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Krefeld
Planet Stahlwerk

Krefeld: Planet Stahlwerk
Blick vom vierten Stock in die Weite des Stahlwerks von ThyssenKrupp Nirosta. ThyssenKrupp Nirosta beschäftigt insgesamt 4259 Mitarbeiter. FOTO: IHK
Krefeld. Bei der "Langen Nacht der Industrie" waren alle Touren ausgebucht, das Interesse war groß. Wir waren bei der Tour dabei, die vom Chemiespezialisten C.H. Erbslöh zum Stahlwerk von ThyssenKrupp Nirosta führte – hier das Protokoll eines famosen Ausflugs. Von Jens Voss

Es ist die Art, wie die Männer sich begrüßen: Das neudeutsche "Corporate Identity" ist zu dünn, um dieses Gefühl einzufangen, das in den knappen Gesten, dem kurzen Lächeln Ausdruck findet; auch das gute alte deutsche Wort "Kameradschaft" ist irgendwie zu wenig – hier, im Stahlwerk, wo Menschen zwischen mächtigen Maschinen Kräfte beherrschen, die kaum vorstellbar sind, so eifrig man auch Zahlen mitschreibt.

Die, die hier arbeiten, sind Gefährten, die sich aufeinander verlassen müssen; eingeschworen auf eine Technik, die zu beherrschen stolz macht: Jeder ein Prometheus. Und so geht man am Ende ein wenig neidisch seiner Wege.

Es sind Eindrücke wie diese, die den Reiz der "Langen Nacht der Industrie" ausmachen, die mit großem Publikumszuspruch am Donnerstagabend veranstaltet wurde. Ein Gang durch ein Stahlwerk wie das von ThyssenKrupp Nirosta ist für den Neuling mehr als nur eine Info-Packung über Technik – die Gruppe geht still und ein bisschen ehrfürchtig durch die Hallen.

Elementare Gefühle werden geweckt, vor allem dies: Staunen. Die Halle, in der Stahl gekocht wird, ist wie ein eigener Planet; die Besucher blicken vom vierten Stock aus in eine Tiefe, in der Urkräfte brodeln und doch brav im Dienst des Menschen stehen: flüssiger Stahl wie eine Höllensuppe; mächtige Kran-Elemente, die mit Riesenfingern glühende Stahl-Brammen packen – und dazwischen Menschen, die klein und doch nicht klein sind. Ihre Bewegungen sind – das sieht man auch aus 70 Meter Entfernung – konzentriert, fast elegant in ihrer Knappheit, wenn etwa ein Mann unter einem Krangreifer, der groß wie ein Raumschiff über ihm schwebt, etwas einhakt.

Stahl wird in Krefeld bei 1500 Grad gekocht, danach mit einigen Tonnen Zusatz-Legierung veredelt, zu Brammen gegossen, die dann nach Bochum zum Warmwalzwerk reisen. Dort werden die Stahlblöcke bei 800 Grad zu Stahlblechen gewalzt, die dann, aufgerollt zu sogenannten Coils (Spulen), wieder nach Krefeld ins Kaltwalzwerk zurückgehen, dort weiter veredelt und wieder zu Coils aufgerollt werden – wobei eine Papierlage dafür sorgt, dass nicht Metall auf Metall schrappt und die hochglänzende Edelstahloberfläche zerkratzt wird.

Das sagt sich so: veredeln. Das Krefelder Kaltwalzwerk ist ein Wunder der Technik für sich. Die Stahlbleche aus Bochum werden dort bei Drücken von bis zu 200 Tonnen langsam dünngewalzt auf bis zu 0,2 Millimeter Dicke; die Oberfläche wird mit einem Gemisch aus winzigen Stahlkugeln glattgeschmirgelt und mit Säure von allen unliebsamen Resten befreit, bis jene unfassbare und wie unangreifbare Glätte entsteht, die jeder aus seiner Küchenspüle kennt und wie selbstverständlich nutzt. Die Coils jedenfalls sind am Ende bis zu 25 Tonnen schwer und Stück für Stück so wertvoll wie ein Mercedes der S-Klasse.

