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Krefeld
Plötzlich Krebspatient

Krefeld: Plötzlich Krebspatient
Eine Krankheit, die nachdenklich macht: Bei der Diagnose "Krebs" gerät der Alltag ins Wanken, wird vieles, was sonst selbstverständlich war, infrage gestellt. Denn nur für wirklich wichtige Dinge soll Zeit bleiben. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Was passiert, wenn einen die Diagnose "Krebs" trifft? Wenn man von jetzt auf gleich schwer krank ist und sich das Leben trotzdem weiterdreht. Eine Betroffene erzählt von ihren Gedanken, Ängsten - und ihrem Willen zu leben.

Die Darmkrebs-Diagnose trifft mich völlig unerwartet und mit voller Wucht mitten in einer glücklichen Zeit, zwischen zwei schönen Kurzreisen und dem 18. Geburtstag und Abitur meiner jüngsten Tochter. Ich bin 49 Jahre alt. "Sie haben einen Tumor", sagt die Ärztin nach der Darmspiegelung, sieht mich ernst an, während die Nachricht nur langsam in mein Bewusstsein durchsickert. Beim "Das ist sehr wahrscheinlich Krebs und muss auf jeden Fall operiert werden" klappe ich ganz klassisch mit einem Kreislaufkollaps zusammen.

Dass ich wahrscheinlich ein Riesenglück gehabt habe - so verrückt sich das anhört, eine Krebsdiagnose als "Glück" zu bezeichnen - wird mir erst später klar. Das einigermaßen frühe Erkennen des Tumors wird mir hoffentlich das Leben retten. Auch wenn ich das erst in einigen Jahren nach Operation, Chemotherapie und Kontrolluntersuchungen wissen werde - und jetzt erst mal lernen muss, mit dieser Unsicherheit zu leben.

Es fühlt sich unwirklich an, auch jetzt noch, vier Wochen nach dem Befund. Wie soll man reagieren, wenn man eine Krebsdiagnose bekommt, wie muss man sich überhaupt fühlen? Und wie geht es weiter? Diese Sorge wird mir sofort abgenommen. Die Arztpraxis kümmert sich noch am selben Tag um ein Klinik-Bett, schon am nächsten Tag werde ich aufgenommen. Erst mal nur für weitere Untersuchungen zur Vorbereitung der Bauch-OP, glaube ich. So ganz genau verstehe ich erst nach ein paar Tagen, wozu die Untersuchungen tatsächlich dienen: Mein gesamter Bauchraum wird nach Metastasen abgesucht. Der Informationsfluss ist etwas schleppend, ich habe viel zu viel Zeit zum Nachdenken.

Was wirklich am meisten belastet, ist nicht die Diagnose selber, sondern die Ungewissheit, wie es weitergeht. Wie schwer krank bin ich, ist der Tumor wirklich bösartig? Habe ich vielleicht nicht mehr lange zu leben? Wie gut sind die Heilungsaussichten? Ich komme auf wunderliche Gedanken. Überlege zum Beispiel, ob es Dinge gibt, die ich unbedingt noch machen will, bevor ich sterbe. Mir fallen keine ein. Das ist irgendwie ein ganz gutes Gefühl inmitten der ganzen Misere.

Nach drei Tagen ist klar: Ja, es ist wirklich ein bösartiger Tumor und nein, es gibt keine sichtbaren Metastasen oder sonstige Hinweise darauf, dass der Krebs gestreut hat. Mit diesen halbwegs beruhigenden Infos darf ich nach Hause, bekomme einen Termin für das OP-Vorgespräch.

Ich bin selber erstaunt, wie ruhig und gefasst ich bleibe, von dem ersten Zusammenbruch mal abgesehen. Klar fließen immer mal wieder Tränen. Doch weniger aus Angst und Selbstmitleid, wie ich mich selbst mit einiger Verwunderung analysiere, sondern aus - angesichts der Gefahr - eigentlich nichtigen Anlässen: Ich werde wohl nicht zur Zeugnisverleihung und zum Abiball meiner Tochter mitgehen können. Oder: Ich weine vor Dankbarkeit, weil mein Leben bis hierhin so schön war, mein Mann und meine Kinder so unendlich lieb sind. Insgeheim bin ich fast sogar froh, dass es mich getroffen hat, und nicht die, die ich am meisten liebe. Die Frage "Warum ich?" ist mir gar nicht wichtig. Ich fühle keinen Zorn. Eigentlich komisch.

Dann wieder fließen Tränen vor Freude über eine liebe E-Mail, mal, weil ich so viel herzliche Zuwendung von allen, teils unerwarteten, Seiten erfahre. Und manchmal auch, weil die bevorstehende große Bauch-OP Angst macht.

