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Der ehrliche Arbeiter mit der Raute im Herzen

Krefeld. Wilfried Hannes wurde 2000 von den Fans in Borussias "Jahrhundert-Elf" gewählt. Er verlor mit acht Jahren ein Auge, wurde trotzdem Nationalspieler. "Ich war kein begnadeter Fußballer, habe aber immer ehrliche Arbeit geliefert", sagt er. Jetzt wird "Winni" 60 Jahre alt. Von O. E. Schütz und W. Horrmann

Freud und Leid liegen im Fußball oft sehr nah beieinander, das hat Wilfried Hannes vielfach erfahren, einmal besonders markant: Sein schönstes Erlebnis in 25 Jahren als Spieler, von der Jugend bis zum Profi und Nationalspieler? "Das war der 5:1-Sieg 1985 in Düsseldorf gegen Real Madrid, im Europapokal der Landesmeister", sagt Wilfried Hannes ohne Zögern. Und gibt gleich die nächste Antwort, ohne dass die Frage so schnell gestellt werden könnte: "Und meine größte Enttäuschung war das Rückspiel in Madrid zwei Wochen später - die 0:4-Niederlage, mit der wir raus waren aus dem Wettbewerb, der heute Champions League heißt."

Am 17. Mai wird Hannes 60. Elf Jahre, von 1975 bis 1986, hat der Mann, den alle "Winni" nennen, für Borussia gespielt. Hat tolle Zeiten miterlebt, am Ende auch eine schwierige, den Kampf gegen den Abstieg. Die vielzitierte "Raute im Herzen" - die hat er getragen, hat sie auch heute noch, 31 Jahre nach seinem letzten Spiel im Gladbacher Trikot. "Borussia ist mein Verein", sagt er. Mit ihm ist er zweimal, 1976 und 1977, Deutscher Meister geworden, war beim bis heute letzten internationalem Triumph dabei: dem Gewinn des Uefa-Cup 1979 gegen Roter Stern Belgrad. Und er ist 1977 beim Finale des Europapokals der Landesmeister in Rom gegen den FC Liverpool in der 79. Minute eingewechselt worden. Borussia lag 1:2 zurück. Winni Hannes, eine Woche zuvor gerade mal 20 geworden, konnte die Partie auch nicht mehr wenden. Ein Elfmeter brachte den Briten in der 83. Minute das entscheidende 3:1.

"Ich war kein begnadeter Fußballer", sagt Winni Hannes offen. "Aber ich habe stets alles gegeben, immer ehrliche Arbeit abgeliefert." Die Fans spürten das und wählten Hannes 2000, zum 100-Jährigen des Vereins, in Borussias Jahrhundert-Elf. "Das hat mich sehr berührt, weil es die schönste Anerkennung dafür ist, dass ich immer alles für die Borussia gegeben habe", freut er sich bis heute. Wenn seine Zeit es zulässt als Trainer des Mittelrheinligisten Borussia Freialdenhoven, kommt er zu den Heimspielen in den Borussia-Park und drückt vor Ort die Daumen. Oder er kommt auch schon mal unter der Woche von Düren nach Gladbach, um beim Training zuzuschauen. "Winni hat ein sehr, sehr nettes Verhältnis zum Verein und seinen ehemaligen Mitspielern", sagt Elmar Kreuels, bei Borussia unter anderem für die Traditionspflege zuständig. Hannes hat allerdings ein Problem: Während sein Riesen-Foto als Jahrhundert-Spieler an der Nordkurre hängt, ist sein Sohn Marc ein Fan der falschen Borussia, der Dortmunder. . .

Wilfried Hannes hat es mit sehr viel Einsatz und Kampfgeist bis zum Nationalspieler geschafft. Und das mit einem großen Handcap: Als Achtjährigem musste ihm in der Düsseldorfer Uni-Klinik ein Auge entfernt werden - in dem ein bösartiger Tumor saß. "Ich bin damit groß geworden, darum konnte ich das mit der Zeit immer besser kompensieren", sagt er. "Mein Papa hat immer wieder mit mir gearbeitet, unter anderem mit Tennisbällen Koordinationsübungen gemacht. So schaffte ich es als A-Jugendspieler von Düren 99 sogar in die Jugend-Nationalmannschaft", erzählt er.

Diese Berufung wurde sein Glück. Bei einem Jugendländerspiel in Nürnberg 1975 erzielte der damalige Stürmer zwei Tore gegen Österreich und begeisterte die Talentsucher. Hannes: "Als ich nach Hause kam, wollten mich Gladbach, Schalke und auch der 1. FC Köln verpflichten. Bei meinem Papa stand das Telefon nicht mehr still. Am meisten haben sich Schalke und Köln bemüht. Aber mein Herz schlug für Borussia mit ihrer begeisternden Spielweise." Und dann stand plötzlich der große Trainer Hennes Weisweiler höchstpersönlich mit seinem Konditionstrainer Karl-Heinz Drygalsky vor der Haustür der Familie Hannes im Dürener Arbeiterviertel. Und Winni brauchte gar nicht mehr zu überlegen: "Ich wechsle zur Borussia."

Den Vertrag konnte er noch nicht alleine unterschreiben, denn er war noch keine 18, der Papa musste ran. Mit dem Vertrag bei der Stadtsparkasse Düren, wo er als Realschul-Absolvent mit Mittlerer Reife eine Ausbildung machen wollte, wurde es nichts. Denn Weisweiler sagte klipp und klar: "Wenn du bei uns Profi werden willst, gibt es ab sofort nichts anderes." Hannes: "Es gab damals 2500 Mark Monatsgehalt und zusätzlich Auflaufprämien. Das war seinerzeit viel Geld, aber dafür machen die Profis heute noch nicht mal eine Autogrammstunde..."

Doch als Hannes seinen "Dienst" am Bökelberg antrat, war Hennes Weisweiler nicht mehr da: Er war zum FC Barcelona gegangen. Dafür kam Udo Lattek und machte aus dem Stürmer einen Abwehrspieler. Hannes: "Im Sturm hatten wir ja mit Jupp Heynckes, Allan Simonsen, Kalle Del'Haye und Henning Jensen eine Weltauswahl. Da war es für mich eine gute Sache, dass ich hinten spielen durfte." Doch sein Stürmerblut ging nicht verloren: Wilfried Hannes ist bis heute mit 58 Toren in 261 Bundesligaspielen Borussias torgefährlichster Abwehrspieler in der Bundesliga.

"Am meisten verdanke ich Jupp Heynckes", sagt Hannes. Heynckes wurde 1978 Co-Trainer und löste ein Jahr später Udo Lattek als Cheftrainer ab. "Jupp war für mich der beste Trainer der Welt. Er wollte immer, dass wir Abwehrspieler mit nach vorne marschieren, das lag mir als ehemaligem Stürmer natürlich besonders. Jupp hat mich zum Nationalspieler geformt."

Quelle: RP
 
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