend. Nun hocken die Lebensverweigerer da in ihrer kleinen Notgemeinschaft und stellen fest, dass die Flucht aus dem "Scheiß-Fake-Leben" in Wirklichkeit gar nicht so einfach ist. Schon gar nicht, weil sie vom Leben eigentlich ebenso wenig wissen wie von einander. Und über allem schwelt die Frage: Werden sie springen?

Igor Bauersimas Drama "Norway.Today" ist im Jahr 2000 entstanden, inspiriert durch die Nachricht vom gemeinsamen Suizid, zu dem sich zwei junge Menschen übers Internet verabredet hatten, und traf den Nerv der Zeit wie kein anderes Stück: die Auswüchse des weltweiten Netzes, die Gefahren der digitalen Welt, die Werteverwirrtheit und das Weltenleiden Heranwachsender treffen auf eine mit Wut und Tränen gefüllte, lebendige Sprache und begründeten den internationalen Erfolg. In der digitalen Zeitrechnung entsprechen 16 Jahre mehreren Epochen. Und trotzdem packt das Drama, das weit mehr als ein Jugendstück ist, immer noch. Und das liegt daran, dass Bauersima wundervolle Personen zeichnet - und Helen Wendt und Jonathan Hutter nicht Figuren verkörpern, sondern Menschen, deren Gemütsbewegung in der intimen Kammerspielatmosphäre der Fabrik Heeder nicht nur sicht-, sondern auch fühlbar sind.

Wenn Mumford & Sons todtrauriger "Hopeless Wanderer" eingespielt wird oder Helen Wendt zum dramatischen Ende echte Tränen übers Gesicht rollen, möchte man mitweinen. Denn längst hat man diese beiden Lebensabtrünnigen ins Herz geschlossen. Die coole Julie, die den klareren Plan für den Ausstieg aus der Welt hat, und den von ihr mitgerissenen August, der lieber noch ein paar Butterbrote geschmiert, hat, weil man nicht wissen kann, ob vor dem Sterben noch der kleine Hunger kommt. Ein Zelt hat er auch dabei, um noch einmal darüber zu schlafen. Und das ist klug. Denn in der gemeinsam verbrachten Nacht kommt fast unmerklich die Wende. Das Polarlicht und aufflammende Gefühle für einander, die vehement weggezickt werden, kehren die Rollen.

August, der anfangs noch Horror vor zehn Sekunden im freien Fall vom 600-Meter-Felsen hatte, bietet nun die Anlehn-Schulter. Julie, wird immer weicher und emotionaler. Auf dem Gerüst, mit dem Bühnenbildner Udo Hesse die Schicksalsklippe symbolisiert, streiten, debattieren und albern sie herum. Sie jonglieren mit Philosophie und Humor, Hilflosigkeit und Gesellschaftsüberdruss. Man muss sich nicht an den Schmerz des berühmtesten Selbstmörders der deutschen Literatur, Heinrich von Kleist, erinnert fühlen in ihren Gesprächen, um die Tiefe des Stücks auszuloten. Mey bettet die Geschichte in emotionale Musik, zeigt raffinierte Schattenspiele und einen klugen Schluss. Das ist sehens- und mitfühlenswert.

Quelle: RP
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