"Alles absolute Routine", sagt der Chefarzt im Vorgespräch. Ach so? Ja, für ihn bestimmt, aber für mich ist es das erste Mal. Ich schlucke und atme tief durch, als er mit einem Kuli meinen Darm auf ein Blatt Papier kritzelt und mit zwei Strichen andeutet, dass davon ungefähr ein Drittel rausgeschnitten wird. Ich dachte, mein Tumor sei klein? Es sei Standard, bei dieser Art von Krebs so zu operieren, denn alle angrenzenden Lymphknoten müssen mit raus, wird mir erklärt. Na gut, er wird es wissen. Ich habe Glück und bekomme direkt für den nächsten Morgen einen OP-Termin. Wenigstens nicht noch eine Woche warten, Ungewissheit aushalten müssen. Das Ding muss raus! Je schneller, desto besser.

Es ist schon ein komisches Gefühl, als ich am OP-Morgen zur Klinik gehe. Denn ich fühle mich ja völlig gesund. Davon, dass in meinem Bauch ein potenziell tödlicher Tumor schlummert, merke ich nichts. Routine hin oder her, ich habe sehr große Angst. Gut, wenn man einen Bruder hat, der von Beruf Facharzt für Psychotherapie ist und auf dem Weg zur OP-Vorbereitung die richtigen Worte findet, um mich zu beruhigen. "Versuche, dich nicht auf das Negative der Situation zu fixieren. Denk dir, du gehst jetzt zur OP, und die Ärzte retten dir jetzt und heute das Leben", sagt er. Und recht hat er. Mit dieser Einstellung will ich meistern, was bevorsteht.

Fünf Stunden später. Alles ist gut verlaufen (war ja auch "absolute Routine"). Der Tumor ist raus. Mein Bauch tut weh, aber das Schmerz-Team der Klinik tut alles, um es aushaltbar zu machen. Mir geht auf, dass "minimal invasiv" zwar heißt, dass man außen am Bauch nur wenig Narben sieht, aber dass drinnen trotzdem richtig heftig gearbeitet wurde. "Aufstehen aus dem Bett und bis zur Erschöpfung über den Flur laufen", fordert der Chirurg und ich tue, was er sagt. Mit iPod und Ohrstöpseln bin ich ab Tag zwei nach der OP auf dem Stationsflur unterwegs, auf und ab, Zähne zusammenbeißend, immer wieder. Ich bin top motiviert, denn vielleicht kann ich doch mit zum Abi-Ball und zur Zeugnisverleihung an Tag neun nach der OP. Ich will gesund werden. Und zwar so schnell, wie möglich.

Ist mein Optimismus, ganz zu genesen, übertrieben, oder gar völlig blauäugig? Steht er mir in meiner Situation gar nicht zu? Werde ich zu denen gehören, die viel zu jung qualvoll an der Krankheit sterben? Wie mein Studienfreund vor zwei Jahren?

Es gibt immer wieder Tiefs, die mich zweifeln lassen. Zum Beispiel, als der Krankenhaus-Sozialdienst vorbei kommt und ich lerne, dass ich für die nächsten fünf Jahre Anspruch auf einen Schwerbehinderten-Ausweis habe. Bitte was? Meine Idee war: "Tumor ist raus, eventuell noch vorhandene Krebszellen werden mit der Chemotherapie beseitigt, und dann bin ich gesund". Die offizielle Lesart ist nun: "Schwerbehindert"? Das setzt mir zu. Ich bekomme eine Mappe mit Adressen von Selbsthilfegruppen und Reha-Kliniken, das Angebot, psychoonkologische Beratung in Anspruch zu nehmen. Ist es falsch und fahrlässig, dass ich das alles nicht will?

Oder der Tag, als klar wird, dass ich um sechs Monate Chemotherapie nicht herumkomme. Einer von 27 Lymphknoten ist betroffen. Dies ist der Moment, als es schön gewesen wäre, jemanden mit Fachkenntnis zum Reden zu haben, sofort. Stattdessen google ich erst mal - und das ist ein großer Fehler: Was ich lese macht Angst und verunsichert ohne Ende. Zum Glück kommt im Moment des absoluten Tiefpunkts der Professor herein und kann mir einige Ängste nehmen. Etwa die vor Haarverlust. Im Allgemeinen, sagt er, sei diese Chemotherapie sehr gut verträglich und habe keine Glatze zur Folge. Wahrscheinlich kann ich weitestgehend normal leben und arbeiten. Und wenn nicht, da bin ich mir jetzt sicher, komme ich damit auch klar.

Darmkrebs googeln kommt übrigens noch am gleichen Tag auf meine "Not-to-do-Liste". Genau wie einige andere Dinge. Denn die Konfrontation mit der bedrohlichen Krankheit macht nachdenklich. Wie will ich den Rest meines Lebens verbringen? Will ich Zeit verschwenden mit Sachen, zu denen ich absolut keine Lust habe? Will ich Pläne machen, für "in fünfzehn Jahren, wenn wir in Rente sind"? Nein! Leben ist jetzt. Und Leben ist schön. Ich werde mich bestimmt nicht mehr über Kleinkram ärgern. Und ich war beim Abiball!

Quelle: RP
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