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Krefeld
Schülertheater - eine Herzenssache

Krefeld. Schüler wie Lehrer begeistern sich fürs Theater, und die gemeinsame Arbeit ist literarisch, pädagogisch und für die Persönlichkeitsentwicklung sehr fruchtbar. Wir stellen fünf Krefelder Ensembles vor - die Theatergruppen von Moltke, Ricarda, Fichte, Horkesgath und Marienschule.

Theaterspiel ist Persönlichkeitsentwicklung pur: Es ist immer wieder verblüffend zu sehen, wie schüchterne Jugendliche auf der Bühne plötzlich aus sich herausgehen. Was braucht es, um ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen, und was haben die Schüler wirklich davon? Fünf Krefelder Schultheatergruppen stellen sich vor. Sie erzählen von dem langen Weg vom Bilden einer Theater-AG bis zum fertigen Stück und beschreiben, wie sehr ihnen das Theaterspiel in der Entwicklung hilft.

Wie gründet man eine Theater-AG?

Um eine Theatergruppe anbieten zu können, braucht es drei Bausteine: Motiviertes Lehrpersonal, engagierte Schüler und Geld. Genau daran scheitern viele Theater-Träume. Interessierte Schüler gibt es zwar reichlich, aber theateraffine Lehrer fehlen oft. "Es fehlt eindeutig an Personal. Ich leite nicht nur die Literaturkurse, sondern auch die Theater-AG der Mittelstufe", sagt Kordula von Basum (Marienschule). Bei Gesine Rassek vom Gymnasium Horkesgath war ihre Lizenz für den Theater-Unterricht sogar ein Einstellungsgrund.

Da Schüler sehr am Theater und an der Schauspielerei interessiert sind, platzen Theater-AGs und Literaturkurse aus allen Nähten. An der Marienschule gibt es sogar zwei Literaturkurse in der Q1, am Horkesgath ist der Kurs mit 33 Schülern eigentlich überfüllt. Ähnlich viele Schüler im Literaturkurs gibt es am Gymnasium am Moltkeplatz. Das Ricarda-Huch-Gymnasium hat Anfang 2015 zur Neubildung des Theaterangebots aufgerufen - die Resonanz war riesig; jetzt gibt es sogar zwei AGs.

Warum Theater spielen?

Häufig schauen sich jüngere Schüler jahrelang die Aufführungen der Älteren an, bevor sie selber in die Theater-AG oder den Literaturkurs eintreten können. "Der Literaturkurs ist einfach eine andere Art von Unterricht. Das bringt Abwechslung in unseren Schulalltag", sagt Lorena vom Gymnasium Horkesgath. Am Fichte Gymnasium sprechen die Theater-Lehrer gerne auch mal die Schüler direkt an, wenn sie Potenzial sehen. "Ich habe viele Freunde in der Theater-AG. Als Herr Wigbels dann gesagt hat, dass ich es doch auch mal ausprobieren sollte, hab ich mir gedacht: Warum eigentlich nicht?", berichtet Annika (Fichte) über ihre Anfänge als Schauspielerin. Auch die eigene Kreativität ausleben zu können, ist den Schülern wichtig. Bei den Stufenkameraden wird das Theaterspiel gut aufgenommen. Laut David (Marienschule) ist die Haltung der meisten Mitschüler neutral, das Theaterspiel wird problemlos akzeptiert.

Spielt Geld eine Rolle?

Die Finanzierung der Aufführungen ist offenbar kein so großes Problem. Kostüme und Requisiten haben sich am Gymnasium Horkesgath mit der Zeit im Fundus angesammelt, Neuanschaffungen können in der Regel von den Eintrittsgeldern der Aufführungen bezahlt werden. Am Gymnasium am Moltkeplatz organisieren die Schüler Kuchen-Verkäufe, um etwas Geld zu verdienen, das Fichte konnte durch das "Kulturagenten-Programm" neue Scheinwerfer kaufen.

Wie sucht man ein Stück aus?

