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Krefeld
Spur 87 führt zum Unfall-Twingo

Krefeld: Spur 87 führt zum Unfall-Twingo
Am 3. September wurde eine 80-Jährige auf einem Fußgängerüberweg im Kreuzungsbereich Untergath/Hauptstraße angefahren und schwer verletzt. FOTO: Polizei
Krefeld. 15 durchsichtige Kunststoffstücke brachten die Ermittler der Polizei auf die Spur eines 28-Jährigen, der am 3. September mit einem Auto eine 80-Jährige auf der Kreuzung Hauptstraße/Untergath angefahren hatte und dann geflüchtet war. Von Joachim Niessen

Es ist diese Szene, die sich in den Kopf von Peter Kallweit eingebrannt hat. Immer wieder hat der Krefelder Hauptkommissar den entscheidenden Moment des Unfalls vom 3. September vor Augen - den er eigentlich "nur" aus der Aktenlage kennt. Doch das Papier beschreibt schonungslos offen genau das, was an besagtem Sonntag auf der Hauptstraße geschah: Es ist 11.55 Uhr als eine 80-Jährige dort einen Fußgängerüberweg im Kreuzungsbereich Untergath betritt. Die Ampel für die Seniorin zeigt Grün. Es sind nur wenige Schritte, die sie auf der Straße macht - erinnern kann sie sich heute an nichts mehr.

Der Pkw erfasste die Seniorin mit dem vorderen Kotflügel. FOTO: Polizei

Doch die Polizei kennt den Ablauf: Ein abbiegender Pkw fährt in den Kreuzungsbereich, schneidet einen anderen Wagen und erfasst die Seniorin mit dem vorderen rechten Kotflügel. Die Frau überschlägt sich mehrfach in der Luft, prallt mit dem Kopf auf den Asphalt und bleibt schwer verletzt liegen. Laut einer Zeugenaussage zucken die Bremslichter des Unfallwagens kurz auf, dann gibt der Fahrer Gas und verschwindet Richtung Autobahn. "Verwerflich und widerlich", sagt Kallweit. Seit 20 Jahren ist er Flüchtigen auf der Spur, die Unfälle mit Schwerverletzten oder Getöteten verursacht haben. "Ich bin fassungslos, dass man einen Menschen einfach am Straßenrand liegenlassen kann. Was geht im Kopf so eines Unfallverursachers vor?" fragt der 60-Jährige - und beginnt mit der Suche nach Antworten. Eine Minute nach dem Unfall ist der erste Einsatzwagen der Polizei vor Ort, die Beamten beginnen mit der Erstversorgung der Verletzten. Kurze Zeit später treffen Kallweit und sein Team ein. Spuren werden gesichert und das Ende des Fadens gesucht, um den Ermittlungsprozess in Gang zu setzen. Lediglich 15 durchsichtige Kunststoffstücke, die zum Unfallwagen gehörten, hat Kallweit. Zusammen ergeben sie ein 20 mal 30 Zentimeter großes Plastikteil. Orangefarben soll besagtes Auto gewesen sein, das sagen die Zeugen.

Die Fleißarbeit beginnt. Mit den Bruchstücken klappern die Ermittler sämtliche Autohändler der Stadt ab. Doch keiner kann helfen. Parallel läuft eine Anfrage beim Kraftfahrtbundesamt. Das meldet mehr als 1000 orangefarbene Kleinwagen in Krefeld und Umgebung. Teilweise in ihrer Freizeit oder auf dem Nachhauseweg klappern die Kollegen des Verkehrskommissariats Parkplätze ab, immer auf der Suche nach einem Fahrzeugtyp, an dem ein solches Plastikteil verbaut ist. Ein Beamter hat den richtigen Blick und gibt den entscheidenden Hinweis. Die Schweinwerferabdeckung eines Renault Twingo sieht dem Kunststoffstück täuschend ähnlich. Kurze Zeit später wird aus der Vermutung Gewissheit. "Damit hatten wir den Fahrzeugtyp und endlich die ersehnte heiße Spur", so Kallweit.

15 durchsichtige Kunststoffstücke lagen den Ermittlern vor. FOTO: Polizei

Gesucht wird ein Twingo, Baujahr 2007 bis 2012. Insgesamt 120 orangefarbene Exemplare sind zwischen Emmerich und Dormagen sowie Düsseldorf und der niederländischen Grenze gemeldet. Während die Fahnder anfangen, die einzelnen Halteradressen - ohne Voranmeldung - abzufahren, überprüfen Kollegen Besitzer aus ganz bestimmten Zielorten. Am Unfalltag war in Oppum Schützenfest: Gab es eingeladene Bruderschaften und woher kamen sie? Oppumer Fußballvereine waren an besagtem Tag ebenfalls aktiv. Auch die Orte der Gastmannschaften wurden mit Blick auf dort möglicherweise zugelassene orange Twingos überprüft. Dazu kamen Nachfragen bei Ersatzteillagern, Schrotthändlern und dem Zentrallager von Renault in Brühl. Gleichzeitig arbeiteten Beamte die Halterliste in der Region ab. Eine Twingo-Besitzerin lebt in Moers. Die junge Frau weiß nicht, dass sie die "Spur 86" der Krefelder Polizei ist, als am vergangenen Montag die Einsatzkräfte an ihrer Tür schellen, vor der der beschädigte Twingo steht.

Dann geht alles ganz schnell. Die Frau gibt an, dass ihr Lebensgefährte das Auto zum fraglichen Zeitpunkt genutzt hat. Noch am selben Abend treffen Einsatzkräfte den 28-Jährigen in seiner Krefelder Wohnung an. Er ist verblüfft, gibt die Tat sofort zu. "Er ist bereits mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten und dabei ohne Führerschein unterwegs gewesen", sagt Kallweit. Der junge Mann ist voll geständig, er wartet nun auf sein Strafverfahren. Gründe, ihn in Haft zu nehmen, liegen nicht vor. "Er hat einen festen Wohnsitz und kein Geld, um zu flüchten", so der Polizeiexperte, der nichts dazu sagt, ob sich der Täter in seiner ersten Vernehmung auch für den Gesundheitszustand des Opfers interessiert hat. "Das ist Teil der laufenden Ermittlungen", erklärt er - und ergänzt: "Die 80-jährige Frau liegt noch im Krankenhaus, ist inzwischen aber außer Lebensgefahr."

Quelle: RP
 
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