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Analyse Kr Wie Krefeld
Seidenweberhaus - Stand der Debatte

Die Debatte um das Seidenweberhaus
Die Debatte um das Seidenweberhaus FOTO: RP-Archiv
Krefeld. Die Veranstaltung mit den Architekten Carolin Krebber und Amandus Sattler in der VHS war ein fabelhafter Schlusspunkt in der bürgerschaftlichen Diskussion. Jetzt sind Stadt und Politik dran. Die Architekten haben Impulse gesetzt, Bekanntes in helles Licht gerückt - aber auch Befremdliches geäußert. Überlegungen zum Stand der Debatte. Von Jens Voss

Ein Mann im Publikum hat es schön ausgedrückt: Er habe seinen Perspektivwechsel erlebt - mit Blick auf das Seidenweberhaus. In der Tat: So warmherzige, kluge und leidenschaftliche Fürsprecher für den Erhalt des Gebäudes wie Carolin Krebber und Amandus Sattler hat man in Krefeld noch nicht erlebt. Auch im Publikum war Wärme spürbar, Begeisterung dafür, dass Fachleute für den achtsamen Umgang mit Traditionen sprachen. Spürbar war auch Unbehagen am Abriss. Gleichwohl: Der Abend hat keine wirkliche Wende gebracht, nicht die eine Lösung, wohl aber deutliche Aha-Effekte. Versuch einer Gewichtung:

IMPULSE

Nachdenken über ein Gebäude beginnt beim Nachdenken über eine Stadt - dieses Credo hat den Blick geöffnet. Was will man auf dem Theaterplatz erreichen? Krebbers Ansatz, dort Hochschule anzusiedeln, ist ja genau deswegen so verführerisch, weil sie mit einer ganz neuen Vision kommt - weg von der Veranstaltungshalle hin zu neuem, studentischem Leben.

Großartig auch für den Fall, dass das Seidenweberhaus als Veranstaltungshalle bleibt, sind Krebbers Vorstellungen über den Umbau des Gebäudes. Sie will seine vier großen Schwächen ausmerzen: Sie will - erstens - die unklare Eingangssituation verklaren und einen deutlich sichtbaren Haupteingang schaffen; sie will - zweitens - die sinnlosen Ecken, Durchgänge und Unterstände, die heute rund um das Gebäude eine widerwärtige Hinterhofatmosphäre stiften, beseitigen; sie will - drittens - die Betonfassade auflockern, und - viertens - den Eingang zur Stadt hin legen. Das Seidenweberhaus, das heute selbstbezüglich ist wie ein Planet, soll sich freundlich der City zuwenden. An diesen Ideen wird man jeden Umbauentwurf messen müssen.

BEKANNTES IN HELLES LICHT GESETZT

Der Gerechtigkeit halber muss man sagen: Eine der Kernideen - die Befreiung der St.-Anton-Straße vom Verkehr - ist nicht neu; Planungsdezernent Martin Linne hat diesen Gedanken aus der gleichen analytischen Einsicht heraus mehrfach formuliert: Die St. Anton-Straße ist der Grand Canyon der City; wer den Theaterplatz beleben will, muss diese Schlucht passierbar machen.

Freilich ist dieser Gedanke in Krefeld längst vertieft von weiteren Einsichten. Die Entscheidung, den Theaterplatz nicht zum Bau eines großen Shopping-Centers zu nutzen, speiste sich nicht nur aus dem Willen, den heimischen Einzelhandel zu schützen. Dahinter standen auch soziale, städtebauliche und historische Überlegungen.

Zu den verblüffenden Einsichten des Junker+Kruse-Gutachtens zur Stadt gehört die Erkenntnis, dass sich das städtische Leben Krefelds bis heute um den mittelalterlichen Stadtkern rund um den Schwanenmarkt bündelt. Vagedes wollte ja auch ursprünglich diesen ältesten Siedlungsraum Krefelds zum Mittelpunkt einer kreuzförmigen Erweiterung machen. Das scheiterte an Geldgründen; es blieb bei der Ausdehnung in eine Richtung.

Entscheidend ist: Schon Vagedes hat sich zunächst nicht getraut, gegen jene Urzelle der Stadt anzuplanen. All die Probleme, die Krefeld heute mit seiner länglich hingestreckten Innenstadt hat, haben in dieser Missachtung des mittelalterlichen Erbes ihren Ursprung. Heißt: Es bleibt plausibel, den Theaterplatz als Platz der Kultur zu halten; die Menschen werden weiter anlassgebunden dorthin gehen. Die Hoffnung, in Jahrhunderten gelernte Wege grundlegend umzuleiten, ist gelinde gesagt kühn - auch wenn es um Studenten geht. Dieser historische Einwand ist mindestens so gewichtig wie die Skepsis, ob die Hochschule Bedarf für ein weiteres Gebäude hat oder ob es je gelingt, Studenten in einem Wohnheim auf dem Theaterplatz anzusiedeln.

Dennoch würde die Beruhigung der St. Anton-Straße die City aufwerten; erst dann würde das Seidenweberhaus einladende Kraft entfalten und nicht mehr wie eine von Verkehr umtoste Klippe wirken.

Überraschend war übrigens, wie widerspruchslos der Vorschlag, den Verkehr auf den Nordwall umzuleiten, hingenommen wurde. Man erinnere sich: Beim Kaiser-Wilhelm-Museum wird der Umweg von einigen hundert Metern um das Museum herum (um den Vorplatz autofrei zu halten) erbittert bekämpft. Man darf gespannt sein, ob die Beruhigung oder auch nur der Rückbau der St. Anton-Straße wie so manche Vision für Krefeld in Proteststürmen untergeht.

BEFREMDLICHES

Befremdlich war das Hohelied der beiden Architekten auf die Stadt als Bauherr und umgekehrt das abgrundtiefe Misstrauen in private Investoren. Die öffentliche Hand ist als Bauherr nahezu diskreditiert. Kaum ein großes Projekt, das nicht ohne dramatische Verzögerung und Verteuerung auskommt. Die jüngsten Sanierungsprojekte in der Republik sind skandalös teuer: 550 Millionen für die Kölner Oper, 950 Millionen für die Frankfurter Oper (beide Gebäude aus den 60er Jahren), 450 Millionen für das Gasteig in München, eine Veranstaltungshalle aus dem Jahr 1985. Hier müssen sich Architekten fragen lassen, was ihre Zunft für einen Mist zusammenbaut, dass man ein Gebäude nach gut 30 Jahren mit einem Vielfachen seines Wertes reparieren muss.

Nein, private Investoren sind eine Chance für Kommunen, ihrer Unfähigkeit zu effizientem Bauen zu entkommen. Auch damit wird man das Rathaus und den Rat immer wieder konfrontieren müssen.

Quelle: RP
 
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