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Krefeld
Stadtwald-Ruine wird Märchenhaus
Krefeld: Stadtwald-Ruine wird Märchenhaus
Buddha-Statue von Worms. FOTO: RPO
Krefeld. Die Renovierungsarbeiten am denkmalgeschützten Wärterhaus am Eingang des Stadtwalds sind weit gediehen. Restaurator Chris Worms hat in den vergangenen 16 Jahren das Gebäude zu einem Kunstwerk umgestaltet. Jetzt soll sein Werk geehrt werden. Von Martin Röse (Text) und Lothar Strücken (Fotos)

Am Eingangstor fehlt ein Schild, das die Besucher warnt: "Achtung! Sie verlassen Krefeld und betreten eine andere Welt." Die Warnung übernimmt der Mann hinter dem Zaun, auf dessen Pfosten eiserne Lilienspitzen und Pinienzapfen propfen. Chris Worms sagt es freundlich, fast wie ein Märchenerzähler, während hinter ihm die Sonne aufs Fachwerk eines Märchenhauses strahlt.

Der Mann, der mit fünf Jahren nach Krefeld kam, ist Bildhauer. Und hat sich längst einen Ruf als Restaurator für die aussichtslosen Fälle erarbeitet. Zwei Jahre lang puzzelte er die tonnenschweren Löwen von Traar zusammen. Er war am Kaiser-Wilhelm-Museum im Einsatz. Er verlegte Mosaike in ganz Europa. Und als ihn der frühere Krefelder Denkmalpfleger vor 16 Jahren fragte, ob er diese heruntergekommene Ruine, die früher einmal das Wärterhaus am Eingang des Stadtwalds gewesen war, wieder hinbekäme, hat Worms ja gesagt – obwohl er bei der Inspizierung im Keller knietief im Wasser stand und gleichzeitig durch das verfallene Zwischengeschoss und Dach den freien Himmel sehen konnte. Am 19. April 1994 unterzeichnete Worms den Erbpachtvertrag. Der Deal: Er wohnt gratis, dafür saniert er den unter Denkmalschutz stehenden Bau.

Die dunklen Geheimnisse

Es ist ein großes Glück, das Worms damals noch nicht ahnte, welche dunklen Geheimnisse das Haus für ihn bereithalten würde: den Hausschwamm, der Dachstuhl, Deckenbalken, Fachwerk und Treppen komplett durchdrungen hatte. Das Wurzelwerk, das den Kanal mehrfach durchbohrt hatte. Die Diebstähle von Baumaterial. Die Ameisenvölker, die sich im gesamten Gebälk versteckt hatten. Der Idiot, der in einer Silvesternacht in den Keller einbrach und das Wasser aufdrehte. Als die Nachbarn Worms informierten – er wohnte damals noch nicht im Haus –, waren bereits 70 000 Liter auf den frisch gemachten Estrich geflossen.

Worms hat sich, Quadratmeter für Quadratmeter, vorgearbeitet. Und das getan, was ihn auch als Künstler auszeichnet: Fundstücke aus aller Welt zusammenbringen, sie zu einer neuen Ordnung zusammenzufügen. Neben den Wohnzimmer-Türrahmen aus dem Himalya setzte er in den Lehmputz Hausaltäre aus Indonesien, versah den Türbereich mit einer Bambusumfassung. Die Holztreppe ins Obergeschoss zimmerte er aus einem einzigen Baum: Die Äste wurden zu Pfosten, die Baumscheiben zu Stufen. Er modellierte Palmen in die Fensterfugen, gab der nutzlosen Nische, in der sich einst das Uhrwerk der Stadtwalduhr befand, eine Einfassung im maurischen Stil. In jeder Ecke stockt, stutzt, staunt der Besucher. So ging es auch Helmtrud Köhren-Jansen vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege. "Ein weniger idealistischer Bauherr hätte sich von den widrigen Umständen des Bauverlaufs entmutigen lassen. Dies ist bei Herrn Worms glücklicherweise nicht der Fall gewesen", sagt sie. Und wer weiß, vielleicht erhält Worms für sein Werk bald Ehre. Die SPD hat ihn gestern für den undotierten Krefelder Denkmalpreis vorgeschlagen.

Quelle: RP
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