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Krefeld
"Sterben ist Leben bis zuletzt"

Krefeld: "Sterben ist Leben bis zuletzt"
"70 Prozent der Deutschen wollen beim Sterben nicht leiden": der Theologe und Philosoph Alfred Etheber.
Krefeld. 70 Prozent der Deutschen haben Angst vor schmerzvollem Sterben. Und 70 Prozent der Deutschen wissen nichts über Palliativmedizin. Bilanz eines bewegenden Abends zum Thema Sterben. Von Jens Voss

Mitten in ihrem Vortrag wurde Hedwig Nievelstein von der Erinnerung überwältigt: Sie rang um Fassung und kämpfte mit den Tränen. Dabei hatte sie zuvor nüchtern, ruhig und bescheiden erzählt, wie sie als ehrenamtliche Mitarbeiterin im Hospiz Menschen betreut, die die letzten Wochen und Monate ihres Lebens erreicht haben. Sich unterhalten, vorlesen, vielleicht singen, beten, manchmal: einfach nur da sein. Das plötzlich aufwallende Gefühl zeigte, wie sehr es auch für die Helfer aufwühlend ist, Sterbende zu begleiten. Und so betonte Nievelstein, "dass mein Leben sehr viel reicher geworden ist".

"Sterben in Würde statt Tod auf Verlangen" war der Titel eines Diskussionsabends, den die Caritas anlässlich der bundesweiten "Woche des Lebens" veranstaltet hat. Der Abend hatte auch den Sinn, die Öffentlichkeit über die Möglichkeiten der Palliativmedizin zu informieren. "70 Prozent der Deutschen wollen beim Sterben nicht leiden, 70 Prozent der Deutschen wissen nichts über Palliativmedizin", sagte Alfred Etheber, der als Theologe und Philosoph vom Bistum Aachen zum Thema sprach. Palliativmedizin, so wurde im Laufe des Abends deutlich, nimmt dem Sterben nicht den Schrecken, aber doch weitgehend den Schmerz.

"Man sollte Sterben nicht nur als defizitären Akt sehen": Hans Russmann, Pfarrer und Seelsorger im Hospiz.

Vier Referenten berichteten über ihre Erfahrungen aus der Begleitung von Sterbenden. Pfarrer Hans Russmann, Seelsorger am Hospiz, warb dafür, auch dieses letzte Stück des Weges als Teil des Lebens zu sehen: "Man sollte Sterben nicht nur als defizitären Akt sehen", es sei bei aller Schrecklichkeit "Leben bis zuletzt". Der Anästhesist und Schmerztherapeut Achim Thater, der mit Kollegen eine Praxis für Schmerztherapie unterhält, berichtete von den Möglichkeiten seines Fachs. Demnach können Sterbende sehr variabel "sediert", also ruhiggestellt werden.

Patienten, die voller Unruhe und Panik sind, kann man so einstellen, dass sie sehr ruhig werden, aber bei Bewusstsein bleiben; man kann einen Schlaf erzeugen, der nach zwei Tagen wieder endet; und wenn Schmerz und Angst unerträglich werden, kann man einen Tiefschlaf erzeugen, der bis in den Tod anhält. Was immer man tue, betonte Thater, geschehe in Absprache mit den Sterbenden und ihren Angehörigen - "das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist wesentlich", sagte er.

"Mein Leben ist sehr viel reicher geworden": Hedwig Nievelstein, Ehrenamtlerin am Hospiz.

Der Theologe Etheber erläuterte, dass die katholische Kirche Selbstmord ablehne, weil das Leben als Geschenk Gottes gesehen werde. Er betonte aber auch, dass die Kirche den Wunsch nach Selbsttötung nicht mehr verurteile, sondern als Ausdruck tiefer Not und als pastorale Herausforderung begreife.

Hedwig Nievelstein, die sich als gelernte Kinderkrankenschwester nach ihrer Pensionierung im Hospiz engagiert, sieht es als Ausdruck christlicher Nächstenliebe an, Sterbende zu begleiten. Bewegt, ja erschüttert berichtete sie, wie jemand sich weigerte, einen Sterbenden zu besuchen, weil er den Anblick und die ganze Situation nicht aushalte.

"Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist wesentlich": der Schmerztherapeut Achim Thater. FOTO: Caritas

Aus ihrem Bericht ging hervor, dass sie beides erlebt hat: Menschen, die dankbar und erfüllt Abschied vom Leben genommen haben, und Menschen, die bitter mit ihrem Schicksal gehadert und sich ans Leben gekrallt haben, weil es ihnen noch etwas zu schulden schien.

Eines wurde an diesem Abend auch deutlich: In der Realität spielt die oft plakativ diskutierte "Hilfe zur Selbsttötung" oder "Selbstmord statt langes Leiden" kaum eine Rolle; die meisten Menschen driften in die letzte Phase ihres Lebens und stehen sie mehr oder weniger tapfer durch. Deutschland geht medizinisch und juristisch bislang nicht den Weg der Niederlande, die die Tötung auf Verlangen relativ liberal handhaben - dort kann man sich einen Todes-Cocktail geben lassen. Deutschland geht bislang betont den Weg der Begleitung Sterbender, auch aus historischen Gründen: Der Begriff Euthanasie weckt Erinnerungen an die Gräuel der Nazi-Zeit.

Quelle: RP
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