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Interview mit einem Prepper
"Wir fühlen uns alle deutlich zu sicher"

So hat sich der Prepper auf die Katastrophe vorbereitet
So hat sich der Prepper auf die Katastrophe vorbereitet FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Krefeld. Die Bundesregierung möchte, dass die Bevölkerung für Krisenfälle Vorräte anlegt. Der Krefelder Bastian Blum ist "Prepper" und deshalb längst vorbereitet. Bereits vor einiger Zeit haben wir mit ihm über die Überlebenschancen nach einem Atombombeneinschlag und die Kraft der Teelichter gesprochen. Von Sebastian Dalkowski

Wenn Bastian Blum zur Arbeit von Krefeld nach Duisburg fährt, nimmt er einen schweren Rucksack mit. Nicht jeden Tag, aber wenn ein Unwetter droht. In dem Rucksack sind unter anderem eine Feldlampe, ein Gaskocher, ein Notfallradio, eine Stirnlampe, ein Seil, zwei Tütensuppen, ein Wasserfilter, Energieriegel und ein Beil.

Bastian Blum ist darauf vorbereitet, wenn er auf dem Rückweg den Wagen stehenlassen und nach Hause zu seiner Frau laufen muss. Er gehört zur wachsenden Szene der Prepper, Menschen, die sich auf Notfälle von Stromausfall bis Atombombeneinschlag vorbereiten (Engl.: "to prepare"). Um andere zu informieren und sich mit anderen Preppern auszutauschen, hat er 2013 die Prepper-Gemeinschaft Deutschland gegründet. Das dürfte ganz im Sinne der Bundesregierung sein, die am Mittwoch eine "Konzeption zivile Verteidigung" beschließen möchte. Diese sieht laut "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" unter anderem vor, dass Bürger für fünf Tage zwei Liter Wasser pro Person und Tag lagern sollten. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt bereits seit Längerem, Vorräte anzulegen. Die neue Konzeption wurde 2012 in Auftrag gegeben.

Was gäbe es bei Ihnen am ersten Tag nach der Katastrophe zu essen?

Bastian Blum Dinge, die schnell und einfach zuzubereiten sind. Dauerkekse, Müsliriegel, eine Tütensuppe. Ich werde einfach nicht die Zeit haben, großartig zu kochen.

Und wenn Sie Weihnachten auf der Flucht wären?

Da würde ich Knödel kochen, Dauerwurst anbraten und mit ein bisschen Tomatenmark und Gewürzen abschmecken. Zum Nachtisch wären gesüßte Haferflocken oder Apfelmus möglich.

Auf Ihrer Website zeigen Sie auch, wie sich mit Kerzen ein Brot backen lässt.

Richtig. Einfach Teelichter in einen Topf stellen und einen Gitterrost darüber legen. Darauf kommt dann der Teigrohling in einem Topf. Die Hitze verteilt sich so, dass das Brot innerhalb von drei Stunden gebacken wird. Ein Teelicht hat 35 Watt. Mit genug Teelichtern können Sie auch Wasser kochen.

Sie haben mir gerade Ihren Vorratskeller gezeigt. Da lagert eine ganze Menge.

Genau. Erste-Hilfe-Material, Toilettenpapier, Decken, Wasserkanister, Schutzwesten, alle möglichen Nahrungsmittel, Brennstoffe, Gaskocher, Zündhilfen...

… welche Zündhilfen gibt es denn abgesehen vom Feuerzeug und Streichhölzern?

Feuerstahl. Das ist eine Art Feuerstange mit einem Griff. Dann nehmen Sie ein Stück Watte, entzünden diese durch einen Funken und können das Feuer dann weiter aufbauen.

Was vergisst der Laie gerne?

Das Notfallradio. Es hat kaum jemand ein batteriebetriebenes Radio. Letztlich kommen die Warnungen übers Radio. Das Handy nützt Ihnen dann gar nichts. Wenn der Strom ausfällt, ist das Handynetz in einer halben Stunde weg.

Was hat Sie zum Prepper gemacht?

Ein Freund hat mich darauf gebracht, weil er selbst Prepper ist. Der hat mich zum Beispiel darauf hingewiesen, dass es bei Ebay günstig Decken und Toilettenpapier gibt.

Sie kaufen Ihr Toilettenpapier bei Ebay?

