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Krefeld
Seltenes Manuskript über Belgier-Besatzung aufgetaucht

Krefeld: Seltenes Manuskript über Belgier-Besatzung aufgetaucht
Das Manuskript von Paul Sürder mit seinen Erinnerungen aus der Zeit der belgischen Besatzung Krefelds nach dem Ersten Weltkrieg. FOTO: Lammertz
Krefeld. Ein Bericht in unserer Zeitung rief in einer Krefelder Familie ein Manuskript aus dem Jahr 1979 ins Gedächtnis: Es sind Erinnerungen an die Besetzung Krefelds durch die Belgier nach dem Ersten Weltkrieg. Das Stadtarchiv hat Interesse an der Auswertung: Solche Berichte sind durchaus selten. Von Otmar Sprothen und Jens Voss

Jahrzehnte lag das Manuskript wenig beachtet im Archiv der Familie Sürder - jetzt hat der Bericht über den Separatistenaufstand die Erinnerung daran wachgerufen. 1979 hat der Krefelder Paul Sürder seine "Erinnerungen an die Jugendzeit" in einem 19-seitigen Skript zu Papier gebracht. Sürders Tochter Brigitte Sinnecker erinnerte sich an diese kleine Schrift, die ihre 97-jährige Mutter beim Stöbern in alten Familienunterlagen entdeckt hatte. Angeregt durch einen Artikel in der "Rheinischen Post" über den Rathaussturm der Separatisten in Krefeld bot sie Einsicht in das Skript, in dem ihr Vater die Nachkriegsgeschehnisse rund um die Breitestraße pointenreich und treffsicher schildert. "Mein Vater liebte das Schreiben", erinnert sich Sinnecker. "Weil mein Vater so aktiv war, wurde bei uns viel geschrieben." Das Stadtarchiv hat Interesse an der Auswertung bekundet: "Zeitzeugenberichte aus dem Zweiten Weltkrieg sind durchaus vorhanden, aber je weiter man zurückgeht, desto seltener wird das", sagt Christoph Moß, stellvertretender Leiter des Stadtarchivs, auf Anfrage unserer Redaktion.

Der 1912 geborene Paul Sürder war für die Zentrumspartei Mitglied im Rat der Stadt Krefeld, er saß in einem städtischen Kontrollgremium der Sparkasse und war in der Kolpingfamilie aktiv. In der an der Uerdinger Straße gegenüber dem Sprödentalplatz gelegenen Seidenweberei Jammers brachte er es bis zum Personalchef. Sürders Familie wohnte damals an der Breitestraße, wo sein Vater ein Schuhgeschäft führte. Sürder schildert in seinen Erinnerungen das Kriegsende und die turbulente Nachkriegszeit aus dem Blickwinkel eines Krefelder Jugendlichen.

Zum historischen Hintergrund: Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde Krefeld 1918 von belgischen Truppen besetzt; zur Unterbringung der Soldaten wurden zunächst Privathäuser beschlagnahmt, später auch eigens Wohnhäuser für Offiziere gebaut - so entstand das "Belgische Viertel". Die Belgier waren Besatzungsmacht, übten etwa Zensur bei den Zeitungen aus.

1923 griff der Separatistenaufstand auch auf Krefeld über - die selbst ernannten Separatisten wollten eine eigene rheinische Republik gründen; in Krefeld stürmten die Anhänger dieser Bewegung das Rathaus, es gab Tote und Verletzte. "Die Separatisten waren für uns Verräter, aber sie standen unter dem Schutz der Franzosen", schreibt Paul Sürder in seinen Erinnerungen. Er berichtet von dem Lehrer und Heimatforscher Karl Rembert, der die Krefelder Separatisten als "Wirrköpfe", "Schwätzer", "Deklassierte und Schieber" oder als "arme Gesellen" beschrieb und darunter auch "ganz unzweideutiges Verbrechergesindel" ausmachte.

In der Tat haben die Revolutionäre wohl eher Anarchie als eine neue Ordnung gestiftet und sich teils wie eine Räuberbande benommen: Sie plünderten Banken und beschlagnahmten fremdes Eigentum, wie es Sürder am Beispiel des elterlichen Schuhgeschäfts schildert. Sympathien konnten sie so bei den Krefeldern nicht erwerben, und so war nach zwei Wochen mit der Rheinischen Republik in Krefeld Schluss.

Solche Erinnerungen sind für Historiker eine fachliche Herausforderung. "Die Erinnerungen wurden 1979 niedergeschrieben, also mit einem Abstand von 56 Jahren zum Jahr 1923; das ist fast ein Menschenleben", sagt Moß; es sei mithin ähnlich wie bei der "oral history", bei mündlich überlieferter Geschichte: Historiker dürften solche Zeugnisse nicht eins zu eins übernehmen, sondern müssten sie fachgerecht analysieren. "Dennoch ist das natürlich äußerst spannend, eben weil Berichte aus dieser Zeit nicht so häufig sind."

Quelle: RP
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