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Krefeld
Stolpersteine für die Fragen der Jugend

Krefeld: Stolpersteine für die Fragen der Jugend
Sechs Stolpersteine wurden gestern vor dem Haus Bahnhofstraße 48 verlegt und mit Rosen bedacht. Sie erinnern an die NS-Opfer der Familie Herz und das Ehepaar Coppel. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Am Gedenktag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus hat der Künstler Gunter Demnig "Stolpersteine" verlegt, die die Erinnerung an die verfolgten jüdischen Bürger wachhalten sollen. Das Interesse junger Leute wächst. Von Otmar Sprothen

Der 8. Mai ist in vielen europäischen Staaten ein besonderes Datum, denn er steht für die bedingungslose militärische Niederlage des Dritten Reiches und die Befreiung von der Hitlerdiktatur. In Deutschland steht das erinnerungsschwere Datum auch für die Befreiung von einem unfassbaren mörderischen Rassismus. Die Erinnerung daran aufrecht zu erhalten, ist das Anliegen des Kölner Künstlers Gunter Demnig, der vor den Wohnhäusern von den Nazis ermordeter Juden Gedenksteine in den Gehweg einarbeitet, sogenannte Stolpersteine, auf deren Messingüberzug die Namen der von den Nazis Verfolgten stehen, die einmal dort gewohnt haben. Gestern wurden in Uerdingen, an der Hohenzollernstraße und am Nordwall weitere Stolpersteine verlegt.

Sybille Kühne-Franken, Vorstand des Vereins Villa Merländer, koordiniert das Verlegen der Stolpersteine. In den vergangenen Jahren bemühte sie sich verstärkt darum, Schulen in die von der Villa Merländer gepflegten Erinnerungskultur einzubinden: Das Uerdinger Gymnasium Fabritianum unterstützte mit Spenden und einem kleinen musikalischen Rahmenprogramm die Verlegung der Stolpersteine vor den Häusern Bahnhofstraße 48 und Niederstraße 38. Lateinlehrer Thomas Tillmann hatte mit einem Liederabend seines Chanson-Trios "Unbescheiden" in der Schule das Geld für die Spende der Stolpersteine zusammengebracht. Die Geschichtslehrer Stephanie Stripp und Klaus Münch leiteten zwei Zusatzkurse im Fach Geschichte. Schnell hatte sich herausgestellt, dass mit zunehmendem Abstand und dem Fehlen von Zeitzeugen das Interesse der knapp 40 Schüler an der Verfolgung von Krefelder Mitbürgern in der Nazizeit zunahm, weil ihnen die Krefelder Schauplätze bekannt waren. "Wie konnte das passieren?" und "Wie drang das Erleben auf die Menschen ein?" waren die Fragen, die immer wieder eine Antwort bei der Erkundungsarbeit im Stadtarchiv, im Uerdinger Heimatbund oder der Villa Merländer suchten. So kritisierten die Schüler, dass dem für die Identitätsbildung so wichtigen Fach Geschichte im Gesamtunterrichtsrahmen zu wenig Zeit eingeräumt würde. Die Schicksale, die sich hinter den Stolpersteinen auftun, dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Bahnhofstraße 48 Die dort verlegten Steine erinnern an Anna, Elisabeth und Hermann Herz, die 1942 deportiert und in den KZ Izbica und Treblinka ermordet wurden. 1938 heiratete Antonie Herz ihren angestellten Alfred Coppel. Die gemeinsam betriebene Gärtnerei musste 1939 zwangsverkauft werden. Mit der ersten Deportation aus Krefeld 1941 wurden die beiden nach Lodz verschleppt. Über Auschwitz gelangte Antonie dann in das KZ Stutthof, wo sie am 1. Dezember 1944 starb. Alfred Coppel kam in das KZ Dachau, wo er Ende 1941 starb. Ein weiterer Stein erinnert an Hedwig Herz, der 1939 mit Hilfe ihrer früher emigrierten Schwester Babette die Flucht nach England gelungen war.

Niederstraße 38 Die Steine erinnern an das Ehepaar Hermann und Jeanette Goldschmidt. Im Alter von 72 Jahren musste sie noch das Novemberpogrom 1938 in Uerdingen miterleben. Dies war vermutlich zu viel für sie, dann bald darauf verstarb sie. Jeanette Goldschmidt konnte noch auf dem jüdischen Friedhof beerdigt werden. Der Witwer Hermann Goldschmidt starb 1943 im KZ Theresienstadt.

Hohenzollernstraße 79 Der Krefelder Krawattenfabrikant Rudolf Müller hatte das Haus 1928 erbaut. Zusammen mit seiner Frau Sophie erlebte er das Novemberpogrom 1938 in seinem Haus. Die Verheerungen waren beträchtlich.: Möbel waren durchs Fenster geworfen worden, Bilder zerschnitten, das Geschirr zertrümmert. Die Krawattenfabrik musste im Anschluss zwangsverkauft werden. Mit Hilfe ihres Sohnes gelangten sie in die Niederlande. Nach der Besetzung durch deutsche Truppen wurden sie in das KZ Sobibor deportiert, wo sie 1943 starben.

Hohenzollernstraße 46 Die beiden Gedenksteine erinnern an Leopold und Rosa Spanier. 1937 kündigte die Stadt den Mietvertrag für ihr Geschäft, später beschlagnahmte der Staat das Wohnhaus in der Hohenzollernstraße. Das Ehepaar Spanier floh in die Niederlande, wurde dort wenig später in Westerbork interniert. Von dort wurden die beiden in das KZ Sobibor deportiert. Als Todesdatum nimmt man den 7. Mai 1943 an.

Hohenzollernstraße 24 Hier wird an Doktor Ernst Ascher erinnert, dem 1938 wie allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen wurde. Obwohl Ascher als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, wurde er 1942 in das KZ Theresienstadt überführt. 1944 folgte die Deportation nach Auschwitz. Sein Todesdatum ist nicht bekannt.

Nordwall 80 Die hier wohnhafte Auguste Herz blieb unverheiratet. 1938 diktierte ihr der Staat zwangsweise den zweiten Vornamen Sara auf, mit dem sie auch unterschreiben musste. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Die 83-jährige alte Dame hielt dem dortigen Überlebenskampf gegen Schmutz, Ungeziefer, Hunger, Durst, Hitze, Kälte und ansteckenden Krankheiten nicht stand und starb. Dadurch entging sie der drohenden Deportation in das Vernichtungslager Treblinka.

Weit über 100 dieser Stolpersteine hat Gunter Demnig in Krefeld verlegt, 61.000 in rund 1200 Orten in Deutschland. "Das Interesse ist ungebrochen", sagte er, "jetzt kommt die junge Generation, die Fragen stellt." Inzwischen ist die Idee, Stolpersteine zu verlegen, in andere europäische Länder übergeschwappt. Für die Weiterführung dieser Erinnerungskultur hat er inzwischen eine Stiftung gegründet.

Quelle: RP
 
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