Szenenwechsel in ein – verglichen mit dem Planet Stahlwerk – Reich der Stille: zu den Chemie-Spezialisten der Firma C.H. Erbslöh. Das Unternehmen ist seit 1992 in Krefeld – es stand einmal in Düsseldorf, dort, wo heute der Landtag prangt. Seit 1995 expandiert C.H. Erbslöh, hat sich Märkte in ganz Europa erschlossen – mit Spezialchemikalien, die die Fachleute von Erbslöh ihren Kunden in präzisen Mengen und garantierter Qualität liefern. Wenn Lippenstift geschmeidig ist, dazu glänzend und dennoch fest auf den Lippen liegt, dann liefert Erbslöh den Stoff, der all das bewirkt. Ob Lack nicht schäumt, ob er sich gut verteilt und schnell trocknet, ob Stoffe, die in Industriebrauchwasser Schwermetalle binden – Erbslöh hat die passende Chemikalie.

"Formulierung" – was in der Sprache eine Kette aus Worten ist, ist im Reich der Chemie eine Mischung aus Stoffen; und die Erbslöh-Chemiker machen ihren Kunden auch immer wieder Vorschläge, wie man "Formulierungen" für deren Produkte verbessert kann, damit der Lippenstift noch etwas glänzender glänzt oder ein Lack noch etwas besser fließt oder trocknet.

Insofern ist das Erbslöh-Labor quasi das technische Gehirn des Unternehmens; dort wird mit neuen Formulierungen experimentiert, dort wird die Qualität aller Stoffe überwacht, die zu garantieren so wichtig ist für dieses mittelständische Unternehmen, das stets Nischen zwischen den Chemie-Giganten finden muss.

Erbslöh lagert 1200 Produkte; einige davon in einer Sicherheitskammer mit Stahltüren. Die Lagerhalle ist gesichert mit einem CO2-Löschsystem, das jeden Brand erstickt. Wasser hätte keine Chance, Reaktionen zu unterbinden.

Hinter der Firmengeschichte steht auch die Geschichte einer Familie. Am Eingang hängen zwei Gemälde – Porträts von Firmengründer Carl Hugo Erbslöh und seiner Gemahlin; das Unternehmen ist in jetzt fünfter Generation familiengeführt. Der älteste Sohn heißt jeweils Carl Hugo; so auch der jetzige Firmeninhaber Carl Hugo Erbslöh: "Mein ältester Sohn heißt Piers Carl Hugo", sagt er; Generation Nummer fünf in der Firma wird von seinem Sohn Christoph repräsentiert.

Er ist 29 und – was man auch in Unternehmerfamilien nicht erzwingen kann – ein Mann der Wirtschaft: Studium der Wirtschaftswissenschaften in London, Chicago und Spanien, zwei Jahre Unternehmensberater in Mexiko, jetzt persönlich haftender Gesellschafter im elterlichen Unternehmen. Vater und Sohn arbeiten offenbar gut zusammen. Während Carl Hugo Erbslöhs Vater lange, lange im Betrieb war, haben Vater Erbslöh und Sohn Christopher wohl die richtige Balance gefunden.

Der Vater ist 62 und will sich Zug um Zug aus der Firma zurückziehen. "Es ist bei allen Leuten so, dass man ab einem bestimmten Alter keine Veränderungen mehr will", sagt der Senior – und das ist eben Gift für ein Unternehmen, das stets rasch reagieren muss. Den Fehler will Erbslöh senior nicht machen – er berichtet vom traurigen Niedergang von Grundig, weil der Patriarch dort nicht gehen mochte, aber eben technische Neuerungen nicht mehr mitvollzogen hat.

Vater und Sohn Erbslöh jedenfalls machen den Eindruck: Sie sind mit sich im Reinen. Gut für das Unternehmen, gut für die Mitarbeiter, am Ende: gut für Krefeld.

Quelle: RP
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