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Krefeld
Rettungstrupp für die Lyrik

Krefeld: Rettungstrupp für die Lyrik
Die Dichterin Viktoria Lösche (vorne rechts) hat starke Mitstreiter für die Lyrik gefunden: (v.l.) Eugen Gerritz, Georg Dammer, Renate Wilkes-Valkyser, Barbara Düsselberg, Evelyn Buchholz und Dieter Pützhofen. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Viktoria Lösche hat neue Gedichte geschrieben. Mit einem Subskriptionsprojekt sollen sie als Lyrikband veröffentlicht werden. Von Petra Diederichs

Viktoria Lösche hat keine laute Stimme, aber eine Menge zu sagen. Auch wenn die Lyrikerin seit 1998 keinen Gedichtband mehr veröffentlicht hat - geschwiegen hat sie nicht. Doch der Literaturbetrieb ist hart. "Wer drei, vier Jahre nichts veröffentlicht hat, ist weg vom Fenster", sagt Lösche. Ihr Lyrikband "Lichthof" wird deshalb auf ungewöhnliche Weise erscheinen: in einem Subskriptionsprojekt, für das Eugen Gerritz, langjähriger kulturpolitischer Sprecher der SPD im Landtag, namhafte Kooperateure gewonnen hat. Einer ist der frühere Oberbürgermeister Dieter Pützhofen: "Viktoria Lösche ist eine auf Landesebene belobigte Dichterin. Und jetzt besteht die Gefahr, dass man sie in der eigenen Stadt nicht zur Kenntnis nimmt. Dagegen muss man etwas unternehmen."

Deswegen haben die beiden sich mit Evelyn Buchholz, stellvertretende Leiterin der Mediothek, der Verlegerin Barbara Düsselberg (Sassafras), der Journalistin Renate Wilkes-Valkyser, Kulturbüro-Leiter Jürgen Sauerland-Freer und Georg Dammer vom Werkhaus/Südbahnhof zum Rettungstrupp für die Lyrik aus Krefeld zusammengeschlossen. Am Dienstag, 10. Mai, wird Viktoria Lösche ab 19 Uhr im Südbahnhof aus dem Manuskript von "Lichthof" lesen. 60 Gedichte soll der Band enthalten, dazu Fotografien der Osterather Künstlerin Mechthild Weidenbach, deren Arbeiten an diesem Abend ausgestellt sind. "Wir brauchen etwa 350 bis 400 Bestellungen, dann wird gedruckt", sagt Gerritz.

Lyrik hat auf der Liste der gefährdeten Literaturgattungen die Spitzenposition. Das ist nicht nur in Krefeld so. Dass ihre Gedichte von Verlagen mit einem Formschreiben abgelehnt wurden oder nicht einmal eine Antwort wert zu sein schienen, traf Lösche hart. Sie erwog, ihre Zeilen Blatt für Blatt auf einem öffentlichen Platz vorzulesen - und dann zu verbrennen. Der Plan gärte in ihr, als sie Eugen Gerritz über den Weg lief. Der war entsetzt. "Ich empfand es als Verpflichtung, über Alternativen nachzudenken." Denn seit Jahrzehnten schätzt er die Dichterin. Und weil er ihre Gedichtbände gern verschenkte, bekam einmal auch Kultusminister Jürgen Girgensohn (1924-2007) ein Exemplar. Das war der Anfang einer Entwicklung, die Lösche 1984 den Förderpreis für Literatur des Landes NRW einbrachte. Auch auf der Frankfurter Buchmesse ist Lösche ausgezeichnet worden - mit dem Förderpreis für Erstlingswerke ("Hungertuch", 1982). Sie gehörte zu den Stammautoren, die in den 63 Sassafras-Bändchen "Literatur am Niederrhein" publizierten.

Lösches Sprache klingt wie Kammermusik, die sich im Nachhall als sinfonische Dichtung offenbart. In wenigen Zeilen, die wie aus dem Alltag gepflückt wirken, lotet sie eine Tiefe aus, in der alle wesentlichen Fragen ihren Platz finden. Das ist die große Kraft der Lyrik. "Wir erleben, dass Menschen zu Gedichten greifen, wenn sie sich in emotionalen Ausnahmezuständen befinden, wenn sie Liebesgedichte oder Trost wollen", sagt Bibliothekarin Evelyn Buchholz. Die zeitlose Qualität von Lyrik sieht sie darin, "dass man sich selber im Gedicht findet mit seiner ganz persönlichen Situation, und der Verfasser dabei außen vor bleiben kann."

Viktoria Lösche hat als Lehrerin in Neuss "einen gewissen Sprachverfall" beobachtet. Die Fähigkeit, sich verbal auszudrücken, schrumpfe. Deshalb ist Lyrik so wichtig. Für sie sowieso. "Ich habe auch versucht, nicht zu schreiben. Aber das geht einfach nicht."

Lesung Dienstag, 10. Mai, 19 Uhr, Südbahnhof, Saumstraße 9. Subskription: Der Band "Lichthof" mit 60 Gedichten sowie Fotografien kostet 10 Euro (später im Buchhandel 12,50 Euro). Subskriptionsformulare liegen in der Mediothek und in Buchhandlungen aus oder können auf der Homepage www.duesselberg-druck.de ausgefüllt werden. Infos gibt es auch im Südbahnhof, Telefon 02151 5301812.

Quelle: RP
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