Sobald die Schulen über die finanziellen Mittel sowie genügend Lehrer und Schüler fürs Theater verfügt, fängt die eigentliche Arbeit erst an. Welches Stück soll gespielt werden? Wann können die Aufführungen stattfinden? Eine gute Absprache zwischen Kollegen und Schülern ist sehr wichtig. Häufig entstehen die Stücke in einem gemeinsamen Schaffensprozess. Meist teilen Schüler zuerst ihre Wünsche mit und überlegen dann mit den Lehrern, welches Stück auf die Bühne gebracht werden könnte. In den Literaturkursen schreiben die Schüler das Stück auch mal komplett selber. Auf dem Weg zum Stück helfen Improvisations- und Sprechübungen, die Potenziale der Schüler zu erkennen und die Gruppe einzuschätzen. Florian Hollmann, der den Literaturkurs des Gymnasiums am Moltkeplatz leitet, sagt: "Viele der Schüler hier haben noch nie vorher Theater gespielt. Wir müssen erstmal eine selbstbewusste Gruppe bilden, bevor wir mit dem eigentlichen Stück loslegen können." Am Fichte werden Stücke passend zu Anzahl und Geschlecht der Mitspieler umgeschrieben. "Aus Lord wird häufig Lady und andersrum", erklärt Lehrerin Simone Wölke. Pädagogen und Schauspieler aus anderen Theatern haben am Ricarda schon geholfen, den Schülern die Angst vor dem Spielen auf der Bühne zu nehmen. Am Fichte haben Theater-Coaches bereits Sprech- und Stimm-Training gegeben. Auf Basis dieser Vorarbeiten wird dann das passende Stück ausgesucht, und die Proben können beginnen.

Welche Vorteile bringt das Theaterspiel den Schülern?

Schon im Deutschunterricht spielen Schüler Szenen oder stellen Standbilder dar, um Literatur besser zu verstehen. Außerdem gehen viele Deutschkurse ins Theater, wenn ein Stück läuft, das im Unterricht besprochen wird. Aktuell ist "Fast Faust" im Kresch-Theater sehr beliebt. Für Kordula von Basum sind solche Theaterbesuche wichtig, um den Schülern zu zeigen, dass "ältere Stücke auch heute noch leben können". Auch mit ihren Literaturkursen geht die Lehrerin gerne ins Theater, um Inspiration für die eigenen Produktionen zu finden.

Das Gymnasium am Moltkeplatz bietet das "Moltke-Abo" an, das Lehrern, Schülern und Eltern die Möglichkeit bietet, in jedem Schuljahr eine große Auswahl an Stücken im Stadttheater zu besuchen. Aber vor allem das eigene Spielen bringt den Schülern Vorteile im Unterricht und bei ihrem Auftreten. Davon berichten die Lehrer immer wieder. Die Schüler werden sich der eigenen Präsenz bewusster, haben weniger Probleme beim freien Sprechen vor der Klasse und können gut kooperativ arbeiten. Laut Gesine Rassek (Horkesgath) nehme auch die Konzentration der Schüler deutlich zu. Hans Joachim Wigbels vom Fichte erzählt gerne von der Geschichte einer Schülerin, die in der neunten Klasse an die Schule kam, ohne Deutsch zu sprechen: "In der Theater-AG hat sie unfassbar viel lernen können und jetzt sogar einen Poetry-Slam-Wettbewerb in Krefeld gewonnen."

Die Schüler erkennen diese Entwicklungen auch selbst. Jessica (Marienschule) sagt: "Ich achte mittlerweile viel mehr auf meine Körperhaltung beim Sprechen." Marlene (Moltke) ist nicht mehr so nervös vor mündlichen Prüfungen wie vorher. Und bei Präsentationen sei es außerdem einfacher, frei und flüssig zu sprechen, findet Seynep (Horkesgath). Johanna (Fichte) war vor dem Eintritt in die Theater AG "richtig schüchtern". Nun ist sie zum dritten Mal bei einem Stück dabei und hält sich mittlerweile für viel selbstbewusster. Auch beim Lernen für Klassenarbeiten hilft den Schülern das Theater. Emily vom Ricarda berichtet, dass es ihr viel leichter fällt, sich Dinge für den Unterricht einzuprägen, seit sie fürs Theater Texte auswendig lernt.

