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Krefeld
"Phantom der Oper" - Geschichte eines Klassikers

Krefeld: "Phantom der Oper" - Geschichte eines Klassikers
Andreas Fellner, Dirigent an der Vereinigten Bühnen Krefeld und Mönchengladbach, freut sich mit seinem 60-köpfigen Orchester auf den Besuch von rund 600 Musikfreunden an zwei Tagen. FOTO: KA
Krefeld. Als Schauerroman hat das "Phantom der Oper" Geschichte geschrieben. Schnell entdeckte der Film das Potenzial der Erzählung, die zuletzt als Musical die Menschen faszinierte. Auf der Krefelder Rennbahn wird jetzt die klassische Stummfilmversion mit Begleitung durch die Sinfoniker aufgeführt - ein Rückblick auf ein Jahrhundert "Phantom der Oper". Von Mojo Mendiola

Aus dem so genannten Schauerroman des 18. Jahrhunderts war "gerade" der moderne Krimi geworden, als Gaston Louis Alfred Leroux zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die unterirdischen Gewölbe der Pariser Oper besichtigte. Die düsteren und moderig riechenden Tunnelgänge inspirierten den studierten Juristen mit einer Vorliebe fürs Theater zu einem der populärsten Gruselkrimis überhaupt: Das Phantom der Oper.

Leroux, 1868 in Paris geboren, hatte Rechtswissenschaften studiert und als Theaterkritiker, Kriminal- und Kriegsreporter gearbeitet, legte 1907 die journalistische Arbeit beiseite und widmete sich ganz der Schriftstellerei. "Das Geheimnis des gelben Zimmers", das seine Erstveröffentlichung als Fortsetzungsroman in der Zeitung "L'Illustration" erlebte und heute zu den Klassikern der französischen Krimi-Literatur zählt, erschien bereits im selben Jahr.

Vom 23. September 1909 bis zum 8. Januar 1910 folgte "Le Fantôme de l'Opéra" im "Le Gaulois". Doch erst der Spielfilm von 1925 brachte den großen Erfolg, die Musical-Adaption von Andrew Lloyd Webber (1988) schließlich, mit Inszenierungen in 27 Ländern weltweit, den gigantischen Triumph. Die Statistiken verzeichnen allein für diese Bearbeitung des Stoffs 130 Millionen Besucher.

Und es war beileibe nicht die einzige. Es gab Bühnenstücke, die den Stoff sehr frei behandelten, aber auch solche, die sich eng an Leroux' Vorlage halten. So präsentierten Arndt Gerber und Paul Wilhelm 1997 eine Art künstlerischen Gegenentwurf zu Lloyd Webbers Opus, in dem sie nicht nur die deutsche Sprache, sondern das gesprochene Wort überhaupt in den Vordergrund stellten. Dennoch heißt auch ihre Interpretation Musical. Cornelia Wagner schrieb 2007 ein Schauspiel unter dem berühmten Titel, und im Safari-Club auf St. Pauli inszenierte Jeff Pierron 1991 sogar eine ironisch-erotische Kurzfassung der Geschichte vom geheimnisvollen Maskenmann und der naiven Sängerin.

In den Jahren 1915 bis 2004 entstanden insgesamt elf Verfilmungen des "Phantoms", die ersten beiden noch zu Lebzeiten von Gaston Leroux. Die erste unternahm der gebürtige Ungar Ernst Matray (1891 bis 1978) in Berlin mit Nils Chrisander (1884 bis 1947) in der Titelrolle und Aud Egede-Nissen (1893 bis 1974) als Christine Daaé. 1925 folgte der Neuseeländer Rupert Julian (1879 bis 1943) in den USA. Er drehte sie mit Lon Chaney sen. (1883 bis 1930) und Mary Philbin (1903 bis 1993). Zuletzt wagte sich der Amerikaner Joel Schumacher mit den Darstellern Gerard Butler und Emmy Rossum an den populären Stoff.

