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Marc Odenthal
"Ich weiß, dass ich in Rio jeden schlagen kann"

Krefeld. Der Judoka spricht über den Traum von einer Olympiamedaille, mentale Belastung auf der Matte und das Zu-Hause-Gefühl.

Sie haben Ende vergangenen Jahres gesagt, wenn Sie es nicht nach Rio schaffen, verkriechen Sie sich zu Hause in einer Ecke? Da können Sie ja nun alle Ecken bedenkenlos mit Möbeln zustellen.

ODENTHAL (lacht) Definitiv. Olympia war das erhoffte Ziel, und das habe ich nun wirklich erreicht, auch wenn es ein Ringen und Bibbern bis zum Ende war.

Sie sprechen das Bangen an. Wie viel mentale Belastung steckte letztlich in diesem Ausscheidungskampf zwischen Ihnen und Ihrem Konkurrenten Hildebrand um das eine, begehrte Ticket in der Klasse bis 90 Kilogramm?

ODENTHAL Im Endeffekt war genau das das Entscheidende. Die nötige Leistung und Qualität haben wir ja beide gezeigt, es lief dann wirklich auf die Frage hinaus, wer es bei einem Turnier schafft, den Druck mal abzustreifen und befreiter aufzukämpfen. Das ist uns beiden ein paar Mal nicht gelungen, aber beim letzten, entscheidenden Turnier in Baku ist es, glaube ich, mir einen Tick besser gelungen.

Was passiert mit der Anspannung, wenn das heiß ersehnte Ziel erreicht ist? Denn diese Anspannung braucht es für Rio ja erneut?

ODENTHAL Es war vielleicht ganz gut, dass Qualifikations- und Vorbereitungsphase für Rio ziemlich nahtlos ineinander übergegangen sind. Ich habe ja erst zwei, drei Tage vor dem ersten Trainingslager erfahren, dass ich endgültig dabei bin und dadurch habe ich es geschafft, diese Freude und Motivation direkt mitzunehmen. Ich meine, ich habe vier Wochen lang das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekommen. Einen kleinen Durchhänger, den ich vielleicht auch befürchtet hätte, den gab es insofern gar nicht.

Was bleibt von den vergangenen Jahren vielleicht sogar über Rio hinaus hängen?

ODENTHAL Rückblickend war es eine unheimlich schwierige und intensive Zeit, viele Höhen und Tiefen, aber eben auch etwas, was mich sportlich und menschlich auf jeden Fall weitergebracht hat. Trotzdem: Wenn wir jemand vor vier Jahren gesagt hätte, wie die Zeit bis Rio laufen wird, weiß ich nicht, ob ich nicht schreiend weg gerannt wäre.

Rückschläge, Wiederaufstehen, zäh sein - das sind auf jeden Fall alles Qualitäten, die in jedem einzelnen Judo-Kampf gefordert sein können.

ODENTHAL Richtig. Und als meine Teilnahme bei Olympia feststand, habe ich zu meinem Trainer Stefan Küppers, der mit mir ja alles durchgestanden hat, auch gesagt: Ich wüsste eigentlich nicht, was mich da jetzt noch schocken soll in Rio.

Im ersten Moment gilt bei Olympia "Dabei sein ist alles". Und im zweiten Moment?

ODENTHAL Ich bin kein Mensch, der sich mit teilnehmen zufrieden gibt, das ist doch klar. Ich weiß, dass es vier, fünf Konkurrenten gibt, die eher Gold-Kandidaten sind als ich, aber ich weiß, dass ich jeden aus der Welt schlagen kann, der da rum läuft. Wenn alles passt, kann ich sicherlich um die Medaillen mitkämpfen. Aber ich habe mir trotzdem vorgenommen, das alles jetzt auch ein bisschen zu genießen.

Muss man sich dieses Genießen speziell vornehmen, weil es diesem Fokussiert-sein eines Spitzensportlers nicht entspricht?

ODENTHAL Ja, schon. Aber schwieriger ist es, finde ich, zwischendurch einfach auch mal zu realisieren, was man jetzt für ein Zwischenziel erreicht hat. Das geht gerade alles so schnell, dass es schwer fällt, einfach mal innezuhalten.

Innehalten lockert die Gedanken ja auch mal auf, stelle ich mir vor. Denn reduziert nicht letztlich auf der Matte vieles auf die mentale Stärke?

ODENTHAL Judo ist technisch und taktisch natürlich erst einmal eine sehr vielfältige Sportart, aber es stimmt schon, psychologisch ist das noch mal ein ganz eigener Kampf da auf der Matte. Und im Endeffekt reduziert sich Judo dann auf diesem Niveau auf den Kampf von zwei Egos in diesem Moment.

Kann man Ego trainieren?

ODENTHAL Man kann Ego nicht direkt trainieren, aber Judo kehrt Ego heraus. Was man machen kann, ist, am Selbstvertrauen zu arbeiten, man kann ein bisschen Psychospielchen trainieren, man kann Selbstzweifel ausräumen, aber am Ende musst du vor allem ein Kämpfer sein.

Der Kämpfer Marc Odenthal trifft im Olympischen Dorf auf viele andere Sportler. Werden Sie da auch mal zum Fan? 2008 in Peking wollten ja viele mal mit Dirk Nowitzki am Frühstückstisch sitzen.

ODENTHAL (lacht) Da wäre ich auch ein Kandidat gewesen. Ich bin Basketball-Fan, und ich will mir auch in Rio ein paar Spiele angucken. Natürlich auch Beachvolleyball an der Copacabana. Das schöne ist, wenn man sich unter so vielen verschiedenen Sportlern bewegt, da werden alle gleich, und das macht einfach Spaß.

Fans von Ihnen sitzen auf jeden Fall in Gladbach beim 1. JC. Nehmen Sie das so war, dass sie in Rio die Farben von Verein und Stadt vertreten?

ODENTHAL Definitiv. Vor allem die Unterstützung für mich ist großartig. Ich sehe, so oft ich kann, zu, dass ich nach Gladbach und zu Stefan Küppers komme. Ich gucke mir die Kampftage der Frauen-Bundesliga gerne mal an. Ich versuche, so verbunden wie möglich zu bleiben, denn wenn ich dort unten in unsere Halle komme, ist es schon jedes Mal ein Stück wie nach Hause kommen. Außerdem schlägt Andreas Tölzer, in dessen große Gladbacher Fußstapfen ich ja jetzt in Rio trete, gerade auch ein bisschen die Trainerlaufbahn ein und ist in meinem erweiterten Team. Das ist toll.

Nun ging der Blick lange nur Richtung Rio. Geht er jetzt auch ab und zu schon mal darüber hinaus?

ODENTHAL An meinen Karrierezielen ändert sich ja nichts. Ich will weiter eine EM-Medaille, eine WM-Medaille und bei Olympia eine Medaille gewinnen. Ich werde eine erfolgreiche Karriere letztlich nicht davon abhängig machen, ob mir das alles zu hundert Prozent gelingt, aber zumindest bin ich jetzt schon mal in Rio dabei. Alles andere wird Zugabe sein, gerade weil ich überzeugt davon bin, dass meine beste Zeit als Judoka definitiv noch kommt.

STEFAN KLÜTTERMANN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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