Leiden Schule und Leistungen unterm Theaterspiel?

Dass Theater-AGs und Literaturkurse mit einem erhöhten Zeitaufwand daherkommen, ist nicht zu unterschätzen. Trotzdem sind die Schüler optimistisch, dass sie Unterricht und Prüfungen nicht vernachlässigen müssen. Clemens vom Fichte ist froh, dass die Lehrer Generalproben und Aufführungen in eine klausurfreie Zeit gelegt haben. Den ein oder anderen freien Tag in der Schule zu verbringen, ist für die Schüler kein Problem. Lena (Horkesgath) betont: "Wir haben uns ja freiwillig hierfür entschieden. Wir machen das gerne und sind deshalb auch bereit, unsere Freizeit zu opfern." Manche erwähnen sogar vorsichtig, dass sie sich das Schauspielen auch als Beruf vorstellen könnten. Die meisten Schüler finden jedoch, dass die Chancen, gutes Geld als Schauspieler zu verdienen, eher schlecht stehen. Leah vom Ricarda könnte sich die Schauspielerei daher gut als Nebenberuf vorstellen. Bei den Oberstufenschülern des Fichte ist es beliebt, nach dem Abi Fächer wie Theaterpädagogik oder Regie zu studieren.

Was ändert sich im Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern?

Ein weiterer positiver Effekt des Theaters ist, dass sich das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern wandelt. Nicolai vom Fichte findet: "Natürlich haben die Lehrer noch das Sagen, aber trotzdem ist es eher eine Art Zusammenarbeit." Dass die Schüler mitbestimmen dürfen, die Atmosphäre lockerer ist und vieles selbst überlegt werden darf, ist den meisten Schülern sehr wichtig. Man sei mehr auf "Augenhöhe" mit den Lehrern, es gebe kein Richtig und kein Falsch. Klara (Moltke) findet es entspannend, dass die Probe in der Aula und nicht im Klassenraum stattfindet. "Wir bekommen natürlich im Literaturkurs trotzdem noch unsere Noten, ohne Ernsthaftigkeit funktioniert auch hier nichts", fügt Anna (Horkesgath) hinzu.

Aber nicht nur zu Lehrern, sondern auch zu älteren oder jüngeren Schülern sei der Kontakt durch die Teilnahme an der Theater-AG leichter. "Auf dem Schulhof unterhalten die Schüler sich eher stufenintern. Hier beim Theater sind wir wie eine große Familie und machen uns alle zusammen lächerlich", sagt Clemens vom Fichte. Man erkennt deutlich, dass sich während der Proben zu einem Stück vieles im Bewusstsein der Schüler verändern kann.

Und was ist mit Lampenfieber?

Für Kordula von Basum sei der schönste Moment der Proben, wenn das Stück eine "Eigendynamik" entwickelt und die Schüler sich wirklich mit dem Stück identifizieren. Höhepunkt der unzähligen Proben ist dann natürlich die Aufführung, bei der die Schüler endgültig ihr Lampenfieber bezwingen müssen. Mit tosendem Applaus belohnt zu werden, ist dann die schönste Belohnung.

Eine besondere Möglichkeit, die erarbeiteten Stücke einmal unter professionellen Bedingungen aufzuführen, ist das "Staunzeit"-Theaterfestival in der Fabrik Heeder. Marienschule, Fichte, Horkesgath und Moltke haben bereits an diesem Festival teilgenommen. Die Schüler waren begeistert, die Arbeit sei wertgeschätzt worden und man konnte sich mit Profis und mit anderen Schülern austauschen.

Welche Stücke stehen auf der Wunschliste?

Zu Stücken, die Lehrer und Schüler gerne noch spielen möchten zählen Klassiker wie "Der Besuch der alten Dame", "Die Physiker" und "Faust", aber auch neues wie "Harry Potter". Lehrer Beck vom Ricarda fände es spannend, die Geschichte des RHG zu inszenieren. Die meisten Schüler wünschen sich jedenfalls umfangreichere Theater-AG-Angebote, um in jeder Jahrgangsstufe die Möglichkeit zu haben, Theater zu spielen.

Von Julia Schleier

Quelle: RP
 
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