Doch es blieb Rupert Julians Leinwandinszenierung, die nachhaltig Kinogeschichte schreiben sollte. Schon ihr Anfang ist erzählenswert, denn der Hauptdarsteller Lon Chaney trug sich bereits mit dem Gedanken, die Filmrechte von Leroux zu erwerben, als ihm der Produzent Carl Laemmle zuvorkam. Chaney, der sich nun mit der Hauptrolle bescheiden musste, versuchte in der Folge mehrfach, seine eigenen Vorstellungen von dieser Rolle durchzusetzen, was prompt zu Streitigkeiten führte. Dies trug mit dazu bei, dass später Szenen neu gedreht und der Streifen mehrmals umgeschnitten wurde. Fünf Schnittfassungen sind bis heute nachvollziehbar. Die "Originalfassung" fiel in einer Testvorführung in Los Angeles bei Produzent Laemmle und dem Publikum durch. Sie wurde zerstört. Ebenfalls noch im Jahr 1925 entstand zuerst die so genannte "Weltpremierenfassung" von San Francisco, wenig später die "offizielle Schnittfassung" mit zusätzlichen, von Edward Sedgwick gedrehten Szenen, die in New York Premiere feierte. Ein "rekonstruierter Neuschnitt" wurde 1929 erstellt und fand auch durch 16mm-Kopien für private Sammler Verbreitung. Eine der Kopien ist erhalten. Eine Tonfassung in zwei Varianten von 1930 beendete den Reigen. Auch davon ist eine Fassung erhalten. Ob Leroux selbst den Streifen je gesehen hat, ist nicht bekannt. Er starb 1927 in Nizza an den Folgen einer Operation.

Und es gibt noch mehr Futter für Cineasten. In den 1970er Jahren sowie 1996 und 2003 wurde das Zelluloid-Material einer Restaurierung auf dem jeweiligen Stand der technischen Möglichkeiten unterzogen. Außerdem wurden verschiedene Begleitmusiken für das Kinowerk komponiert, das schließlich nicht nur in Schwarz-Weiß, sondern auch als Stummfilm gedreht worden war. Als älteste ist hier die des fast vergessenen Sam Perry (kurz für Perlstein, 1884 bis 1936)) aus Odessa zu nennen, die dem Jahr 1929 zuzurechnen ist. 1990 schufen der kanadische Filmmusikkomponist Gabriel Thibaudeau und der britische Keyboard-Virtuose Rick Wakeman gemeinsam eine Begleitung für den Film. 1993, kurz vor seinem Tod, vollendete der Oscar Peterson-Fan, Pianist und Komponist Roy Budd aus London seine Komposition zum "Phantom", und 1996 veröffentlichte Carl Davis aus Brooklyn, New York, sein Opus. Er hat sich seit den 1970er Jahren unter anderem als Spezialist für Nachvertonungen von Stummfilmklassikern einen großen Namen gemacht und war prädestiniert für diese Aufgabe.

Das findet auch Andreas Fellner, Dirigent an der Vereinigten Bühnen Krefeld und Mönchengladbach, und er weiß, wovon er spricht. Denn seit Monaten bereitet er sich und eine 60 Köpfe starke Auswahl der Niederrheinischen Sinfoniker auf ein Event vor, das es im ganzen Niederrhein-Raum so noch nicht gegeben hat. Am 14. und 15. August krönt das SWK Open-Air-Kino auf der Krefelder Rennbahn sein diesjähriges Programm mit dem großen Stummfilm und lässt ihn live von den Niederrheinischen Sinfonikern begleiten, und zwar nach den Noten von Carl Davis. Das erforderte nicht nur intensive Probenarbeit unter Zuhilfenahme einer Filmkopie auf DVD. Der Dirigent und Simone Gutekunst, Geschäftsführerin des Orchesters, hatten schon ihre liebe Mühe, die erforderlichen Aufführungsrechte zu erwerben. Weil die Verleiher nicht jedem Dirigenten solche Aufführungen gestatten, mussten für Film und Musik getrennte Lizenzen erworben werden. "Ich bin stolz und glücklich, dass das geklappt hat", kommentiert Fellner. Er und seine Musiker werden auf einer extra Bühne platziert, und die Ilbertz-Veranstaltungstechnik hat ein besonderes Beschallungskonzept ausgetüftelt, mit dem man das laufende Bild verzögerungsfrei auf einen Monitor für den Dirigenten übertragen kann, damit das Publikum - jeweils 600 Gäste können an den beiden Abenden Platz finden - Film und Musik auch wirklich simultan erlebt. "Wir sind also bestens vorbereitet", freut sich Organisator Uwe Papenroth.

Quelle: RP
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