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Krefeld
Stirbt Forstwald? Der Faktencheck

Krefeld: Stirbt Forstwald? Der Faktencheck
„Forstwald ist ein sterbender Stadtteil“, sagt Grünen-Ratsfrau Heidi Matthias. FOTO: Lammertz Thomas
Krefeld. In der Debatte um das Kasernengelände prallen die Meinungen hart aufeinander. Unterm Strich blieb die Frage: Ist Forstwald wirklich ein "sterbender Stadtteil", wie Grünen-Ratsfrau Heidi Matthias sagte? Wir machen den Faktencheck. Von Jens Voss

Diese Debatte im Rat war auch deshalb so packend, weil sich die Gegner nicht mal auf einfache Fakten einigen konnten. Grünen-Ratsfrau Heidi Matthias sagte, das ehemalige Kasernengelände sei "zum größten Teil" versiegelt" - für die Grünen ein wichtiges Kriterium pro Bebauung, denn es soll tunlichts keine neue Fläche versiegelt werden. Der Forstwalder FDP-Ratsherr Günther Porst erwiderte "Das stimmt nicht", und Planungsdezernent Martin Linne sagte, die Fläche dort sei zu über 50 Prozent versiegelt. Eine Nachfrage ergab: Genau ist der Wert nicht bekannt. Martin Linne sagte auch dies: Die Aufforstung der Fläche würde einen Betrag im höheren siebenstelligen Bereich kosten.

Die Frontlinien sind bekannt: Forstwald und die Politik sind gespalten über die Zukunft des Kasernengeländes. Vor allem die Grünen favorisieren Bebauung, und zwar neuartige Bebauung: keine Einfamilienhäuser mit großen Grundstücken, sondern kleinteiligere Bebauung - sie liege im Trend. Die SPD hält die Option, dort zu bauen, für wichtig - diese vornehme Zurückhaltung in der Formulierung darf man interpretieren: Auch die SPD ist für Bebauung. Die Gegner fürchten um den Charakter des Stadtteils und wollen das Kasernengelände aufforsten. Der Wald in Forstwald sei zu klein für all die Menschen, die dort Erholung suchten, und überhaupt habe Krefeld zu wenig Wald.

Am schärfsten prallten die Grüne Matthias und der Liberale Porst aufeinander: Matthias sprach von Forstwald als sterbendem Stadtteil - Porst hielt scharf dagegen: "Das stimmt nicht", es gebe viele Familien mit Kindern, die Kita platze aus allen Nähten (wir berichteten). Wer hat Recht? Ein Faktencheck:

Ist Forstwald ein sterbender Stadtteil?

Den Zahlen nach: Nein. Laut Statistischem Jahrbuch lebten 1994 in Forstwald 3663 Menschen, 2015 waren es 3502 - das ist ein moderater Schwund. Zum Vergleich: Die Bevölkerungszahl in Linn ist im gleichen Zeitraum von 7920 auf 6036 gesunken und in Stahldorf von 5837 auf 5185. So darf man sagen: Die Bevölkerungszahl in Forstwald ist stabil. Auch ein mit Forstwald vergleichbarer Stadtteil wie Kliedbruch (es dominieren Einfamilienhäuser mit größeren Grundstücken) ist so stabil wie Forstwald: 1994 lebten in Kliedbruch 5578 Menschen, 2015 waren es sogar 5644. Heißt: Es scheint, dass Stadtteile für wohlhabende Familien gut funktionieren, und es gibt in Krefeld eine stabile Klientel für diese Wohnsituation.

Platzt die Forstwalder Kita aus allen Nähten?

Ja. Dies bestätigt die Leiterin der Kita Maria Waldrast, Sabina Aliti: "Wir beobachten, dass viele junge Familien mit Kindern hierherziehen. In unserer Kita steigt auch die Zahl der Geschwisterkinder. Wir könnten noch zwei Gruppen mehr aufbauen." Aliti glaubt, dass Familien nach Forstwald ziehen, "weil es so idyllisch ist. Der Forstwald hebt sich in dieser Hinsicht von der Stadtmitte ab, weil die Kinder hier noch wohlbehütet aufwachsen. Die Zusammenarbeit mit der Pfarre ist eng; hier geht es sehr familiär zu." Brechen die Immobilienpreise ein, wie es in einem sterbenden Stadtteil zu erwarten wäre?

Nein. Nach Einschätzung des Hausbesitzervereins "Haus und Grund" sind die Immobilienpreise in Forstwald immer noch relativ hoch im Krefeld-Vergleich. Allerdings ist zurzeit ein Generationswechsel zu beobachten: "Es sind erstaunlich viele Häuser auf dem Markt", sagt "Haus und Grund"-Geschäftsführer Michael Heß auf Anfrage; "laut Immoscout 31 Objekte. In Fischeln sind es nur fünf." Diese Fülle sei ein Indiz, dass Forstwalder Häuser nicht so begehrt seien; für Heß hat das damit zu tun, dass es in Forstwald "zu wenig Infrastruktur, zu wenig Leben, zu wenig kulturelle Angebote" gebe.

Ein solcher Generationswechsel sei für ein Stadtviertel ein schwieriger Prozess, erläutert Heß weiter. "Die Leute wollen heute nicht mehr in reinen Einfamilienhaus-Siedlungen wohnen." Heß rät dringend dazu, auf dem Kasernengelände, wenn man es denn entwickeln will, nicht eine weitere lockere Einfamilienhausbebauung anzustreben. "Alle Fachleute sagen einhellig: Bloß keine neuen Einfamilienhaus-Siedlungen." Er warnt aber auch davor, zu glauben, dass Mehrgeschossbau allein die Lösung wäre. "Auch ein Kasernengelände mit Mehrgeschossbau wäre schlecht angebunden an den öffentlichen Nahverkehr." Um einen Stadtteil zu entwickeln, müsse man in Nahverkehr investieren und sich um die Ansiedlung von Einzelhandel bemühen.

Heß bricht zudem eine Lanze für mehrgeschossige Bauten: "Das sind doch längst keine Mietskasernen mehr. Wir reden von Zwei- bis Dreigeschossigkeit nach dem Vorbild der Punkthäuser, die die Wohnstätte baut. Das sind tolle architektonische Häuser."

Ist die Infrastruktur schlecht?

Ansichtssache. Es gibt keinen Lebensmittelladen mehr in Forstwald - das dürfte allerdings junge Familien kaum abschrecken, weil sie eher im Takt von Großeinkäufen leben; das Fehlen eines Ladens trifft eher ältere, weniger mobile Menschen. Die Anbindung an den öffentlichen Personenverkehr sieht folgendermaßen aus: Züge fahren in der Woche halbstündlich um 23 und 53, ab 18 Uhr stündlich um 53; samstags und sonntags stündlich um 53. Die Buslinie 051 fährt in der Woche bis samstags halbstündlich um 24 und 54 und sonntags um 16 und 46.

Fazit

Forstwald ist als Stadtteil offenbar durchaus intakt und interessant für wohlhabende Familien, die die Idylle eines etwas abseits liegenden Stadtteils schätzen. Wer das Kasernengelände bebauen will, kann schwerlich argumentieren, er wolle den Stadtteil retten.

Etwas ganz anderes ist die gesamtstädtische Perspektive: Krefeld braucht modernen, altengerechten Wohnraum - das ist die Herausforderung der Zukunft. Wer das Kasernengelände als Option dafür erschließen will, sollte genau das sagen.

Quelle: RP
 
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