Dort gibt es die in größeren Packs für 20 bis 30 Euro. Aber das Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfiehlt ja auch, Vorsorge zu betreiben. Außerdem habe ich als Helfer fürs DRK das Oder-Hochwasser erlebt. Sie müssen sich klar machen, dass in einem Schadensgebiet nicht unbedingt die Infrastruktur vorhanden ist, um einen zu schützen.

Aber das ist doch die Aufgabe des Staates.

Ja, aber er braucht eine gewisse Anlaufzeit. Und je größer das beschädigte Gebiet ist, desto länger ist die Anlaufzeit.

Das Amt für Bevölkerungsschutz empfiehlt, Vorräte für zwei Wochen anzulegen. Es fällt mir allerdings schwer zu glauben, dass es in Deutschland zwei Wochen dauern kann, bis mir geholfen wird.

Das lässt sich mathematisch erklären. Je größer die Fläche und je höher die Einwohnerzahl, desto schwieriger ist es. Die Schweiz hat es da leichter mit einer kleinen Fläche. Die kann im Katastrophenfall, der das ganze Land betrifft, 95 Prozent der Bevölkerung medizinisch versorgen. Das war der Stand 2005. In Deutschland waren es nur 18 Prozent.

Müssen wir uns heutzutage mehr Sorgen machen als früher?

Absolut. Die Gefahren von Infektionskrankheiten und Chemieunfällen werden größer. Unser Klima hat sich verändert, wir haben wesentlich häufiger lokale oder regionale heftige Stürme, Tornados treten immer mehr in besiedelten Gebieten auf, wir haben mehr Überschwemmungen. Hacker können für Stromausfälle sorgen. Beispiel für Stromausfälle gibt es ja genug, unter anderem in Amsterdam.

Amsterdam war ohne Strom?

Vor ein paar Monaten gab es tagsüber einen Stromausfall in ganz Amsterdam. Aber weil es tagsüber war, ist nichts passiert. In Berlin-Kreuzberg fiel der Strom mal nur für ein paar Stunden am Abend aus. Da wurden gleich mehrere Geschäfte geplündert, es gab Massenschlägereien. Viele Leute nutzen die Dunkelheit aus.

Auf welche Szenarien sind Sie vorbereitet?

Stromausfall, Chemieunfälle, Epidemien. Im Keller habe ich Schutzanzüge, damit ich fliehen kann. Stürme, Erdbeben. Die Eifel ist eines der aktivsten Gebiete, was Vulkane angeht. Es kommt bloß nicht so an die Oberfläche. Ein Prepper informiert sich, welche Gefahren in seiner Gegend drohen. Es geht darum, die Zeit zu überbrücken, bis staatliche Hilfe kommt. Sie werden bei einem Stromausfall nach zehn Minuten erleben, wie die ersten Menschen schreiend über die Straße rennen: "Was soll der Scheiß? Warum kriege ich keine Burger bei McDonalds?"

Nun ja.

Das mag lustig klingen. Aber ich hatte hier mal einen partiellen Stromausfall, fünf Häuser waren betroffen. Nach zwei Stunden kamen schon zwei Leute raus und haben auf der Straße die Leute von den Stadtwerken angeschrien. Stellen Sie sich vor, wenn der Strom in der ganzen Stadt ausfällt...

Was haben Sie gemacht?

Ich habe die Kerzen rausgeholt. Meine Frau hatte Hunger, aber die Pizzeria unten hatte auch keinen Strom. Also haben wir mit dem Gaskocher Haferflocken gekocht, Eier gebraten und Fertiggerichte aufgewärmt.

Glauben Sie, dass in Deutschland eine Epidemie ausbrechen kann?

In Südkorea geht gerade Mers um. In Afrika ist es Ebola. Es reicht ja, wenn eine Organisation nicht aufpasst.

Aber Deutschland ist doch viel besser geschützt.

In Großbritannien, wo im vergangenen Jahr Ebola ausgebrochen ist, gab es nur 25 Versorgungsbetten für solche Fälle. Was ist, wenn es 30 oder 40 sind? Dann müssen Lager aufgebaut und Schutzzonen eingerichtet werden. In Deutschland sind es, glaube ich, 55 oder 60 Infektionsbetten. Aber das reicht noch lange nicht. Wenn Sie Pech haben, ist Ihr Nachbar krank und die Gegend wird isoliert.

Ich habe mir um all das noch nie Gedanken gemacht. Fühle ich mich zu sicher?

