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"So ein Schweinkram"
Schulen am Niederrhein boykottieren Fach Sexualkunde

Krefeld. Kehrt die Prüderie der 50er und 60er Jahre zurück an die Schulen im Rheinland? Immer öfter werde das Thema Sexualität totgeschwiegen, heißt es - und das, obwohl das Fach Sexualkunde im Lehrplan vorgesehen sei. Von Norbert Stirken

Zunehmende Widerstände gegen den Sexualkunde-Unterricht an Schulen beobachten Vertreter der Gesundheitsämter und Aids-Beratungsstellen in Krefeld, Mönchengladbach und Viersen. Das Thema Sexualität werde in den Schulen zunehmend totgeschwiegen, sagte Philipp Einfalt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Montag im Krefelder Rathaus.

Obwohl der Lehrplan es verpflichtend vorsehe, dass Sexualkundeunterricht erteilt werde, finde er aus absurden Gründen nicht oder nur punktuell statt. "Das hat hier nichts verloren" oder "So ein Schweinkram hat hier nichts zu suchen" seien Antworten, die sie in der Vergangenheit erhalten habe, berichtete Harriet Fischer vom Krefelder Gesundheitsamt kopfschüttelnd.

Die Vertreter des so genannten Sexualpädadgogischen Netzwerks aus Pro Familia, Donum Vitae, Diakonie, Aidshilfe, Kommunen und Ärztlicher Gesellschaft zur Gesundheitsförderung können den vielfachen Boykott des Sexualkundeunterrichts in Zeiten, in denen selbst Sechstklässler häufig pornografische Inhalte im Internet konsumieren, nicht nachvollziehen.

Patrizia Helten von der Aidshilfe Krefeld berichte von einem Fall, bei dem sie von einem Schulleiter gebeten worden sei, über Schwangerschaftsverhütung an dessen Schule zu informieren, weil in dem betreffenden Schuljahr gleich mehrere Mädchen ein Kind erwarteten. "Das haben wir natürlich gemacht, hätten aber lieber früher informiert", sagte Patrizia Helten.

Fast alle Schulen beschränkten sich darauf, einmal im Jahr für eine Jahrgangsklasse einen Projekttag durchzuführen. Dann kommen Vertreter des Sexualpädagogischen Netzwerks in den Unterricht, um den Kindern die drängendsten Fragen zu beantworten. Es sei gut, dass Profis von außerhalb mit den Jungen und Mädchen sprächen, erklärte Robert Liertz von der Aidshilfe. Lehrer und Schüler seien in der Regel sehr befangen.

Mit drei Workshops "Sexualität als Thema in der Schule" am Dienstag, 23. Februar, in der Volkshochschule am Von-der-Leyen-Platz 2 will das Gesundheitsamt interessierten Lehrern die Spannbreite der Thematik deutlich machen. Es gehe nicht ausschließlich um rein biologische Aspekte oder um Sexualpraktiken, sondern auch um Treue, Liebe und Vertrauen, betonte Saskia Brock vom Gesundheitsamt Viersen. Bis Montag lagen 13 Anmeldungen vor. Sieben Lehrer von drei Krefelder Schulen zeigten sich interessiert. Neben Pädagogen der Robert-Jungk- Gesamtschule auch welche von der Marienschule und der Erich-Kästner-Förderschule. Ein Referendar habe seine Anmeldung wieder zurückgezogen. Ihm sei die "Sache zu heiß", berichtet Harriet Fischer.

Das Angebot hat durch die jüngsten Ereignisse in der Silvesternacht ungeahnt an Aktualität gewonnen. Die Referenten Sengül Safarpour und Joanna Trappmann-Rosen beschäftigen sich mit der Frage "Wie definieren unterschiedliche Kulturen Sexualität? - Ein anderer Blickwinkel". Das Angebot in den Flüchtlingsheimen, anonym einen kostenlosen HIV-Test zu machen, habe übrigens noch niemand in Anspruch genommen, berichtete Harriet Fischer.

Quelle: RP
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