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Krefeld
Rotterdam - Rheinland: Logistikachse wird zur Jobmaschine

Krefeld. Der Niederrhein könnte vom Wachstum in Europas größtem Seehafen erheblich profitieren. Hafen und Region drängen auf Investitionen in die Infrastruktur. Von Frank Kirschstein

Als Logistiker noch Spediteure hießen, rümpfte mancher Bürgermeister die Nase, wenn sich ein Unternehmen mit stattlicher Lkw-Flotte für ein Grundstück interessierte. Alles Geschichte. Mit der Globalisierung nicht nur des Handels, sondern auch der Produktion wird Logistik zur Jobmaschine. Und die wird größer und größer. Die Industrie- und Handelskammern (IHK) im Rheinland prognostizieren einen Anstieg der Güterverkehrsströme um 60 Prozent in den nächsten zehn Jahren. Das kann angesichts jetzt schon verstopfter und dazu noch maroder Autobahnen durchaus als Bedrohung empfunden werden. IHK, Politik, Kommunen und Unternehmen aus der Region jedoch sehen das anders. Sie sprechen von Chancen für neue Arbeitsplätze und Wertschöpfung durch die Güterströme. Dafür trommelt der Verein Logistikregion Rheinland - und das nicht nur zuhause, sondern auch dort, wo ein Großteil des globalen Güterverkehrs in Richtung NRW gesteuert wird: Rotterdam.

Spitzenvertreter der IHK Mittlerer Niederrhein, die Regierungspräsidentin Gisela Walsken aus Köln, Ernst Grigat, Chempark-Chef in Leverkusen und Krefeld, und Rainer Schäfer, Neuss Düsseldorfer Häfen/Rheincargo, das sind nur einige der Experten, die jetzt zu Gesprächen mit Hafenbetrieben und Industrie nach Rotterdam reisten. Der Mönchengladbacher Unternehmer und IHK-Präsident Heinz Schmidt lässt keinen Zweifel daran, dass sich der Aufwand lohnt: "Nicht Hamburg, nicht Bremerhaven, Rotterdam ist der entscheidende Hochseehafen für das Rheinland." Ein reibungsloser Güterverkehr sei ein wichtiger Standortfaktor für das Rheinland. Noch wichtiger sei es aber, Wertschöpfung durch Logistik zu erzielen. Schmidt hat ganz konkrete Vorstellungen, was dafür zu bewegen ist: "Wir brauchen Premiumflächen für Industrie, Logistik und Gewerbe im neuen Regionalplan, den Ausbau der Güterbahntrasse Betuwe-Linie auf deutscher Seite, eine 2,80 Meter tiefe Fahrrinne des Rheins über Krefeld hinaus, die Reaktivierung des Hafens Reisholz, den Bau eines Containerterminals in Jüchen und einen neuen Hafenbahnhof in Krefeld-Linn..." Die Liste ließe sich fortsetzen.

Von Rotterdam erhoffen sich die Akteure auf deutscher Seite Unterstützung, zum Beispiel bei dem Versuch, im Bundesverkehrswegeplan, der derzeit neu aufgestellt wird, leistungsfähigere Bahntrassen für den Güterverkehr zu verankern. Außerdem wirbt das Rheinland mit seinen Qualitäten als Drehscheibe und Veredelungsstandort für Güter, die aus Rotterdam in Richtung Zentral- und Süd-Europa transportiert werden müssen. Entsprechend sollen neue Logistikstrukturen am Rhein und nicht kurz hinter der niederländischen Grenze zwischen Venlo und Roermond entstehen. Die Zusammenarbeit ist lukrativ für beide Seiten, betont der IHK-Chef: "Künftig können wir als Metropolregion Rheinland - immerhin die zweitgrößte Wirtschaftsregion Europas - noch besser kooperieren."

