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Serie Was Macht Eigentlich?
Der Mann hinter der Torfabrik wird 70

Krefeld. "Ich bin jetzt vielleicht 70. Aber innen drin, da bin ich immer noch auch ein kleiner Junge", sagt Borussias Torwart-Legende Wolfgang Kleff. Von Karsten Kellermann

Gegenwart: Wolfgang Kleff, der Ältere, schaut hinauf zu Wolfgang Kleff, dem Jüngeren. Über 40 Jahre liegen zwischen dem Kleff, der heute hinter der Nordkurve des Borussia-Parks steht, und dem Kleff, der seine Arme ausgestreckt hat und sich den Ball schnappt. Es ist, das zeigt das Trikot des Gegners, ein Spiel gegen Rot-Weiß Essen, und Kleff trägt, was er immer trug: Das Torwart-Trikot mit dem schwarzen Vertikalstreifen. Das Outfit war früher sein Markenzeichen. "Sieht gut aus", sagt der ältere Kleff und meint damit nicht nur das Trikot, sondern den ganzen Kerl, der im Zentrum des überdimensionalen Schwarz-Weiß-Fotos steht. "Ich war schon ein fescher Bursche", sagt Kleff und grinst. Morgen wird er 70, doch er gehört zu den Menschen, die sich nicht um ihr Alter scheren. Natürlich, sein Körper ist nicht mehr so sportlich wie damals, als das Foto entstand. "Wolfgang Kleff 1" steht darauf - es ist das erste von elf Bildern, die große Fußballer Borussias zeigen, genau genommen: die größten. Es ist Gladbachs Jahrhundertelf, gewählt von den Fans. Kleff ist der Torwart der Jahrhundertelf.

"Ich war schon damals ein moderner Torwart", sagt Kleff. Früher, beim VfL Schwerte, seinem Heimatklub, hat er auch Stürmer gespielt, und auch später, beim Training der Borussen, war er gern im Feld dabei. Es war für ihn eine Art teilnehmende Beobachtung, "so wusste ich, wie die Stürmer ticken", sagt Kleff. Heute ist er eine Torwart-Legende. Zuletzt, beim Gründerzeitviertelfest in Eicken, war Kleff auch da. Hinter der Theke. Er zapfte Bier. Und hatte dabei immer einen lockeren Spruch parat. Es wurden viele Selfies gemacht, Kleff hatte Spaß, seine Fans hatten Spaß. Kleff volksnah, so war er immer, schon als Profi. "Wenn man positiv ist, ist das Leben leichter", sagt Kleff. Es ist seine philosophische Essenz der vergangenen Jahre. Es waren keine leichten.

Kleff hatte 2010 einen Schlaganfall, musste wieder lernen zu sprechen. Sein Herz arbeitet seit fünf Jahren nicht mehr richtig. "Ich habe Demut gelernt in der Zeit der Krankheit. Und Dankbarkeit. Jeder Tag, den man hat, ist schön", sagt Kleff. Er sagt von sich er sei "ein Optimist des Lebens". Das Wort "Lebenskünstler" würde auch passen, "aber es hat einen negativen Beigeschmack", findet Kleff. Er nimmt die Dinge leicht, aber trotzdem ernst, wäre es nicht so gewesen, wäre er zu seiner aktiven Zeit nicht einer der besten Torleute Deutschlands gewesen.

