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Heimat-Wochen
Schwierige, schöne Heimat Krefeld

Heimat-Wochen: Schwierige, schöne Heimat Krefeld
Krefeld ist mehr als die Summe seiner Teile. FOTO: Thomas lammertz
Krefeld. Wir laden ein, über Heimat nachzudenken und Streifzüge durch die Heimat Krefeld zu machen. Der Heimatbegriff erlebt eine Renaissance: Früher war er suspekt und verpönt, heute ist Heimat ein geschätzter Seelenort. Versuch über die Heimat Krefeld. Von Jens Voss

Als Journalist, der etwas wissen will, fällt man in Ohnmacht - dennoch ist es einer der lustigsten, schönsten und tiefsinnigsten Sätze, die man im "Heimat"-Jahrbuch für 2009 lesen kann - es war die Festschrift zum Thema "Heimat" für Reinhard Feindendegen.

Georg Opdenberg schrieb in seinem "Entwurf einer Rede" im ersten Satz: "Über das Thema Heimat wüsste ich aus dem Stegreif heraus nichts Besonderes zu sagen." Das ist lustig, weil ihm dann doch sechs Spalten Text einfallen; das ist schön, weil er einen der muntersten Beiträge des Heftes schrieb - und das ist tiefsinnig, weil eine wesentliche Facette des Heimatbegriffs: Man denkt kaum über Heimat nach - man hat sie.

Was Heimat bedeutet – und was nicht FOTO: Str�cken,Lothar

Krefeldern sagt man gerne nach, über ihre Heimat zu meckern - ob das stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Krefeld ist jedenfalls eine Heimat, die nicht so einfach zu besingen ist wie zum Beispiel Köln. Die Kölner sind bekanntlich so besoffen von ihrer Stadt und dem "Jeföööhl" Kölle, dass sie über Katastrophen, Klüngel, Schlamperei und Vetternwirtschaft glatt hinwegschunkeln. Krefeld ist kein "Jefööööhl", Krefelder schunkeln nix weg. Was schief, ist schief, da beißt die Krefelder Maus keinen Faden ab.

Krefeld hat historisch eine Ernüchterung hinter sich: Reichtum bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, dann der Abstieg auf Normalmaß bis zur Strukturkrise der 80er Jahre, als die Textilindustrie zusammenbrach. Das prägt die kollektive Erinnerung bis heute. Der Krefelder an sich neigt nicht zum Überschwang.

Durchblättert man nun die Festschrift für Feinendegen, fällt eines auf: Heimatgefühle sind nicht davon abhängig, ob seine Heimat im Baedeker steht. Wahrheit und Heimatgefühle schließen sich nicht aus. Man kann seine Heimat lieben und sie dennoch sehen, wie sie ist. Was sie zum Seelenort macht, sind Menschen, Erlebnisse, Liebe. Heimat ist zudem kein Wort, das zum Hass taugt - das ist die politische Facette dieses Begriffs. Anders als all die wahnhaften Nationalismen dieser Welt leben Heimatgefühle nie davon, andere Heimaten herabzuwürdigen. Heimat träumt sich immer nur als Heimat und nie als waffenstarrendes Königreich.

Was das meint, lässt sich in jenem Heimatband aufs Schönste an dem Beitrag des Hülser Naturschützers Ernst Schraetz studieren: Unter der Überschrift "Höls bliv Höls" beschreibt er seine Heimat, listet auf, was ist oder was nicht mehr ist ("von 63 Tagschmetterlingen vor 1960 sind 35 Arten verschwunden") und endet mit seiner Lieblingspflanze: dem Ackergauchheil.

Spätestens dann hat man einen Kloß im Hals, weil man versteht: Die Fülle der Heimat findet sich auch im Kleinen, im Unscheinbaren am Wegesrand. Solche Heimatgefühle sind Lehrmeister der Demut und das weltbeste Gegengift gegen Nationalismen. Deswegen kennen Neonazis auch keine richtige Heimat, sondern nur Feindesland. Vielleicht liegt hier auch der Grund, warum eine Stadt wie Krefeld Heimat für so viele Nationalitäten werden konnte. Mehmet Demir, der frühere Vorsitzende der Türkischen Union, hat in der Heimat-Festschrift notiert: "In einer Familie mit Migrationshintergrund ist der Begriff Heimat nicht so leicht zu definieren. Meine Großeltern und Eltern stammen aus der Türkei, ich hingegen bin in Krefeld geboren." Am Ende seines schönen, anrührenden Beitrags resümiert er: "Ich bin ein Teil von Krefeld, und Krefeld ist ein Teil von mir geworden." Heimat ist weit genug für mehrere Heimaten - ohne Hass, nur getragen von guten Gefühlen.

Heimat erlebt auch eine Renaissance. Roland Schneider, früherer Kultur- und Sozialdezernent Krefelds, schreibt in dem Heimatband, noch vor 40 Jahren hätte er es entrüstet abgelehnt, über Heimat zu schreiben - ihm als 68er sei das Wort suspekt gewesen. Das ist heute anders und hat auch mit der Globalisierung zu tun - im Guten: Sie hat den Heimatbegriff durchlüftet. Kamen früher Menschen ein Leben lang nicht aus ihrem Viertel heraus, sind sie heute zu Gast in Übersee. Wir Weltreisenden wissen, dass es woanders auch schön sein kann. Das nimmt Heimatgefühlen die Enge. Deshalb konnte Schneider am Ende entspannt ein Bekenntnis zur Heimat ablegen: "Heimat ist für mich, wo das Glück ist."

Wir laden unsere Leser in den kommenden drei Wochen ein, mit uns Heimat zu erkunden und in Schneiders Ruf einzustimmen.

Quelle: RP
 
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