Das Interesse auf niederländischer Seite ist groß: "Rotterdam und Nordrhein-Westfalen sind keine Konkurrenten", sagt Pex Langenberg, Hafenbeigeordneter der Stadt Rotterdam. Im Gegenteil, der größte Hochseehafen Europas und die Wirtschaft in NRW, speziell im Rheinland, seien aufeinander angewiesen. Um so wichtiger sei es, nicht nur enger zu kooperieren, sondern auch die Logistikwege für den Transport mit Güterzügen, Binnenschiffen und Lkw weiter auszubauen. Eines der größten Probleme: Seit 1992 sollte das dritte Güterverkehrsgleis zwischen Emmerich und Oberhausen, die Fortsetzung der auf niederländischem Gebiet bereits fertigen Betuwe-Linie, gebaut werden. Erst 2013 gaben Bund, Land und Bahn endlich grünes Licht für das 1,5-Milliarden-Euro-Projekt. Die Planung allerdings ist kompliziert und zieht sich. Frühestens 2020, so hieß es zunächst, könnte die Strecke fertig sein. "Wann das wirklich so weit ist, wagt in Wahrheit niemand einzuschätzen", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. Auch IHK-Verkehrsexperte Bernd Neffgen sorgt sich und sieht auch keine Bewegung bei möglichen Alternativstrecken, die über Venlo und Mönchengladbach führen könnten: "Da passiert nichts." Günter Haberland, Geschäftsführer des Logistikunternehmens Zietzschmann im Neusser Hafen, bezweifelt zudem, dass im Bundesverkehrswegeplan die boomende Entwicklung der Seehäfen in den Niederlanden und in Belgien genügend berücksichtigt wird: "Wenn zu wenig in die Infrastruktur investiert wird, zahlen das am Ende Industrie und Verbraucher."

Der Besuch in Rotterdam zeigt allerdings, dass sich die Rheinländer der Unterstützung der Niederlande bei den Forderungen nach mehr Investitionen und schnelleren Planungs- und Bauprozessen für leistungsfähigere Straßen, Schifffahrtswege und Gleisverbindungen gewiss sein dürfen. "Wir müssen die Ministerien überzeugen", sagt Allard Castelein, Vorstandschef des Hafens Rotterdam. Man sei mit den Landes- und Bundesministerien im Gespräch und gebe entsprechende Stellungnahmen, zum Beispiel zum Bundesverkehrswegeplan, ab. Der Hafen Rotterdam fordert von der Bundesregierung die Aufnahme einer verbindlichen Umsetzungsagenda für transeuropäische Verkehrsnetze und Schienenverbindungen bis 2030. Auch ein "ambitionierter Ausbau" der Binnenwasserstraßen Rhein, Mosel und Neckar ist bei der Bundesregierung in Berlin hinterlegt. Die Stimme aus den Niederlanden, so die Hoffnung, müsse Gewicht haben. Auf 56,9 Milliarden Euro wird das Handelsvolumen zwischen den Niederlande und NRW beziffert. Konkrete Zahlen zur Wertschöpfung, die durch den Güterverkehr aus Rotterdam in NRW erzielt wird, will der Hafen jetzt mit einer Studie ermitteln - eine Argumentationshilfe in Verhandlungen mit deutschen Behörden. Die IHK will die Untersuchung unterstützen.

Und Rotterdam möchte weiter wachsen: Gerade erst hat ein neues, komplett automatisiertes Containerterminal auf einem 2000-Hektar-Gelände ("Maasvlakte 2"), das durch Aufschüttung von 340 Millionen Kubikmeter Sand im Meer entstanden ist, den Betrieb aufgenommen. Die Hafenfläche vergrößert sich damit um 20 Prozent.

Die größten Container-Krane der Welt entladen dort die größten Containerschiffe der Welt. Sie können 19.000 TEU (Maßeinheit für Standardcontainer) transportieren. Fünf Millionen TEU ist die geplante Jahreskapazität. Der gesamte Hafen soll im Endausbau auf 18 bis 19 Millionen TEU kommen. Das sind Größenordnungen, die auch in Rotterdam genau geplant sein wollen. "Um diese Volumen zu bewältigen, brauchen wird unsere Partner in NRW", sagt Emile Hoogsteden, als Direktor in Rotterdam für das Container-Geschäft zuständig. Rotterdam bereitet sich vor: Der Containerverkehr vom Seehafen ins Hinterland soll bis 2033 zu mindestens 45 Prozent mit Binnenschiffen, zu 20 Prozent mit der Bahn und nur mit 35 Prozent per Lkw abgewickelt werden. Ein Grund mehr für das Rheinland, auf Investitionen in die Infrastruktur zu drängen.

Quelle: RP
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