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Jörg Stiel: "Yann Sommer ist auf der Schwelle zur Weltklasse"

Lokalsport: Jörg Stiel: "Yann Sommer ist auf der Schwelle zur Weltklasse"
Jörg Stiel (47) war von 2001 bis 2004 Borussias Torwart. Er war der erste Schweizer, der im Gladbacher Tor stand. Jetzt ist er Torwart-Trainer in Basel. FOTO: Iamago
Krefeld. Borussias früherer Torwart aus der Schweiz vergleicht seine Landsleute, die sich am Sonntag beim Bundesliga-Topspiel zwischen dem Dritten Borussia und dem Zweiten Wolfsburg gegenüberstehen. Von Karsten Kellermann

Wenn Borussia am Sonntag den Bundesliga-Zweiten VfL Wolfsburg herausfordert, ist es auch der Vergleich der Schweizer Torhüter: Yann Sommer bei Gladbach, Diego Benaglio beim VfL. Jörg Stiel war der Vorgänger beider im Schweizer Tor, was Sommer angeht, auch in Gladbach. Stiel war von 2001 bis 2004 Borussias Torwart. Benaglio kennt er näher seit 2008. "Damals spiele er in Funchal auf Madeira, ich sollte ihn für Nati-Trainer Köbi Kuhn beobachten. Wir hatten vier tolle Tage auf Madeira - nachher habe ich zu Kuhn gesagt: Stell ihn ins Tor. Das hat er getan", erzählt Stiel. Und vergleicht den Vorgänger mit dem Nachfolger im Tor der Schweiz.

Faktor Erfahrung Diego Benaglio ist der erfahrenere der beiden Torwartimporte aus der Schweiz. Der 31-Jährige war von 2008 bis 2014 die Nummer eins im eidgenössichen Tor, er spielte zwei Weltmeisterschaften (2010, 2014) und bei der EM 2008. Seit 2008 ist er erster Torwart in Wolfsburg, er stand dort in 220 Bundesligaspielen im Tor. 2009 wurde er mit dem VfL Deutscher Meister. "Er ist im besten Torwartalter. Diego ruht in sich selbst, er ist extrem konstant und stabil, er ist besonnen, fokussiert und als Torwart und Mensch sehr überlegt", sagt Jörg Stiel. Yann Sommer ist fünf Jahre jünger und seit Benaglios Rücktritt aus der Nationalmannschaft im August 2014 die Nummer eins der Schweiz. "Auch Yann ist sehr stabil. Seine große Stärke ist, dass er sich von Fehlern nicht beeindrucken lässt. Er kann sich sehr gut einschätzen und weiß genau, was er zu tun hat", sagt Stiel.

Faktor Größe Diego Benaglio ist mit seinen 194 Zentimetern in dieser Disziplin deutlich im Vorteil. Er ist die längste aktuelle Nummer eins der Bundesliga. Yann Sommer ist mit 1,82 Metern eher ein klein geratener Torwart. "Aber", versichert Stiel, der selbst auch nur 1,80 Meter groß ist, "die Größe spielt für einen modernen Torwart nicht eine so große Rolle, wie mancher meint." Sommer habe eine außerordentliche Sprungkraft. "Damit macht er dann zehn Zentimeter wett und legt noch drei drauf", sagt Stiel. Dieser Rechnung zufolge kommt Sommer dann auf gefühlte 195 Zentimeter - er würde somit Benaglio in der Theorie sogar um einen Zentimeter übertrumpfen.

Faktor Torwart "Diego ist ein sehr kompletter Torwart. Ruhe, Reflexe und eine extreme Präsenz auf dem Spielfeld, all das zeichnet ihn aus. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und macht quasi keine Fehler", sagt Jörg Stiel. Benaglio ist Kapitän der Wolfsburger, also ein angesehener Führungsspieler. "Für Diegos Qualitäten spricht schon, dass er sich als Torwart aus der Schweiz über Jahre in Wolfsburg etabliert hat", sagt Stiel. Sommer hat sich in Gladbach ebenfalls gut etabliert, er ist schnell aus dem Schatten seines Vorgängers Marc-André ter Stegen herausgetreten. "Yann hat außergewöhnliche Reflexe und er ist extrem schnell auf den Beinen. Das liegt daran, dass er viele kleine Schritte macht und daher eine sehr kleine Übersetzung hat - es ist wie bei Lionel Messi", sagt Stiel. Zudem verfüge Sommer über "ein dreidimensionales Denken und Sehen, das weit über dem Durchschnitt liegt. Dadurch kann er sehr gut antizipieren und steht meistens richtig", sagt Stiel.

Faktor Fuß

"Diego hat auch seine Qualitäten mit dem Fuß. Aber er kommt aus einer anderen Torwartschule, in der das spielerische Element noch nicht so im Vordergrund stand. Das hat sich erst in den vergangenen fünf Jahren entwickelt. Trotzdem: Diego ist ein guter Fußballer, er kann die nötigen Bälle spielen. Und im Wolfsburger Spielsystem ist er anders als Yann in Gladbach nicht so sehr als Aufbauspieler gefordert", sagt Stiel. Was Sommer angeht, ist der Maßstab ein anderer. "Yann ist ein spielender Torwart, der das Spiel proaktiv angeht - so wie es im System von Lucien Favre gebraucht wird. Der Torwart ist der erste Aufbauspieler und nicht nur einer, der die Bälle hinten raus spielt. Favre macht sich die Stärken seines Torwarts zu Nutze und hat damit sozusagen bei Ballbesitz einen elften Feldspieler", sagt Stiel. Fußballerisch sei Sommer sogar besser als Deutschlands Nummer eins Manuel Neuer. "Yann ist ein Spielmacher-Torwart, Neuer ein Libero-Torwart, das haben wir bei der WM gesehen", sagt Stiel.

Faktor Typ "Beide sind echte Typen", sagt Jög Stiel. "Yann ist zwar wenig exzentrisch, was ja untypisch für einen Torwart ist. Aber er bietet ein tolles Gesamtpaket: Er ist ein starker Torwart, er sieht gut aus, hat etwas zu sagen und hat das Zeug, das Gesicht eines Vereins zu werden. alles in allem ist das, was Borussia da bekommen hat, eigentlich unbezahlbar", sagt Stiel. Sommer kommt aus einer echten Torwartfamilie, auch sein Vater und sein Onkel waren Tormänner. "Diego ist zwar ein ruhiger Bursche, aber auch einer, mit dem man viel Spaß haben kann. Er ist ein Familienmensch. Er hat sich auch wegen seiner Familie aus der Nati zurückgezogen - es war eine sehr gesetzte Entscheidung", sagt Stiel.

Fazit "Diego hat auf jeden Fall gehobene internationale Klasse, der VfL Wolfsburg tut gut daran, mit ihm verlängern zu wollen, Diego und Wolfsburg, das passt", sagt Stiel. Yann Sommer "ist schon ein Großer, aber er hat das Zeug, ein ganz Großer zu werden", sagt Stiel und ordnet Borussias Torwart "auf der Schwelle zur Weltklasse" ein. Am Sonntag stehen sich zwei "sehr unterschiedliche Torhüter gegenüber, die beide die Qualität haben, das Spiel zu entscheiden", sagt Stiel.

Quelle: RP
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