Vergangenheit: Ein Tag, an dem er besonders gut ist, ist der 23. Juni 1973. An diesem Tag wird bei "tierischer Hitze" Fußballgeschichte geschrieben im Düsseldorfer Rheinstadion. Das sagenumwobene Pokalfinale zwischen Borussia und dem 1. FC Köln ist fast vorüber. 2:1 führen die Gladbacher, weil Günter Netzer, der "King vom Bökelberg", der nach diesem Spiel zu Real Madrid wechselt, nur zwei Minuten nach seiner Selbsteinwechslung der Ball nach Rainer Bonhofs Zuspiel über den Spann rutscht und hinein in den Kölner Torwinkel fliegt. Nun sind noch wenige Sekunden zu spielen. Heinz Simmet schlägt den Ball ein letztes Mal in den Gladbacher Strafraum - und trifft die Stirn von Bernd Cullmann. Von dort fliegt das Spielgerät auf das Tor der Borussen zu. Nicht wenige der 70.000 Augenzeugen denken, dass der Ball im Netz landen wird. Doch dann zuckt die Hand von Wolfgang Kleff zum Ball und verhindert das 2:2. Borussias Torhüter hält in der 119. Minute den Pokal fest. Jupp Heynckes sagt: "Unser Wolfgang hat das Spiel seines Lebens gemacht."

Kleff hält meisterlich, doch die eigentliche Geschichte des Spiels schreibt Günter Netzer. "So ist das eben im Fußball. Da kann einer 89 Minuten verschwunden sein, dann kommt er rein, macht das entscheidende Tor und ist der Held. Gerade in diesem Fall haben die Medien das natürlich aufgebauscht", sagt Kleff.

1973 macht er sein größtes Spiel, das Pokalfinale gegen Köln. Kleff muss zittern. Denn sein Griechenland-Urlaub steht auf dem Spiel. "Ich hatte für den Tag nach dem Endspiel einen Flug bei Olympia Airways gebucht. Als die Verlängerung lief, dachte ich: Was wird mit dem Urlaub?" Denn gibt es an diesem 23. Juni keinen Sieger, kommt es zum Wiederholungsspiel. Doch Günter Netzer erlöst Kleff und schießt nach seiner legendären Selbsteinwechslung das 2:1-Siegtor. "Ich bin Günter sehr dankbar", sagt Kleff. Als er am Tag nach dem Pokalsieg ins Flugzeug steigt, wird er vom Kapitän persönlich begrüßt: "Herzlichen Glückwunsch, Herr Kleff!"

Gegenwart: Kleff schaut noch einmal hoch zu "seinem" Foto und nickt. So ist das, wenn man der Torwart einer großen Mannschaft ist. Man ist zum Halten da, und wenn man es tut, ist es kaum der Rede wert. Nur wenn man es nicht tut, ist man im Gespräch. Die wahren Helden sind meist andere. In Gladbachs Mythenbildung sind es eben die, die Tore schossen wie am Fließband. Kleff war der Mann hinter der Torfabrik. Er war Borussias Torwart in der goldenen Zeit. Und er war es schier ewig. 321 Bundesligaspiele machte Kleff für Borussia, 245 davon am Stück, siebeneinhalb Jahre war er ununterbrochen die Nummer eins. Er war neben Berti Vogts und Hacki Wimmer die große Konstante. Vier Meisterschaften gewann er aktiv mit Gladbach, zudem den DFB-Pokal und 1975 den UEFA-Cup. Für die Fans war (und ist) Kleff schlichtweg Kult.

Kleff wurde Borusse, als Weisweilers Credo noch Torhüter-unfreundlich war. Der Meistertrainer gab der Ästhetik den Vorzug vor der Pragmatik, er gewann lieber 4:3 als 1:0. "Ich war dazu da, die Fehler der anderen auszubügeln, Tore konnte ich ja nicht schießen. Das war für mich der Reiz", sagt Kleff. Er war ein Teil der Mannschaft, die den Namen Borussias bis heute prägt. Der Westfale, der sich längst als Rheinländer beschreibt, hat alles miterlebt, was den Mythos Borussia ausmacht: das Elfmeterdrama von Everton, den Pfostenbruch, den Büchsenwurf, die seltsamen Pfiffe des Schiedsrichters Leo van der Kroft in Madrid, die 12:0-Sieg-Niederlage gegen Dortmund.

