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Krefeld
Prozession für die Königin des Universums

Prozession bei Tempelfest in Krefeld
Prozession bei Tempelfest in Krefeld FOTO: Mark Mocnik
Krefeld. Sonnenschein und eine im wahrsten Sinne farbenfrohe Glaubensfreude umfingen den Besucher am Sonntag auf dem Gelände des Hindu-Tempels in einem ehemaligen Industriegebäude an der Girmesgath. Dort feierten die 200 zur tamilischen Gemeinde gehörenden Familien einen Höhepunkt ihres mehrtägigen Tempelfestes. Von Mojo Mendiola

Schon draußen wurden alle Sinne angesprochen. Die farbstarken Saris der Frauen fesselten das Auge, Musiken durchdrangen sich, und ein reiches Angebot an Obst, würzigem Fingerfood, Tellergerichten sowie pikanter Lassie und Tee mit Milch erfreuten Gaumen und Magen. Stärkung tat auch Not, denn den Gläubigen stand die große Prozession bevor, in der das Bildnis ihrer Göttin Sri Nagapooshani Ampaal in einem zweistündigen Marsch über Prinzenbergstraße, Weyerhofstraße und Hülser Straße rund um den ganzen Block geführt wurde.

Der Hinduismus gilt als eine der großen Weltreligionen, genauer betrachtet handelt es sich aber um einen Sammelbegriff. Die ersten muslimischen Eroberer schafften es von Westen her zunächst nur bis an den Indus und bezeichneten alle jenseits des Flusses anzutreffenden weltanschaulichen Vorstellungen kollektiv als Hinduismus. Immerhin waren und sind den diversen Gruppen zentrale Glaubensinhalte gemeinsam, so das Prinzip des Karma, einer Art Seelenkonto für gute und böse Gedanken und Taten, sowie der Glaube an die Wiedergeburt unvollkommener Seelen in eine erneute irdische Existenz, um sich für die Erlösung zu qualifizieren. Auch herrscht die grundsätzliche Überzeugung, dass es nicht nur eine wahre Religion geben kann, sondern dass viele Wege offenstehen, auf denen jedes Wesen einen Pfad zum Göttlichen finden kann.

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So kann auch die unübersehbare Vielzahl von Göttern im Hinduismus nicht erstaunen. Ein wenig erinnert das an die große Schar der Schutzheiligen, die der gläubige Katholik um Beistand anrufen kann. Brahma, Vishnu und Shiva sind die drei zentralen Gottheiten der Hindus, in der westlichen Welt genießt ferner der elefantenköpfige Ganesh einen hohen Bekanntheitsgrad. Zum Pantheon gehören auch Göttinnen, unter ihnen Lakshmi, die Mutter des Ganesh. Von besonderer Bedeutung ist die göttliche Königin des Universums und Mutter diverser anderer Gottheiten, die zum Beispiel auch die Mutter von Lakshmi und mithin die Großmutter von Ganesh ist. Ihr Name ist Sri Nagapooshani, und ihr haben die Krefelder Hindus ihren Tempel geweiht.

Der Innenraum des Krefelder Tempels ist von der Schlichtheit des Provisoriums gekennzeichnet und atmet dennoch sakrale Atmosphäre. Ein großer Altar ist der Hauptgöttin geweiht, an mehreren kleineren werden Götter wie Ganesh, Durga und andere verehrt. Acht Männer in knöchellangen, cremefarbenen Wickelröcken, Veetti genannt, barfuß und mit bloßen Oberkörpern, haben die Skulptur der sitzenden Sri Nagapooshani auf eine Plattform auf ihren Schultern gehoben und schaukeln sie nun förmlich - ein paar Schritte vorwärtsgehend, dann im Wiegeschritt einen vor, einen zurück - durch den Tempel ins Freie, wo der Zug sich formiert. Zuerst die Musiker, zwei Bläser mit langen Holzinstrumenten, die wie Zwitter aus Klarinette und Trompete klingen, begleitet von Perkussionisten, die mit Stöcken auf Doppelfelltrommeln den Rhythmus geben. Dann folgt eine große Gruppe Frauen - viele haben ihre Hände gefaltet -, und hinter ihnen geht rückwärts ein Priester, der das Bildnis der Göttin mit Blütenblättern bewirft. Schließlich folgt der Rest der Gemeinde. Auf dem Vorplatz schweigt die Musik, Sri Nagapooshani wird unter Glöckchengeläut auf einen reich geschmückten Wagen unter einen Baldachin gesetzt, und man opfert ihr Kokosnüsse, die man knackend vor ihr zerbersten lässt. Dann setzt die Musik wieder ein, der Zug macht sich endgültig auf den Weg. Für die Strecke braucht er allerdings seine Zeit, denn unterwegs werden immer wieder Zwischenstopps eingelegt. Dann werden Gebete gesprochen, manchmal reicht der mit auf dem Wagen sitzende Priester der Göttin symbolisch Speise und Trank.

Mit einem kollektiven Ausruf, der die Konzentration auf das nächste Stückchen Weg sichern soll, geht es dann weiter. Vorne trommeln und blasen die Musiker, hinter der "Kutsche" der Göttin singen die Frauen - in gänzlich anderer Rhythmik und Melodik - Lobpreisungen auf die Königin des Universums. Und nicht nur ihr Gesang, auch ihre Gesichter strahlen eine heitere, entspannte Frömmigkeit aus. Schließlich kommt man wieder am Tempel an, froh und glücklich über die Zeremonie und begierig, sich erneut kulinarisch zu laben.

Quelle: RP
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