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Serie Heimat
Schöne Heimat Kronprinzenviertel

Serie Heimat: Schöne Heimat Kronprinzenviertel
Bärbel Schnell vom Bürgerverein Kronprinzenviertel auf der Stephanstraße - dem "Eingang" zum Viertel. FOTO: T.L.
Krefeld. In unserer neuen "Heimat"-Serie laden wir ein, Krefelds schöne Seiten zu entdecken - auch dort, wo man sie nicht vermutet. So wie im Kronprinzenviertel. Das Viertel birgt schöne Bausubstanz, die entdeckt werden will - und zunehmend entdeckt wird. Von Jens Voss

Es ist der Moment, in dem man weiß: Jetzt musst du zum Arzt, weil du eine Vision hast. Das Kronprinzenviertel: Heute eine Mischung aus zauberhafter Bausubstanz und Tristesse ohne Baum und Strauch. Ein Viertel, in dem ein Balkon voller Blumen selten ist und viele Menschen leben, die nicht auf Rosen gebettet sind. Und dieses Viertel könnte so schön sein.

Es ist der Moment, als Ratsherr Daniel John unverhofft aus einem Haus an der Mariannenstraße heraustritt. Natürlich mit Fahrrad, wie sich das für einen Grünen gehört. Die Begegnung ist nicht geplant bei diesem Rundgang; ein Wort gibt das andere, und schließlich gewährt er einen Blick in sein Zuhause. Es erstreckt sich über zwei Etagen und einen dieser schmalen, heimeligen Stadtgärten, von dem aus der Blick in die Höhe geht und sich im Kirchturm von St. Stephan verfängt. Unterm Strich: eine Ich-wohne-in-der Stadt-Idylle.

Das Kronprinzenviertel erstreckt sich zwischen Rhein-, Philadelphia-, Hansastraße und Ostwall. FOTO: Stadt

Das alles ist wie ein Glühwein in der Kälte. Ist der Blick des Fremdlings im Viertel erst einmal gewärmt, gehen einem die Augen über. Das Kronprinzenviertel war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein Nobelquartier. Geblieben ist berückende Bausubstanz. Gebäude, die bürgerliches Maß mit klassizistischer Ästhetik verbinden - so wie man es an etlichen Fassaden der Luisenstraße bewundern kann, wo auch das zauberhafte Haus der Seidenkultur prangt. Der Spaziergang durchs Kronprinzenviertel beginnt vor der Stephanskirche. Führerin ist Bärbel Schnell vom 2014 gegründeten Bürgerverein Kronprinzenviertel. "Das ist der Eingang zum Viertel" sagt sie - und es ist, wenn man von Visionen geplagt ist, ein großartiger Eingang. Leider ist er verhangen vom Mausgrau einer hässlichen Asphaltstraße. Die Wahrheit ist: Man muss hier Visionen haben, um das schöne Herz des Viertels zu sehen. Warum wohnt hier einer wie Daniel John? Weil es billig ist, weil er die Innenstadtlage mag und weil es praktisch ist - die Nähe zur Stadt, die Nähe zum Bahnhof. "Ich spare pro Tag eine bis eineinhalb Stunden Fahrzeit dadurch, dass ich hier wohne", sagt er. John gehört zu denen, die Krefelds Stadtplaner laut "Städtebaulichem Konzept der Innenstadt" für das Viertel gewinnen wollen, als da wären: "Junge Akademiker, Existenzgründer und Berufseinsteiger sowie junge Facharbeiter, Angestellte in zukunftsorientierten Berufen, die noch Familien bilden."

Im Prinzip gehört auch Bärbel Schnell zu dieser Klientel - auch wenn sie etablierte Übersetzerin ist. Auch sie lebt in einem Haus an der Mariannenstraße, auch bei ihrem Heim öffnen sich hinter der Haustüre schöne Räume und ein Terrassen-Traum mit einem Garten, der von einer mächtigen Platane überwölbt wird. Ein Freund aus dem Urwald zu Besuch in der Stadt.

Ratsherr Daniel John wohnt in einem Haus an der Mariannenstraße: "Ich spare täglich eineinhalb Stunden Fahrzeit" - allein durch die Nähe zum Bahnhof", sagt er. FOTO: vo

Auch Bärbel Schnell ist gepackt von der Vision, was aus dem Kronprinzenviertel werden könnte. Die Stadt hat diese Visionen sogar in einem Gutachten unter dem Titel "Stadtumbau West" in der Schublade liegen - so lautet das Programm des Bundes für Städte in Westdeutschland. Passiert ist bisher wenig. Da stehen zum Beispiel die Stichworte "Wohnumfeldverbesserung" oder "Verbesserung der Verkehrs- und Parksituation" - doch nicht mal Parkausweise für Bewohner gebe es bislang, beklagt Schnell. Die Mariannenstraße: Wischt man den hässlichen Asphalt aus dem Straßenbild, malt man Pflaster hinein, Parkbuchten und Grün-Inseln am Straßenrand, so ersteht vor dem visionentrunkenen inneren Auge eine schöne Wohnstraße.

Am Spielplatz am Albrechtsplatz tummeln sich an guten Nachmittagen 50 bis 60 Kinder, berichtet Schnell. Auslauf ist hier Mangelware. Wir treffen Spielplatzpatin Pia Schrepfer; sie hat im Kronprinzenviertel seit 13 Jahren eine Thai-Chi-Schule; seit sieben Jahren lebt sie dort. "Ich bin Wahlkrefelderin", sagt sie, "und ich habe gute Erfahrungen mit Nachbarn gemacht." Schnell wünscht sich für die vorbeiführende Schwertstraße einen Zebrastreifen - die Kinder seien durch den doch erheblichen Verkehr gefährdet.

Pia Schrepfer gehört zu den Spielplatzpaten für den Spielplatz auf dem Albrechtsplatz. Dort spielen in Spitzenzeiten bis zu 60 Kinder. FOTO: vo

Einer, der eine Gute-Laune-Oase im Viertel geschaffen hat, ist der Italiener Rosario Lentini (34). Er führt an der Dreikönigenstraße ein hübsches Eiscafé. Lichtes Grün. Schöne Bänke. "Die Geschäfte könnten besser laufen", sagt er - und ergänzt sofort: Aber er sei optimistisch; das Viertel sei schon in Ordnung.

Richtig gut läuft es im Frisörsalon "Sa Long" an der Ecke Alte Linner- und Mariannenstraße. Inhaberin ist Franca Schnell, Tochter von Bärbel. Der Laden ist geschmackvoll, neu, er hebt die ganze Ecke, und er läuft gut, berichtet die Mutter. Solche Läden braucht das Viertel. Schräg gegenüber ist der Internet-Spieleveranstalter Take TV. Inhaber Dennis Gehlen hat bewusst im Kronprinzenviertel seine Residenz errichtet. Einer, der das Viertel mag.

Es gibt erstaunliche viele solcher Geschäfte. "Sack und Pack" am Schinkenplatz ist ein Beispiel. Überhaupt der Schinkenplatz. Er war zuletzt in den Schlagzeilen, weil dort absurderweise Bänke aufgestellt und abgebaut wurden, weil Trinker, Obdachlose und Junkies zum Problem wurden. Als wir dort vorbeigehen, bot sich ein schönes Bild: Der Platz war besetzt von Café-Stühlen. Bei Sonnenschein. Dolce Vita am Schinkenplatz.

Und wieder wird man herzerwärmt von Visionen geplagt.

Quelle: RP
 
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