Wir fühlen uns alle deutlich zu sicher, dabei ist der Katastrophenschutz nach Ende des Kalten Krieges verringert worden. Aber die Leute, die das Oder-Hochwasser erlebt haben, bereiten sich nun auch alle vor. Oder fragen Sie die Leute im Münsterland, wo im Winter mal für ein paar Tage der Strom ausgefallen ist. Die werden dort jetzt alle Notstrom-Aggregate und Lebensmittelvorräte haben.

Werden Sie als Prepper belächelt?

Zwei, drei Mal, aber wenn ich den Leuten die Beispiele nenne wie Hochwasser und Stromausfall, dann geht das Lächeln zurück.

Auch für Hochwasser und Stromausfall muss sich niemand den ganzen Keller vollstellen.

Aber wenn Sie die Empfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz nehmen und das mit der Zahl der Familienmitglieder multiplizieren, dann ist der Keller auch wieder voll. Da reicht kein kleines Regal mit Lebensmitteln.

Wie schauen Sie Richtung Ukraine?

Auf jeden Fall mit Sorge. Da kann sich weltpolitisch oder wirtschaftlich etwas ändern, wenn Russland so weitermacht. So weit ist das nicht weg. Wir sollten es nicht außer Acht lassen.

Aber selbst im Kalten Krieg ist ja quasi nichts passiert.

Aber in der Kuba-Krise war es zum Beispiel sehr knapp. Oder nehmen Sie Tschernobyl 1986. Da hatte der Westen keinen Einfluss auf die Rettungsmaßnahmen, trotzdem kam der Mist rüber.

Es gibt unsichere Gegenden als Deutschland.

In Belgien wurde schon mehrmals berichtet, dass ein Atomkraftwerk 1000 Risse hat.

Aber die Unwetterkatastrophen halten sich hier in Grenzen.

Sie haben aber sicher schon von den Tornados in Bayern gehört. Was ist, wenn ein Tornado über so ein Atomkraftwerk geht?

Müssten Sie nicht eigentlich aufs Land ziehen? Die Stadt kommt mir unsicher vor.

Es hängt davon ab, wo man in der Stadt wohnt und wie die Lage ist. Man muss eben auf die Gefahren vorbereitet sein. Wenn alle von der Stadt aufs Dorf fliehen, ist der Dorfbewohner auch nicht begeistert.

Sie wissen, wohin Sie fliehen würden?

Jeder Prepper hat Fluchtpläne gemacht. Wie komme ich weg? Wie kann ich mehrere Tage draußen überleben? Meine erste Anlaufstelle wäre bei einem Freund in der Nähe von Moers. Das sind so 15, 20 Kilometer. Die kann ich notfalls laufen. Falls es auch dort gefährlich ist, müssen wir eben weiter.

In manchen Fällen gibt es kein Weiter.

Nehmen Sie die Ausschreitungen in Frankfurt am Main während der Eröffnung der EZB-Zentrale. Da denken Sie bei den Bildern: In ganz Frankfurt waren Krawalle. Aber gehen Sie mal auf die Rückseite des Hauses und dort ist nichts. Sie müssen einfach irgendwo anders hinsehen, dann sieht die Situation schon anders aus. Wenn Sie allerdings überall nur Chaos sehen, müssen Sie eben hinter das Chaos kommen.

Wenn es das noch gibt.

Selbst wenn eine Atombombe explodiert, sind die Überlebenschancen immer noch gigantisch groß.

Aber doch nicht, wenn Sie vor meinem Haus einschlägt.

Dann nicht. Aber schon, wenn Sie ein oder zwei Kilometer entfernt sind. Wenn Sie Glück haben, waren Sie während der Explosion im Haus, die Druckwelle hat das Haus nicht zerstört. Sie werden noch Sauerstoff haben, Sie werden nicht erblindet sein. Dann haben Sie die Chance zu überleben. Wenn es einen Fallout gibt, bleiben Sie im Haus. Dann bekommen Sie nur noch ein Fünftel der Strahlung ab. Maximal. Wenn Sie irgendwo einen kleinen Bunker haben oder die Wohnung isoliert ist, bekommen Sie unter ein Prozent der Strahlung ab. Mit der richtigen Schutzkleidung gehen Sie nach draußen und gegen die Windrichtung. Die gefährlichste Strahlung ist die Alpha-Strahlung. Aber die geht nicht mal durch eine Zeitung.

