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Krefeld
Stemeseder brach viele Hörgewohnheiten

Krefeld. Krefeld leistet einen würdigen Beitrag zum UNESCO International Jazz Day im Rittersaal der Burg Linn. Von Mojo Mendiola

Einen Abend lang teilzuhaben an einem großen, Grenzen überwindenden, ja weltumspannenden Event, nämlich dem jährlichen International Jazz Day - das ließen sich die Krefelder Jazz-Fans inklusive ihres Oberbürgermeisters Frank Meyer am Samstag zum vierten Mal Herzenssache sein, und zwar im ausverkauften Rittersaal der Burg Linn.

Den Auftakt machte der 25-jährige Österreicher Elias Stemeseder, und der wurde seinem Ruf als eigenwilliger Vertreter am Piano absolut gerecht. Zwar ist er von angenehm bescheidenem Auftreten, dabei aber selbstbewusst genug, um seinen ganz eigenen Weg zwischen unterschiedlichsten Genres zu suchen und dabei in keine Schublade zu fallen.

Schräge Abwärtstonleiten in beinah feierlicher Langsamkeit kennzeichneten seine ersten Takte, und langsam schälte sich ein Motiv aus Jerome Kerns Musical "Showboat" heraus, das Stemeseder zwischen einer geradezu häretischen Gefälligkeit und aufregenden Klang-Geräusch-Collagen oszillieren ließ. Mal ungehemmt dröhnend, mal pulvertrocken abgedämpft, mal fast schmalzig fließend, mal zwischen gegenläufigen Rhythmen hechelnd, mal pseudo-digitale Töne generierend, mal einen surrenden Hummelschwarm imitierend, schlug er einen weiten Bogen, an dessen anderem Ende er wieder ohne Berührungsangst in der seichten Harmonie simpler U-Musik landete. Unterwegs hatte er ganz nonchalant mit so vielen Hörgewohnheiten gebrochen, dass beim Versuch, sie zu zählen, vermutlich kaum einer nachgekommen wäre. Dafür hatte er seine Zuhörer um das Erlebnis eines in der Tat neuartigen Zugriffs auf diese Materialvielfalt bereichert. Und auch später, als er Meistern wie Monk und Schubert die Ehre erwies, dankte das Publikum mit stürmischem Beifall. Der begleitete nach der Pause auch die Performance des Colin Vallon Trios aus der Schweiz. "Trance durch Minimalismus" ist der Grundgedanke seines Konzepts, der in dieser Besetzung dazu führte, dass mehr als einmal der Eindruck entstand, als führe eigentlich der ausgesprochen originelle Schlagzeuger Julian Satorius die Band. Seine allem Anschein nach aus einer Vielzahl ethnischer Musikstile entlehnten Beats und Grooves bildeten jedenfalls einen rhythmischen Leitfaden, der mit den melodischen Vorgaben von Vallon mindestens gleichwertig interagierte - stets schlüssig ergänzt von Patrice Moret am Kontrabass. Dabei kamen so unterschiedliche Kulturen wie Latino-Feuer, Leonard Cohen-Melancholie, Keith Jarrett-Träume und der gute alte Rhythmus des Eisenbahnratterns auf den Schienen vor - spannend bis zum späten Schluss.

Quelle: RP
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