Borussia wurde dadurch zur Folie für Träume und Hoffnungen. Die Spieler indes, die waren Fußballer, die einfach Spaß an ihrem Job hatten. "Autofreier Sonntag zum Beispiel, den habe ich damals überhaupt nicht auf dem Programm gehabt. Später hat dann Ewald Lienen den Krefelder Appell inszeniert, den hat man aus Gefälligkeit mitunterschrieben. Politisch war ich völlig uninteressiert und die meisten meiner Mitspieler auch", sagt Kleff. "Ich bin auch nicht im Pelzmantel herumgelaufen und habe mir ein Schmuckstück durch die Nase gezogen. Wenn man ohnehin bekannt ist und auch mal im Fernsehen auftaucht, dann muss man sich nicht wie einen Weihnachtsbaum behängen. Man ist dann schon auffällig genug". Gleichwohl ist er selbst ein Teil des Kults um Borussia. Sein Torwartpullover mit dem schwarzen Vertikalstreifen, der eigens für ihn kreiert wurde ("Modell Wolfgang Kleff"), war ebenso typisch für Kleff wie seine Torwarthandschuhe. Seine Handschuhe hat Kleff immer gehegt und gepflegt, "es waren ja meine wichtigsten Arbeitsgeräte".

Vergangenheit: Wolfgang Kleff wächst in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf. Sein Vater Wilhelm war Angestellter bei der Stadt, seine Mutter Irmgard Hausfrau. Der Junge ist ein Einzelkind, "unter den strengen Augen meines Vaters konnte ich mich frei bewegen". Disziplin geht im Hause Kleff über alles. Nun mag man sich darüber streiten, ob ausgerechnet der Filou Wolfgang Kleff vor allem diszipliniert war. Doch Kleff definiert Disziplin als ein wesentliches Merkmal des Torwartspiels. "Disziplin gehört bei Fußballern dazu. Und als Torwart hat man die größte Verantwortung, denn deine Fehler sieht selbst der Dümmste auf der Tribüne". Sein Teamkamerad Jupp Heynckes erklärte das Phänomen Kleff so: "Er ist leichtlebig, kann sich aber auf den Punkt konzentrieren."

Mit 21 ist Kleff Bundesligatorwart. Am 7. September 1968 gibt er sein Debüt im Borussen-Tor. Nervös war er, als Weisweiler ihm sagt: "Du spielst." Doch er lernt schnell. 1972 gehört Borussias Nummer eins zum Aufgebot des Europameisters, es ist Kleffs erster internationaler Titel. Doch er hat sein Ziel, Deutschlands Stammtorwart zu werden, verpasst. Der Münchener Maier ist sein Schicksal, er kommt nie an ihm vorbei. "Ich selbst habe das sehr entspannt gesehen. Das waren schöne Reisen, es gab gut zu essen, und für die Ersatzbank habe ich mir immer eine Tafel Schokolade mitgenommen. Die hab ich dann genüsslich gegessen. Ich hab mir immer gesagt: Du bist ein guter Torhüter, so und so oft Deutscher Meister in Mönchengladbach, also sei doch zufrieden", sagt Kleff zum Thema Nationalmannschaft.

Fast siebeneinhalb Jahre ist er Borussias Nummer eins - Kleff verrät das Geheimnis seiner Dauerhaftigkeit: "Ich will nie weg sein, damit man nicht sieht: Es kann auch ein anderer. Ich war immer da, auch an freien Tagen nach Siegen. Und ich habe die Ersatztorleute immer genau beobachtet, damit keiner an mir vorbei zieht", sagt er. Doch im Sommer 1976 ist er dann doch weg. Kleff, der sich bis dahin nicht für unschlagbar, "aber praktisch unverletzbar hielt", muss an der Leiste operiert werden. Nach 16 Monaten Pause ist er zurück. 1979 verlässt er dann aber nach elf Jahren Borussia und spielt künftig für Hertha BSC Berlin spielt. Borussia bekommt 150.000 Mark, Kleff einen Vertrag über zwei Jahre. Eine Ära ist indes nur vorläufig zu Ende. Ablösefrei kommt er aber 1980 aus dem Berliner Exil zurück, mit 34. Er setzt sich gegen den jungen Uli Sude durch. Nach der Saison soll er gehen. Den Fans gefällt das nicht. Manager Helmut Grashoff bleibt aber hart. Kleff bekommt in Düsseldorf einen Zweijahres-Vertrag. Er macht am 29. Mai 1982 beim 6:1 gegen Darmstadt sein letztes Spiel für Borussia.

