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Krefeld
Simultankirche: Große Debatte in Gartenstadt

Krefeld. St. Pius als gemeinsam genutzte Kirche: Es wäre die erste Simultankirche im Bistum; beide Gemeinden haben über den Plan diskutiert. Von Anette Frieling und Otmar Sprothen

Traurige Stimmen in der Lukas-Kirche

Noch ist es nur ein Vorschlag, aber er sorgt für Verunsicherung. Wie berichtet, geht es um die Idee, dass die katholische und die evangelische Gemeinde in Gartenstadt die bisher katholische Piuskirche als gemeinsames ökumenisches Kirchenzentrum nutzen und die evangelische Lukaskirche aufgegeben wird. Erste Überlegungen zur Schaffung einer Simultankirche gab es schon 2014. Ab 2015 machte sich dann ein zwölfköpfiges Gremium Gedanken zu finanziellen, baulichen und theologischen Aspekten. Am Samstag hatten beide Gemeinden zum ersten Mal öffentlich Gelegenheit, sich zu äußern.

Die Gemeindeversammlung in der Lukaskirche zeigte: Die Ökumene hat in Gartenstadt gelebte Tradition, aber die mögliche Trennung von dem Kirchengebäude bewegt und wird von vielen als schmerzlich empfunden. "Wir lieben diese Kirche. Das Gebäude der Lukaskirche aufzugeben, ist ein Stück Verlust des Zuhauses", erklärte eine ältere Dame unter Beifall. In einem Vortrag hatte Pfarrer Christoph Tebbe den rund 60 Anwesenden den Planungsstand mitgeteilt und gleichzeitig eingeräumt "wir sind längst nicht in der Situation, dass wir Antworten auf alle Fragen haben".

Die Gemeindeversammlung sei erste Gelegenheit, sich zu äußern, und es werde nicht die letzte sein. Fest stehe nur: Wenn eine ökumenische Zukunft der Gemeinden als ein Zentrum gewollt sei, könne das nicht in den Räumen der Lukaskirche stattfinden: "Wir haben die Kalender mit allen Veranstaltungen nebeneinandergelegt und festgestellt, dass dieses Gebäude nicht reicht". Es müsse vermietet oder verkauft werden. Während eine Besucherin der Auffassung war, dass Gemeinde abhängig von den Menschen und nicht von Gebäuden sei ("Als ich die Lukaskirche erstmalig sah, habe ich mich gefragt: Was ist denn das für eine Scheune"), erlebten andere sie als "warmen, lichtdurchfluteten Raum", und damit als krassen Gegensatz zur Piuskirche. "Dort ist es dunkel", erklärte eine ältere Dame. Früher habe sie dort musiziert "die dortige Eiseskälte hat uns bedrückt." Die ungewisse Zukunft des Gebäudes thematisierte ein weiterer Zuhörer: "Aus ökumenischer Sicht wäre es ein Gewinn.

Die Frage ist: Was wird aus dem Gebäude?" Ein Besucher aus der Piusgemeinde zeigte Verständnis für die Verlustgefühle der Protestanten, wies aber auch darauf hin, dass sich die evangelische Gemeinde unbedingt auch für die Zukunft ihre Ebenbürtigkeit erhalten müsse. Er habe gehört, dass die Rede davon gewesen sei, ob die ein oder andere Seite sich "einkauft oder einmietet". Dringend appellierte er daher: "Sie müssen sich einkaufen. Ein Mietverhältnis tut der Sache nicht gut. Sie müssen auf Augenhöhe bleiben." Pfarrer Tebbe erklärte, bei der Planung herrsche kein Zeitdruck. "Sollte man dem Vorschlag folgen, handelt es sich um einen Prozess von plus minus zwei bis drei Jahren."

Zuversicht in der St. Pius-Gemeinde

Etwa zeitgleich zu der Gemeindeversammlung der Lukas-Kirche waren rund 100 Mitglieder der katholischen Pius-Gemeinde der Einladung von Pfarrer Christoph Zettner in ihre, nur wenige hundert Meter von der Lukas-Kirche und ebenfalls an der Traarer Straße gelegene Kirche gefolgt, um über die gemeinsame Nutzung der Pius-Kirche zu diskutieren. In aller Vorsicht, gestützt durch eine Computer-Präsentation unter der Überschrift "nix ist fix", ging Zettner das für das Bistum Aachen bisher einmalige Vorhaben an.
Man rede über einen Zeitraum von drei, maximal fünf Jahren, in dem das ökumenische Zentrum entstehen solle, sagte der Pfarrer. Jedenfalls wolle man mehr als einen Gästestatus für die evangelische Nachbargemeinde. "Wir werden dann Partner auf gleicher Augenhöhe sein", sagte Zettner. Aus reinen Platzgründen sei die Standortwahl einvernehmlich auf die Pius-Kirche gefallen, die mit dem benachbarten Oscar-Romero-Haus alle Voraussetzungen für ein ökumenisches Miteinander böte. Der bei der Lukas-Kirche gelegene Kindergarten und das offene Jugendzentrum "Die Funzel" sollen erhalten bleiben, was einen eventuellen Verkauf der Liegenschaft nicht erleichtere.

Der für streng konfessionell denkende Christen revolutionäre Plan entfachte keine Revolution in der Pius-Gemeinde. Neben praktischen Fragen, beispielsweise nach der beide Konfessionen berücksichtigenden Altarraumgestaltung oder einer frischeren Farbgebung bei der Umgestaltung des neuen Zentrums, wünschte sich eine Besucherin, dass sich aus der neuen Gemeinsamkeit katholischer und evangelischer Christen etwas Neues entwickle; es wäre schlecht, zwei gewachsene Gemeinden nebeneinander weiter existierten zu lassen. Eine Juristin erinnerte daran, dass eine neue Eigentumsform in das Grundbuch einzutragen sei, wenn die Lukasgemeinde gleichberechtigt das neue Zentrum nutzen solle. Die frühere Grundschulleiterin Ute Stettien, die seit einem halben Jahrhundert in Gartenstadt wohnt und sich in der Lukas-Gemeinde engagiert, verwies auf die langjährige ökumenische Tradition des jungen Krefelder Stadtteils. Als neulich die Sternsinger zogen, habe an ihrer Haustüre ein Sternsinger bekannt: "Wir sind die Sternsinger von St. Pius." "Aber wir sind alle evangelisch", habe ein Mädchen noch hinzugefügt.

 Bei der von erwartungsvoller Neugier geprägten Gemeindeversammlung bedankte sich Pfarrer Christoph Zettner: "Ich finde es wunderbar, dass Sie so denken. Sollte noch etwas Wichtiges zu klären sein, werden wir uns wieder hier treffen." Zettner glaubt fest daran, dass der aus langer Tradition stammende ökumenische Grundkonsens in Gartenstadt einen störungsfreien Start des neuen Gemeindezentrums ermöglichen wird. Er weiß nicht nur seine Gemeinde, sondern auch die Kirchenverwaltung hinter sich.

 

 

Quelle: RP
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