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Kristof Wilke
"Werde die Spiele als Sportfan genießen"

Krefeld. Der ehemalige Ruderer, der vor vier Jahren in London mit dem Deutschland-Achter Gold gewann, 2015 seine Karriere beim Crefelder Ruderclub beendete und in Krefeld wohnt, ist bei den Olympischen Spielen in Rio als TV-Experte im Einsatz.

Rudern Fast auf den Tag genau vor vier Jahren wurde der Deutschland-Achter auf dem Dorney Lake vor den Toren Londons Olympiasieger. Schlagmann des deutschen Flaggschiffs war Kristof Wilke. Auf Antraten der Ärzte beendete er im Vorjahr seine aktive Laufbahn. Dem Rudern und Krefeld ist er verbunden geblieben. Der 31-Jährige ist mit der Krefelderin Melanie Staelberg liiert, die beiden haben eine kleine Tochter, und beide bleiben auch weiterhin Mitglied im Crefelder Ruderclub. Gestern reist er nach Rio de Janeiro. Nicht mehr als Sportler, sondern als TV-Experte. Der 31-Jährige spricht im Interview über seine neue Rolle vom Ufer aus und seine Erwartungen an die Ruderwettbewerbe auf der Lagoa Rodrigo de Freitas.

Der 1. August 2012 ist ein besonderer Tag in deinem Leben. Welche Bilder hast Du von eurem goldenen Triumph noch im Kopf?

Wilke Es ist vier Jahre her, inzwischen ist viel passiert. Aber gewisse Bilder sind immer präsent, die vom Rennen und vom Zieleinlauf werde ich in den nächsten Tagen sicher noch mal sehen. Daran denke ich natürlich extrem gerne zurück: Es war nicht das beste, aber das größte Rennen meiner Karriere - und auch das stimmungsreichste Rennen, das ich je gefahren bin. Ich habe unseren Steuermann Martin Sauer noch vor Augen, er saß ja im Rennen direkt vor mir. Sein Mund ging auf und zu, seine Halsschlagader hat gepocht, aber ich habe kaum ein Wort gehört, weil das britische Publikum aufgrund der Renntaktik des eigenen Achters sehr laut und euphorisch war - ein einmaliges Rennen.

Jetzt, vier Jahre später, blickst Du von einer anderen Seite auf die Rennen: als Experte für das Fernsehen. Wie kam es eigentlich dazu?

Wilke Ein Bekannter hat mich im April auf die Idee gebracht. Er fragte mich, ob ich mich nicht schon als TV-Experte beworben hätte. Auf diese Idee wäre ich ohne ihn nie gekommen, und ich nutzte meine früheren Kontakte aus den Medien. Letztlich wurde ich nach Mainz zum ZDF eingeladen und ich war dabei. Anfangs war es also nicht mehr als eine Schnapsidee, dann wurde es immer konkreter, obwohl ich erst recht spät erste Kontakte geknüpft hatte. Klar, ich hatte ursprünglich das Ziel in Rio als Aktiver dabei zu sein. Jetzt bin ich froh, das größte Sportfest der Welt, die Olympischen Spiele, von der anderen Seite erleben zu dürfen.

Beim Weltcup-Finale in Luzern hattest Du Deine Premiere als TV-Experte. Wie ist dieser Testlauf aus Deiner Sicht gelaufen?

Wilke Zunächst einmal war ich gespannt, wie ich selber reagiere, wenn ich an meine alte Wirkungsstätte zurückkomme. Luzern ist ja für uns Ruderer etwas ganz besonderes. Ich wollte sehen, wie sehr ich schon Abstand vom Leistungssport bekommen habe. Und der Rotsee präsentierte sich zumindest am Samstag von seiner besten Seite, so dass es sofort juckte und ich gerne auch gerudert wäre, aber grundsätzlich kann ich sagen: Ich habe mit dem Sport abgeschlossen und bin mit mir im Reinen.

Und wie lief es in der Kommentatorenkabine?

Wilke: Am Anfang war ich schon angespannt, es war ja eine völlig neue Situation. Da habe ich zu lange über die Sätze nachgedacht, die ich mir zusammengebastelt habe. Aber von Rennen zu Rennen wurde es immer besser.

Yorck Polus ist ja auch ein früherer Leistungsruderer. Wie gut läuft denn der neue ZDF-Zweier Wilke/Polus?

Wilke Wir verstehen uns rein menschlich schon hervorragend. Da ist ja schon mal eine gute Basis, wenn man so lange Zeit zusammen in der Kommentatorenbox sitzt. Luzern war ja insbesondere für mich ein Sprung ins kalte Wasser, und ich konnte viel von Yorcks Erfahrungen und seinen Tipps profitieren. Für Rio müssen wir noch mehr Absprachen treffen. Ein gutes Vorbild ist für mich Greg Searle, der vor vier Jahren noch im britischen Achter saß und jetzt zusammen mit Martin Cross für WorldRowing die Rennen kommentiert. Im Achter-Finale in London lag ich vor ihm, jetzt kann ich mir was von ihm abgucken. Mit Yorck Polus habe ich ja ohnehin einen absoluten Fachmann an meiner Seite. Er ist Kommentator, Moderator und Experte in einer Person und ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit.

Wie sieht diese konkret aus?

Wilke An geraden Tagen kommentieren wir zusammen die Rennen im Online-Livestream, an ungeraden Tagen, wenn das ZDF berichtet, analysieren wir beide die Rennen an der Strecke - und Norbert Galeske kommentiert.

Welche Erwartungen hast Du aus sportlicher Sicht?

Wilke Im Vorfeld der Olympischen Spiele gab es viele schlechte Meldungen zu den Bedingungen, da denke ich insbesondere an die Wasserqualität. Ich hoffe, dass alle - und das meine ich nationenübergreifend - gesund an den Start gehen können. Es ist für einen Sportler das Wichtigste, dass er das sportliche Highlight erleben kann, auf das er mindestens vier Jahre lang hingearbeitet hat. Daneben hoffe ich auf faire Bedingungen, der Wind soll ja mitunter seitlich auf die Regattastrecke treffen. Schließlich sollen ja die Besten gewinnen und nicht die, die auf der vermeintlich besten Bahn fahren.

Welche Chancen haben die beiden Boote aus dem Team Deutschland-Achter?

Wilke Für den Achter hoffe ich, dass er den Titelgewinn von 2012 wiederholt: Erstens weil es sich die Männer verdient haben. Und zweitens, um die Briten, die in den letzten drei Jahren jeweils zwischen dem Deutschland-Achter und dem Weltmeistertitel standen, davon abzuhalten unsere vierjährige Dominanz bei Titelwettkämpfen von 2009 bis 2012 zu wiederholen. Und dem Vierer wünsche ich, dass sie ihr Ziel, das Finale, und so ein für sie zufriedenstellendes Ergebnis erreichen. Dafür sehe ich gute Chancen, denn die vier Jungs sind richtige Wettkampftypen, die sich von Rennen zu Rennen steigern können.

Und abschließend noch: Mit welchen Gedanken wirst Du selbst morgen in den Flieger nach Rio steigen?

Wilke Ich freue mich unglaublich darauf, die Regattastrecke zu sehen, und werde natürlich auch richtig mit den ehemaligen Ruderkameraden und langjährigen Teamkollegen mitfiebern. Ich reise also einerseits als Experte dorthin, werde die Spiele aber andererseits auch aus der neutralen Zuschauerperspektive eines absoluten Sportfans hautnah verfolgen können. Das ist eine neue und zugleich angenehme Rolle, die ich in vollen Zügen genießen werde.

CARSTEN OBERHAGEMANN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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