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Krefeld
Ruff-Schülerin seziert den Prozess des Kunstschaffens

Krefeld: Ruff-Schülerin seziert den Prozess des Kunstschaffens
Kuratorin Antje-Britt Mählmann (rechts) und Künstlerin Anne Pöhlmann gaben gestern einen Einblick in die Konzeption ihrer Ausstellung In Color, die ab morgen und bis zum 10. Januar 2016 am Westwall 124 zu sehen sein wird. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Die 37-Jährige zeigt ab morgen eine Auswahl aktueller Arbeiten im Buschhüterhaus des Kunstvereins Krefeld am Westwall. Die Fotografin und Bildhauerin hat sich mit der Historie Krefelds beschäftigt. Von Norbert Stirken

Analytisch geht die Dresdnerin Anne Pöhlmann in ihrem künstlerischen Prozess vor. Der Intellekt dominiert die Emotion. Der Zufall weicht dem Plan. Der Prozess ist gelenkt. Die 37-Jährige behält stets die Kontrolle. Schritt für Schritt greift sie ein, reflektiert über die Medien, über Software, über Analoges und Digitales. Denkt und denkt, ehe sie aus all der Recherche systematisch wie bei einer gut durchdachten Konstruktion die Puzzleteile zusammensetzt. Heraus kommen vielschichtige Textilbilder - Prints auf hochmodernen Synthetikstoffen, die ab morgen in den Räumen des Krefelder Kunstvereins im Buschhüterhaus am Westwall 124 zu sehen sind. Die Ausstellung mit dem Titel "In Color" dauert bis zum 10. Januar 2016. Die Vernissage ist morgen ab 19 Uhr.

Einführende Worte spricht die Kunsthistorikerin und mit der Künstlerin befreundete Kuratorin Antje-Britt Mählmann aus Emden. Anne Pöhlmann studierte an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf beim bekannten Fotografen Thomas Ruff und der Bildhauerin Rita McBride.

Die gebürtige Sächsin mit Lebensmittelpunkt in Düsseldorf zeigt in Krefeld drei Werkgruppen, mit denen sie historische Bezüge zur Stadt als Seidenstadt schafft. Auffällig sind bedruckte Stoffbahnen, die aufgerollt und mit Schleifchen versehen als fragile Skulpturen auf schlichten Sockeln stehen. Im Erdgeschoss zeigt sie übereinander hängende mit einfachen geometrischen Motiven bedruckte, transparente Textilien; Überlagerungen, die im Zusammenwirken räumliche Tiefe bekommen. Im Obergeschoss geht die Künstlerin gewissermaßen einen konstruktiven Schritt zurück. Die bedruckten Fahnen hängen vor weißen Leinwänden und genügen sich im Grunde selbst. Die stark an Industriedesign angelehnten Arbeiten schlagen mit ihren Motiven eine Brücke zu einer anderen den Krefeldern Wohlstand versprechenden Massenproduktion - dem Stahl. Würfel und Kreise, Säulen und Scheiben, Achtecke und Rundlinge gehen Verbindungen zueinander ein oder halten sich auf Distanz.

Die Künstlerin hat die Motive, die sie zunächst fotografiert und dann digital bearbeitet hat, in Auftrag gegeben. Sie wurden aus Akustikschaum hergestellt. Der Schaum hat die Eigenschaft nicht nur Schall zu absorbieren, sondern auch Licht. Reflexionen sind so ausgeschlossen. Die Farben seien manipuliert, erklärt Pöhlmann - grau, graublau, violett; Farben aus dem kalten Spektrum. Distanz ist wichtig, zu viel Nähe trübt den Blick. Und den möchte die Künstlerin unverstellt auf ihre visualisierten Analysen richten.

Einschränkung und Bevormundung erkennt sie in der Bildbearbeitungssoftware Fotoshop. Der Quasi-Monopolist bestimmt das Machbare, grenzt den Nutzer durch seine Werkzeuge auf eine Art ein, die rückwärtsgewandt scheint. "Bilder bestimmen immer mehr die Kommunikation", sagt die 37-Jährige und sieht diese Entwicklung der Internationalisierung geschuldet. Der Sprachlosigkeit einer Generation, die sich offenbar nicht mehr die Mühe machen möchte, sich durch lange differenzierte Abhandlungen zu arbeiten, sondern die Kurzform bei Twitter, Facebook und Instagram bedient.

Pöhlmann übersieht, dass es sich dabei auch um ein gesellschaftspsychologisches Phänomen handelt -das der Selbstdarstellung. In Zeiten, in denen audivisuelle Medien jedem Einzelnen glauben macht, er habe das Potenzial zum Star, verhalten sich immer mehr auch so. Die Inflation der Selfies an besonderen Orten, mit besonderen Personen, zu speziellen Anlässen prägt unter so genannten Freunden ein virtuelles Image, das mit der Wirklichkeit in der Regel wenig zu tun hat - Kunst und Sprache zeigen den Ausweg.

Quelle: RP
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