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Lokalsport
Als in Seoul Bronze wie Gold "Funkelte"

Neuss. Bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Südkorea belegte Wolfgang Funkel mit den DFB-Fußballern Platz drei. Von Dirk Sitterle

Zum 58. vor anderthalb Wochen flatterte Wolfgang Funkel ein ganz besonderer Geburtstagsgruß ins Haus. Die Karte direkt aus der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Frankfurt am Main gab beim Aufklappen eine Sprachnachricht von Weltmeister Bastian Schweinsteiger zum Besten - und zollte dem ehemaligen Bundesliga-Profi damit auch die verdiente Anerkennung für eine außergewöhnliche Leistung. Denn Wolfgang Funkel war 1988 integraler Bestandteil der deutschen Mannschaft, die bis zum Final-Einzug der von Horst Hrubesch trainierten Jungs in Rio de Janeiro (heute Abend ab 22.30 Uhr gegen Brasilien) mit Bronze die letzte Olympia-Medaille einer DFB-Auswahl geholt hatte.

Einschließlich der sechs Partien in Südkorea bestritt die Truppe von Coach Hannes Löhr () zwischen dem 25. März 1987 und dem 30. September 1988 18 Spiele, in 17 davon kam Funkel zum Einsatz (fünf Tore) - Rekord. Dabei zählten zum Kader in Jürgen Klinsmann, Thomas Häßler, Karl-Heinz Riedle und Frank Mill sogar vier Kicker, die zwei Jahre später in Italien den WM-Titel einbrachten. Auch "wenn das Ganze schon ein wenig her ist", für Funkel waren die Tage von Seoul "eine sensationelle Erfahrung. Und ich glaube nicht, dass irgendeiner, der dabei war, was anderes sagt." Die Vorrundenspiele gegen China (3:0), Tunesien (4:1) und Schweden (1:2) wurden freilich im mehr als 400 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Busan ausgetragen, das mit 4:0 gewonnene Viertelfinale gegen Sambia (Klinsmann/3 Tore, Funkel) in Gwangju (rund 300 Kilometer). Erst fürs Halbfinale ging es nach Seoul und endlich auch ins Olympische Dorf. Ein absoluter Hit für den fußballerisch beim VfR 06 Neuss großgewordenen Glehner. Die Begegnungen mit den Gold-Fechterinnen Anja Fichtel und Zita Funkenhauser gehören zu den Perlen seiner persönlichen Rückschau, auch die mit dem Fahrrad vorbeihuschende Steffi Graf hat einen festen Platz in seinem Kopf. "Wir hatten zudem Gelegenheit, uns die Wettkämpfe im Olympiastadion anzugucken, zum Beispiel den 100-Meter-Lauf von Carl Lewis."

Die damals noch 100.000 Zuschauer fassende Arena wurde für den 1,92 Meter großen Schlaks zu einem Schicksalsort: Im Halbfinale gegen Brasilien, in dessen Seleção (Auswahl) spätere Weltstars wie Romário (mit sieben Treffern am Ende bester Torschütze des Turniers), Bebeto und Jorginho mitwirkten, hatte Holger Fach, neben Wolfgang Funkel und Gerhard Kleppinger einer von drei Profis von Bayer Uerdingen im Team, Deutschland in der 50. Minute in Führung geschossen. Romário glich elf Minuten vor Schluss aus, ehe den Schützlingen von Hannes Löhr nach einem Foul an Jürgen Klinsmann ein Strafstoß zugesprochen wurde. Ein Job für Wolfgang Funkel. Doch ausgerechnet jetzt versagten ihm die Nerven, Schlussmann Taffarel parierte; und da es nach 120 Minuten immer noch 1:1 stand, musste die Entscheidung im Elfmeterschießen fallen. Weil Jürgen Klinsmann, Olaf Janßen und Wolfram Wuttke () patzten, triumphierte Brasilien mit 3:2, unterlag vier Tage später jedoch der UdSSR mit 1:2 nach Verlängerung. Der Fehlschuss traf Funkel natürlich hart. "Auch wenn es mir keiner nachgetragen hat, tat mir das unheimlich leid für die Mannschaft. Hätte ich getroffen, wären wir im Finale gewesen." Zum allem Überfluss musste er hinterher auch noch zur Dopingprobe und verpasste dadurch die Rückfahrt ins Quartier. "Und als ich da so alleine mit den Funktionären saß, hatte ich genug Zeit, mir meine Gedanken zu machen." Im Spiel um Bronze gegen Italien war der Frust indes überwunden. Beim 3:0-Erfolg hielten die Twin Towers Wolfgang Funkel und Michael Schulz (1,94 Meter) vor Keeper Uwe Kamps den Laden dicht. Für die filigranen Momente war Libero Thomas Hörster zuständig. Im Sturm ergänzten sich Jürgen Klinsmann (vier Turniertore) und Kapitän Frank Mill. Die exquisite personelle Ausstattung war möglich, da vor 28 Jahren noch nicht so ein Affentanz um die Abstellung von Bundesliga-Profis für Olympia veranstaltet wurde. Funkel: "Es gab überhaupt keine Debatte. Es durften alle hin." Dies und die Kunst des im Februar verstorbenen Hannes Löhr waren die Garanten für das erstklassige Abschneiden.

Zwei Monate nach der Rückkehr aus Südkorea folgte der nächste Höhepunkt. Bundespräsident Richard von Weizsäcker () ehrte die Medaillengewinner der Spiele mit dem Silbernen Lorbeerblatt, die höchste verliehene sportliche Auszeichnung in Deutschland. Das Schächtelchen mit der wertvollen Trophäe ruht mittlerweile gemeinsam mit vielen Fotos in einer Kiste. Auch die Bronzemedaille kramt Funkel, dessen erfolgreiche Olympia-Karriere mit dem Match gegen Italien vorbei war, nur noch selten hervor. Aber an manchen Tagen verspürt er noch einen ganz besonderen Geschmack im Mund: "Den von Reis, den gab es in Seoul nämlich jeden Tag."

Quelle: RP
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