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Spielzeiteröffnung
Pointen aus Hollywoods Chefetage

1939 haben Millionen Amerikaner den Bestseller "Vom Winde verweht" gelesen. Ben Hecht nicht. Das wäre nicht fatal, wäre er nicht der Autor, der aus dem 1037 Seiten starken Wälzer ein Drehbuch machen soll. Und das binnen fünf Tagen. Fast so hat es sich in den MGM-Studios ereignet - herrlicher Stoff für eine Komödie: "Mondlicht und Magnolien" von Ron Hutchinson hat Franziska Gramss zu einem köstlichen Studio-Stück fürs Gemeinschaftstheater gemacht.

Eva Spott als Revue-Girl aus der Traumfabrik Hollywood bedient den silberglitzernden Vorhang und gibt die Machtetage der Filmwelt frei. Später wird sie als Sekretärin die hermetisch abgeschlossene Ideenschmiede mit Bananen beliefern. Mit bleichgeschminkten Gesichtern geben Paul Steinbach als Produzent David O. Selznick, Adrian Linke als Autor Ben Hecht und Christopher Wintgens als Regisseur Victor Fleming die drei Super-Asse im Ausnahmezustand. In der Klausur des Produzentenbüros, das Lydia Merkel und Rina Cervinscaia mit allen Hollywood-Must-haves eingerichtet haben (vom lebensgroßen Porzellanhund bis zur Besetzungscouch) prallen Ideologien aufeinander. Der Produzent, der ständig gegen seinen ungelenken Körper ankämpft, glaubt an den Film und braucht einen Hit. Der Zyniker Hecht, würde am liebsten den ganzen Schwachsinn streichen, das Bild von der Sklaverei in Amerika und die neue jüdische Elite in der Filmindustrie ausdiskutieren. Und Hecht gibt den trockenen Pragmatiker: "Das Schlimmste, was dem Genre passierte, war der Tonfilm. Jetzt brauchen wir Worte." Zwischen Apercüs und Pointen blitzt die desillusionierende Seite der Hochglanzwelt auf. Doch hier darf man sich auch einfach nur klug unterhalten fühlen.

Nächster Termin: 13. September.

(ped)
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