Ich habe gelesen, dass viele Prepper auch Kampfsport beherrschen.

Selbstverteidigung ist wichtig. Denn leider gibt es viele, die nicht auf Katastrophen vorbereitet sind.

Was können Sie?

Krav Maga, eine israelische Kampfsportart mit dem Ziel, den Gegner effizient auszuschalten.

Wie sieht es mit Waffen aus?

Schusswaffen habe ich keine. Ich besitze zwar eine Armbrust, aber die ist für die Jagd, wenn ich mich selber versorgen muss. Außerdem kann ich damit ein Seil auf die andere Seite des Flusses schießen. Zur Verteidigung eignet sie sich nicht, weil es zu lange dauert, sie zu spannen. Aber ich kenne Leute mit Waffenschein.

Was macht Ihnen mehr Sorge – die Katastrophe an sich oder das Verhalten der Menschen?

Das Verhalten der Menschen. Auf eine Katastrophe kann man sich vorbereiten, aber man weiß nie, wie die Menschen reagieren. Eine bestimmte Menge X wird die Kontrolle verlieren.

In Zombiefilmen kommen die Leute meistens deshalb um, weil untereinander Streit ausbricht.

Das ist richtig. Bei einem Häuserbrand scheitert es auch am Fehlverhalten der Leute. Zum Beispiel, weil die Leute den Brand unterschätzen und nicht rausrennen. Dann nehmen sie zwei Atemzüge und sind tot.

Sind Sie ein ängstlicher Mensch?

Überhaupt nicht. Ich mache das nicht aus Angst heraus, sondern weil es vernünftig ist, sich vorzubereiten.

Sehen Prepper aber vielleicht Gefahren, wo keine sind?

Das kann am Anfang passieren, wenn einem das Wissen fehlt, zu differenzieren. Dann sieht man eben nicht, dass da bloß ein Sack Reis in China umgefallen ist, der die Lage hier nicht verändert. Aber wir wissen eben, dass es diese Gefahren gibt.

Nun könnte sich Ihr Nachbar im Katastrophenfall denken: Ich bin zwar nicht vorbereitet, aber der Herr Blum hat Vorräte angelegt. Also bedrohe ich ihn einfach mit einer Waffe, bis er damit herausrückt.

Es gibt Möglichkeiten, so eine Person mit Waffe unschädlich zu machen.

Durch Ihren israelischen Kampfsport?

Und durch andere Maßnahmen.

Das klingt aber sehr bedrohlich.

Ich könnte auch eine Falle stellen oder dafür sorgen, dass er sich selber unschädlich macht. Es ist naiv zu glauben, dass ein Prepper auf so etwas nicht vorbereitet ist. Auch ein Besenstil oder ein Stuhl kann zur Waffe werden.

Die amerikanischen Prepper übertreiben es da etwas.

Dort ist es ganz normal, Waffen zu besitzen. Wir finden erschreckend, dass sie so viele Waffen haben. Die finden es erschreckend, dass wir so wenige haben. Das führt unter Preppern allerdings zu einer Rüstungsspirale. Ein durchschnittlicher Prepper in den USA hat mehr Waffen als eine durchschnittliche Polizeikaserne in Deutschland. Wenn dort eine Katastrophe ausbricht, kommt der Wilde Westen zurück.

Halten die Menschen im Katastrophenfall nicht vielleicht doch zusammen?

Das kommt darauf an, wer das Wort ergreift. Ich könnte mit meiner Erfahrung die Leute zusammenhalten. Ergreift in einem anderen Stadtteil jemand das Wort, der vielleicht noch eine Motorradgang leitet, dann sieht die Sache schon anders aus. Der verspricht den Leuten auch das Blaue vom Himmel, aber er wird ganz anders mit den Leuten umgehen.

Wenn ich im Katastrophenfall völlig unvorbereitet bin und dann bei Ihnen klopfe, würden Sie mich aufnehmen?

Wenn Sie allein kommen und Hunger haben oder eine Decke brauchen, würde ich helfen. Es kommt nur darauf an...

… Ja?

Wenn ich weiß, dass ich die ganzen Sachen brauchen werde, weil die Katastrophe länger dauert, würde ich Sie wegschicken. Ich würde Ihnen aber ein paar Tipps geben, wie Sie überleben können.

Quelle: RP
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