36 Jahre alt ist Kleff und nun Düsseldorfer mit Wohnsitz in Straelen. Er spielt zwei Jahre für Fortuna. In Düsseldorf zeigt er den Zuschauern zum Abschied den blanken Hintern, wechselt 1984 für eine Saison zum Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen, kehrt im Tor des VfL Bochum aber noch mal in die Bundesliga zurück und wird mit dem VfL Neunter. Zwischenzeitlich ist Kleff dank seiner Ähnlichkeit zu Otto Waalkes, dem er sich freundschaftlich verbunden fühlt, auch als Schauspieler aktiv. 1985 gibt er in "Otto - Der Film" den Friseur Astrid, 1990 ist er in dem Klamauk "Werner beinhart" dabei. "Ich bin für jeden Spaß zu haben", sagt Kleff, der 1974 als stimmgewaltiger Mitsinger beim WM-Song "Fußball ist unser Leben" seinen Teil zum Triumph von München beiträgt. Mit fast 40 debütiert er am 31. Oktober 1986 als Torwart des Zweitliga-Letzten FSV Salmrohr. Noch 102 Erstliga-Spiele macht er nach seiner Gladbacher Zeit, 433 sind es insgesamt, dazu kommen 56 in der Zweiten Liga. 1986 erklärt er seine Profikarriere für beendet. Bis 1992 spielt er noch für den SV Straelen, 2000 meldet der KFC Uerdingen den 54-Jährigen als Ersatztorwart - und mit 61 steht er 2008 35 Minuten lang im Tor des Landesligisten FC Rheinbach, bevor er verletzt raus muss.

Gegenwart: Wolfgang Kleff sitzt nun in der Sportsbar des Borussia-Parks, der Spaziergang entlang der Vereinsheroen, zu denen er gehört, ist vorüber. Es gibt Schweinebraten, Blumenkohl und Salzkartoffeln. Kleff spricht über Freundschaft. Es ist für ihn ein hohes Gut und es gibt allenfalls drei Menschen, die er wirklich als Freund bezeichnen will. Namen nennt er nicht. Er weiß, dass er zuweilen aneckt, weil er seine Meinung sagt. Und seine Meinung ist, dass Borussia "ein Teil meines Lebens ist, aber nicht das Leben". Aber ein wichtiger Teil, der Teil, der ihn zur lebenden Legende gemacht hat, dafür sei er dankbar, sagt Kleff. Ganz zum Schluss muss er dann doch noch kommen, der Lieblingswitz des Wolfgang Kleff. "Was sagt der Dackel von Sepp Maier auf die Frage, wer der bessere Torwart ist? Kläff, kläff." Der Witz zeigt wie Kleff ist: Ein Spaßvogel, einer, der die Dinge ein wenig auf die leichte Schulter nimmt, gleichwohl aber sehr ernst zu nehmen ist. "Ich bin jetzt vielleicht 70. Aber innen drin, da bin ich immer noch auch ein kleiner Junge", sagt Kleff. Das unterscheidet Kleff, den Älteren, nicht von Kleff, dem Jüngeren, dem Ballfänger auf dem Jahrhundertelf-Foto. "Und das ist gut so. Darum bin ich immer jung geblieben", sagt Kleff. Auch mit 70.

Quelle: RP
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