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Krefeld
Pflanzen, die aus Handys wachsen

Krefeld. Im Kunstverein zeigen sieben junge Künstler "Florale Transformationen". Krefeld ist Teil einer Kooperation mit Düsseldorf und Mönchengladbach, die ungewöhnliche Arbeiten miteinander verbindet. Morgen Abend ist Eröffnung im Buschhüterhaus. Von Petra Diederichs

Da sage einer, ein Smartphone sei nach einem zerstörerischen Aufprall zu nichts mehr gut: Thimo Franke beweist, was auf der Oberfläche eines Handys alles passieren kann. Der 30-Jährige lässt darauf Orchideen wachsen. Er hat dazu eine Art Treibhaus entwickelt: In einem Glaskasten werden die Smartphones zum Urgrund für die Wurzelknollensprosse. Per Zeitschaltuhr werden die Pflänzchen, die wenig Substrat benötigen, täglich acht Stunden lang mit Neonlicht angeleuchtet. Jede halbe Stunde setzt eine Miniatursprenkleranlage für zwei Sekunden lang einen Regenschauer frei. Und es funktioniert: Auf den Displays ist Leben entstanden, in einigen Kunststoffrissen haben sich bereits Algen dazugesellt.

Das blühende Experiment ist Teil der Ausstellung "Florale Transformation", die morgen um 19 Uhr im Buschhüterhaus des Krefelder Kunstvereins eröffnet wird. Sieben Künstler präsentieren ihre unterschiedlichen Auslegungen des Themas. Mit der Schau betritt der Kunstverein Neuland, denn er hat das Konzept in die Hände des jungen Kurators Wilko Austermann gelegt, der ein Stadtgrenzen überschreitendes Modell etablieren will. Die Künstler stellen nicht nur in Krefeld ihre blühenden Wandel-Arbeiten aus, sondern ab heute Abend auch im Düsseldorfer "Antichambre hotel friends" und ab Samstag im MMIII Kunstverein Mönchengladbach. Sieben Künstler, ein Thema, drei unterschiedliche Präsentationen - das liegt an den Ausstellungsorten: in Düsseldorf in einem laufenden Hotelbetrieb, in Gladbach in den hohen Hallen einer ehemaligen Fabrik, in Krefeld im fast musealen Rahmen des Buschhüterhauses.

Diese Unterschiede nutzt David Semper (*1980), um im gleichen Verfahren die Vergänglichkeit zu feiern. Unter dem Titel Sentenzen hat er Efeublätter in Linien auf der Wand abgerieben - in wöchentlichem Abstand. Die grünen Streifen hat er mit einer Reißnadel liniert, ihnen quasi eine skulpturale Anmutung verliehen. Mit der Zeit verwäscht sich die Natur, das Chlorophyll wird abgebaut bis auf einen blassen, braunen Grundton. Die Poesie seiner Vanitas-Darstellungen wirke an jedem Ort anders, sagt er.

Im Erdgeschoss liegt der Fokus auf der Neukreation von Natur. Uecker-Schüler Martin Schwenk ist mit 57 der älteste und bereits arrivierte Künstler. Er hat der Natur Formen abgeschaut, die er künstlich nachbildet und in neue Zusammenhänge führt. "Verkrustet" heißt eine Art Prothese aus Acrylglas und Stahl, die wie ein futuristisches Gewächs aus der Wand ragt. David Hahlbrock lässt als "A possible Forest" Astgabeln von der Decke wachsen: Aus Fundholzfragmenten bildet er Bäume und Landschaften nach. Eine krude Poesie haben die Polyesterharzblöcke der Chinesin Ke Li. Sie hat Blütenblätter darin eingeschlossen, die sich durch den Prozess verändert haben und nun wie präparierte Schmetterlinge oder exotische Quallen wirken. In einem Video in der oberen Etage zeigt sie, wie Blüten, die verbrannt werden, neue Formen bilden. Davor präsentiert Marthin Rozo (*1991) eine legendenumrankte Wurzel "Radix Memoria" aus seiner kolumbianischen Heimat. Und Andreas Greiner (*1979), der in Berlin bei Rebecca Horn und Olafur Eliasson studiert hat, zeigt Algen in Großaufnahme. Seine Fotografien sind mittels Rasterelektronenmikroskopie entstanden. In extremer Vergrößerung offenbart jede Alge ihre Individualität. "Charakter", nennt er das und bezeichnet die Aufnahmen als Porträts. Deshalb trägt jede Alge einen Namen: Die muschelähnliche Euastrum oblungum nennt er "Ulrike", das eher froschartige Gebilde gegenüber heißt "Stephen".

Eröffnung Freitag, 19 Uhr, Kunstverein, Westwall 124. Bis 16. Juli. Am Samstag, 15. Juli, bietet der Kunstverein eine Busfahrt zu den Ausstellungen in Düsseldorf und Gladbach an. Info: Telefon 02151 777080. Die Kooperation wird unterstützt vom NRW-Kultusministerium, dem Kulturbüro MG und dem Kulturamt Düsseldorf.

Quelle: RP
 
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