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Krefeld
Pralle Leselust mit der neuen "Heimat"

Krefeld: Pralle Leselust mit der neuen "Heimat"
Ansicht des Schlosses aus dem Jahr 1547; Das Schloss ist im Laufe der Jahrhunderte mehrfach gemalt worden; es hat sich in seiner wechselvollen Geschichte von einer Burg zu einem Herrensitz mit Fabrik hin entwickelt. Heute ist noch als Kern das Hohe Haus an der Straße Am Hohen Haus/ Ecke Bogenstraße übrig. FOTO: Verein für Heimatkunde
Krefeld. Der neue Band unter neuer Schriftleitung bietet eine fulminante Themenmischung bei hohem inhaltlichen Niveau. Von Jens Voss

Nur wenige Dinge sind geändert, und doch wohnt der neuen "heimat" eigene Dramatik inne: Erstmals ist das Jahrbuch des Vereins für Heimatkunde unter der Schriftleitung von Stefan Kronsbein erschienen, nachdem die Schriftleiter Christoph Dautermann und Burkhard Ostrowski ihr Amt niedergelegt haben. Eine Bemerkung von Robert Claßen, Vorsitzender des Vereins für Heimatkunde, lässt ahnen, wie tief dieser Einschnitt war: Der Verein, schreibt Claßen im Vereinsbericht für 2017, sei nunmehr auf "pure Ehrenamtlichkeit" angewiesen, "was nach der Einschätzung vieler Insider nicht reichen würde, die Kontinuität der 'Heimat' zu erhalten". Nun, diese Befürchtung hat Kronsbein glänzend widerlegt. Der Heimat-Band mit der Nummer 88 präsentiert sich als prachtvoll bebildertes, historisch vielfältiges und an aktuelle Diskussionen andockendes Fest des Lesens und des Schauens.

Zu den Höhepunkten des Schauens gehört das Gemälde von Schloss Cracau aus dem Jahr 1547, das einen Beitrag über die Geschichte dieses Schlosses eröffnet. Seine Reste finden sich heute im Hohen Haus - es ist der letzte Kern einer kleinen Schlossanlage, in der die Familie von Beckerath eine Seidenweberei betrieb, bis der Komplex im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Pure Schaulust erfasst den Leser im Beitrag von Christoph Dautermann über den Maler Wilhelm Brandenberg (1889-1975). Die Abbildungen dokumentieren ein Werk, das impressionistische Prägung mit Elementen naturalistischer Industriemalerei des 19. Jahrhunderts vereint und so eindrucksvolle Bilder auch der Industriestadt Krefeld geschaffen hat. Abgebildet ist unter anderem eines der eindrucksvollsten Gemälde Brandenbergs: die Rheinbrücke 1936.

Zu den verblüffendsten Lebenserzählungen gehört der Beitrag von Werner Stenmans und Martin Sorg vom Entomologischen Verein Krefeld. Sie stellen das fast abenteuerliche Leben des Krefelder Insektenkundlers Max Rothke (1867-1936) vor, der es als Autodidakt zu wissenschaftlichen Ehren brachte und mit den Grundstock für die bedeutende entomologische Tradition in Krefeld gelegt hat. Rothke gehörte zu den Gründungsmitgliedern des 1890 gegründeten "Vereins für naturwissenschaftliches Sammelwesen zu Crefeld". Im Jahr 1900 wanderte er nach Amerika aus, wurde Landwirt, hielt 600 Hühner und war später Angestellter in einer Seidenfabrik. Seiner Leidenschaft Entomologie blieb er auch in den USA treu. Er schuf dort eine Schmetterlingssammlung mit 20.000 Exemplaren.

Zu den in die Zukunft weisenden Beiträgen gehört das fesselnde Stück der Architektin und Stadtplanerin Claudia Schmidt, die in Krefeld schon verschiedene Vorträge vor allem über das Vagedes-Erbe und die historische Struktur der Innenstadt gehalten hat. Unter der Überschrift "Das mittelalterliche Stadtherz - ein Versuch" arbeitet sie sehr klar das Hauptproblem gegenwärtiger Stadtplanung heraus. Es gibt zwar die Vision, dass die Innenstadt wieder das wird, was sie einmal war: nämlich Wohn- und Geschäftsraum - denn als ein solches Mischgebiet war ja auch die Stadterweiterung von Vagedes angelegt. Die Trennung in Funktionsräume (hier wohnen, da arbeiten, dort einkaufen) ist eine moderne Entwicklung, die die gewachsenen Strukturen der Stadt missachtet - und in Krefeld bekanntlich auch nur bedingt funktioniert: Die langgestreckte Innenstadt ist für den Einzelhandel in voller Länge kaum mehr erfolgreich zu bespielen. Bislang ungelöst ist der zentrale Konflikt, dass die Innenstadt als Einkaufszentrum andere Park- und Verkehrsnutzungen erzwingt als eine Wohn-Innenstadt mit ihren Bedürfnissen nach entschleunigten "Frei- und Parkräumen". Hier ist laut Schmidt nicht im Ansatz erkennbar, wie das oft beschworene Zukunftsbild vom neuen Leben in der Innenstadt umgesetzt werden soll. "Das Verkehrskonzept aus dem Jahr 1952 blieb bis heute unverändert", resümiert Schmidt, "seine Ersetzung durch ein zukunftsfähiges Mobilitätskonzept ist überfällig."

Daran wird indirekt auch dies deutlich: Es reicht nicht, das Auto aus der Innenstadt zu verbannen; wer in der Stadt wohnt, muss dort auch parken können wie ein Anwohner, nicht wie ein Einkäufer. Schmidts Beitrag ist zudem belebt durch eine Skizze, wie etwa die neue Fassung für den historischen Markt "Schwanenmarkt" aussehen könnte - unter der Überschrift "Wider die Verflachung" plädiert sie für kleinteilige Giebelarchitektur, die den alten Marktplatz wieder lesbar macht.

So bietet dieser Heimat-Band vielfach fesselnde Lektüre auf hohem Niveau. Der Verein für Heimatkunde feiert im kommenden Jahr seinen 100. Geburtstag. Mit dieser Art Heimatkunde, die fachliche Solidität mit Aktualität verbindet, muss man sich über das nächste Jahrhundert in der Geschichte des Vereins keine Sorgen machen.

Quelle: RP
 
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