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Krefeld
Steine gegen das Vergessen

Krefeld: Steine gegen das Vergessen
Ingrid Schupetta, Künstler Gunter Demnig und Kira Rankers vom Ricarda-Huch-Gymnasium, das die Patenschaft für den Stein von Anja Lundholm übernahm. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. Der Künstler Gunter Demnig hat gestern neue Stolpersteine in Krefeld verlegt, die an das Schicksal von NS-Opfern erinnern. Eine Gruppe von Krefelder Bürgern und Gästen aus Mannheim begleitete ihn. Von Sebastian Peters

Liselotte Lenz, geborene Sommer, war gestern aus Mannheim nach Krefeld gekommen, um ihrem Onkel Bernhard noch einmal nahe zu sein. 1942 wurde er in das jüdische Ghetto Litzmannstadt deportiert, später ermordet. Schon lange war es Liselotte Lenz ein Anliegen, die Passanten der Krefelder Seidenstraße auf das Schicksal ihres Onkels und das seiner Frau Helene aufmerksam zu machen. Als also der Künstler Gunter Demnig gestern die zwei Stolpersteine in das Pflaster ließ, da saß die Seniorin mit ihren Angehörigen andächtig und schweigend auf einem Klappstuhl daneben - ein bewegendes Bild.

Die Geschichte von Bernhard und Helene Sommer - der Verein Villa Merländer hat die Biografie in Kurzform aufgeschrieben, alle Opfer werden so gewürdigt. Es sind nur ein paar nüchterne Daten, Zahlen und Orte eines Lebens. Sie machen die Personen aber greifbarer: Bernhard Sommer, Jahrgang 1888, kam gebürtig aus Krefeld, heiratete 1919 die 1885 in Mainz geborene Helene Michel. Er war als Rohproduktenhändler tätig und deswegen vielfach außerhalb von Krefeld unterwegs. 1927 kam er mit seiner Ehefrau aus Bottrop nach Krefeld zurück. Das Ehepaar wohnte von da an im Haus Seidenstraße 45, zusammen mit Leopold Sommer, dem Vater Bernhards. Die Nazis verfolgten die Familie: Im Jahre 1941 musste das Ehepaar Sommer in ein sogenanntes Judenhaus umziehen, Neußer Straße 63a. Als letzter Eintrag auf ihrer Meldekarte steht der Vermerk "25/10. 41. Nach Litzmannstadt, Fischstr. 15 ausgewandert". Danach: "Ermordet".

Die Steine für Bernhard und Helene Sommer liegen seit gestern vor dem Haus Seidenstraße 45. Die Nazis verfolgten die Familie: Im Jahre 1941 musste das Ehepaar Sommer in ein sogenanntes Judenhaus umziehen, Neußer Straße 63a. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Liselotte Lenz geht dieses Schicksal nahe. Immer wieder schrieb sie Gerda Schnell, Mitglied im Verein Villa Merländer, an, weil sie einen Stolperstein für ihren Onkel legen wollte. Weil Künstler Gunter Demnig aber vielerorts in Deutschland unterwegs ist, musste sie bis gestern warten, kam dann mit Frauen ihrer Familie, Claudia Klein, Gudrun Ruh und Jutta Braun. "Wir kämpfen in der dritten Generation gegen das Vergessen", sagte Bernhard Sommers Großnichte Claudia.

Der Kampf um das Erinnern - er treibt auch Künstler Demnig an. Er sagt nicht viel, wenn er die Steine verlegt. Er arbeitet, legt die Steine ein, schneidet die anderen Steine so zu, dass ein nahezu ebenes Pflaster entsteht. Nachher blitzen golden Steine der Erinnerung. Dann geht es eigentlich zum nächsten Ort.

Blick in den Kofferraum von Gunter Demnig. FOTO: Lothar Strücken

Manchmal aber geschieht bei solchen Anlässen Unvorhergesehenes. Liselotte Lenz und ihre Familie hatten Glück. Denn eigentlich lag das Wohnhaus von Bernhard und Helene Sommer hinter einer Mauer; das Grundstück ist von der Seidenstraße aus nicht einsehbar. Zufällig kam gestern aber der Grundstücksbesitzer vorbei und gewährte Zutritt. Hinten sahen die Frauen, dass das alte Fachwerkhaus nicht mehr statt. Aber die Familie konnten sich einen Eindruck verschaffen vom Hof, auf dem die Sommers früher lebten.

Als der Gedenkakt vorbei ist, liegen neben den Stolpersteinen auch Blumen und zwei Kerzen sowie vier Kieselsteine, wie es beim Besuch von jüdischen Gräbern Tradition ist. Vier Familienmitglieder, vier Steine. Etwas bleibt.

Das ist der Künstler Gunter Demnig FOTO: Archivfoto: Achim Hüskes
Quelle: RP
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