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Spielzeiteröffnung
Schiller-Drama um Liebe zwischen allen Stühlen

Spielzeiteröffnung: Schiller-Drama um Liebe zwischen allen Stühlen
FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Mit einer hochdramatischen und bildmächtigen Inszenierung von "Kabale und Liebe" startete die Theaterspielzeit. Von Petra Diederichs

Luise Miller sitzt zwischen den Stühlen: Sie ist ein modernes Mädchen mit Turnschuhen und körpernahem feuerrotem Kleid. Aber sie ist auch Muslima, trägt Kopftuch und hält auf Familienehre und Gehorsam. Das ist die Wurzel für ihr Unglück. Denn sie liebt Ferdinand, den Sohn des Präsidenten. Das geht nicht. Und das ist der einzige Punkt, in dem sich alle Akteure einig sind.

"So einem" will Luises Vater die Tochter nicht geben. "Das Mädel vergisst seine Heimat", sagt er, die Gebetskette knetend. Und Ferdinands Vater ist ebenfalls wenig erpicht, dass der Filius "so eine" in die Familie holt. Deshalb lässt er seine Verbindungen spielen. Drei Stunden dauert es, bis die Liebe, die von vornherein keine Chance hat, getötet ist. Ferdinand und Luise legen sich nach dem Gifttrank zum Sterben auf einen Scheiterhaufen - mit diesem starken Bild endet Matthias Gehrts Inszenierung von Schillers Trauerspiel "Kabale und Liebe". Mit einem großen Drama startete das Theater jetzt in die neue Spielzeit.

Es ist ein atemberaubend intensiver Abend, der Zuschauerfantasien in Bewegung bringt. Gabriele Trinczek hat die Bühne vor einem verhalten-romantisch funkelnden Sternenhimmel mit 90 Stühlen karg möbliert - wie einen Wartesaal zum Glück. Damit gibt sie dem Spiel von Macht und Ohnmacht, Ränkeschmieden und Strippenziehern eine mächtige Bildsprache. Hier sucht sich jeder seinen Platz nach Stand und Befindlichkeit - ob auf Polster oder blankem Holz. Die Stühle spiegeln die Weltordnung, die immer weiter auseinandergerissen und neu arrangiert wird - und die Luise am Ende verzweifelt auftürmt wie zu einem Wall gegen die feindliche Welt. Am Ende ist es der Scheiterhaufen, auf dem sie ihr Leben opfert. Dass Gehrt die Musikantenfamilie Miller in eine Kultur verlegt, in der die Regeln des Patriarchats heute noch eher gelten, mag auch Zugeständnis an die jungen Theaterzuschauer sein, für die das Vorzeige-Stück des Sturm und Drang auf dem Lehrplan steht. Gehrt macht es dezent, klopft auf keine religiösen Trommeln. So stimmt Schillers Originaltext zu jedem Bild.

Die Regie, die das rasante Ränkespiel immer wieder entschleunigt, zelebriert Schillers Sprache und schafft die Voraussetzung für die bewegendste Szene: Luise öffnet für Ferdinand ihr Kopftuch. Es ist ein Augenblick größter Intimität - in einem Stück, in dem in schönster Sprache über die Liebe verhandelt, sie aber nie gelebt wird. Für einen Moment hält das mit großen Gefühlsausbrüchen, lauter Musik und thrillerartigem Herzpochen begleitete Geschehen inne. Die Erwartung, ob sie das Tuch ablegt, ist immens. Ihr Zögern dauert einen Sekundenbruchteil zu lang, die Stimmung kippt: Der Moment verpufft wie die vorher verspritzten Sektfontänen der Verliebten.

Helen Wendt, von Intendant Michael Grosse nach der Premiere als "betörendste und anrührendste Luise, wo gibt" geadelt, zeigt einen leidenschaftlichen Kampf zwischen Herz, Verstand und Ehre. Sie nutzt den Raum und die stillen Momente, mit der Gehrt die Dramatik des Stoffs schürt, und lässt in eine zerrissene Seele blicken. Cornelius Gebert wandelt sich vom verliebten jungen Ferdinand zum rasenden Kämpfer, der Luise töten muss, weil er nicht mit ihr leben kann. Große Gefühle trauen wir auch dem intriganten Sekretär Wurm zu, den Felix Banholzer mit kühler Verschlagenheit gibt, und der überraschend sanft um Luises Zuneigung wirbt. Bruno Winzen ist ein aalglatter Präsident, der mit messerscharfem Kalkül seine Interessen wahrt und sich seiner Macht bewusst ist. Ohne Skrupel benutzt er seine Favoritin Lady Milford (Nele Jung als platinblonder Racheengel) für sein perfides Spiel der Manipulation. Die Figuren sind bis zur Gemüse putzenden Frau Miller (Esther Keil) vielschichtig angelegt. Joachim Henschke rührt als Miller, wenn er um das Glück seines Kindes bangt. Und Ronny Tomiska kommt als Hofmarschall von Kalb ohne platte Komik aus. Beifall gab es auch für die Kostüme von Petra Wilke.

WEITERE AUFFÜHRUNGEN: 13., 30. SEPTEMBER, 30. OKTOBER, 1., 12., 14. NOVEMBER UND 11. DEZEMBER. KARTENTELEFON: 02151 805125

Quelle: RP
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