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Fäkalien vor der Tür und Lärm
Streit um Trinkerszene in Krefeld

Streit um Trinkerszene am Lutherplatz in Krefeld
Täglich versammeln sich auf dem schön hergerichteten Dreieck zwischen Lutherkirche und Gladbacher Straße vornehmlich Männer, trinken dort Alkohol und verbringen gemeinsam den Tag. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Am Lutherplatz in Krefeld treffen sich jeden Tag Trinker. Ehrenamtliche Helfer versorgen die Szene mit Lebensmitteln. Anwohner und Bezirkspolitiker kritisieren das. Verschärft das Angebot das Problem? Von Carola Puvogel

Der Lutherplatz ist in Krefeld - ähnlich wie der Theaterplatz - zum Synonym für Treffpunkte von Suchtkranken geworden. Täglich versammeln sich auf dem schön hergerichteten Dreieck zwischen Lutherkirche und Gladbacher Straße vornehmlich Männer, trinken dort Alkohol und verbringen gemeinsam den Tag. Der Kommunale Ordnungsdienst (KOD) schätzt die Zahl der regelmäßigen Besucher auf "vier bis zehn, in Spitzenzeiten bis zu 20 Personen, überwiegend mit festem Wohnsitz".

Anlieger, wie Mitarbeiter des Hauses der Familie, die seit vielen Jahren Tür an Tür mit der Szene leben, klagen über Probleme mit Wildpinkeln und vor ihrem Grundstück hinterlassenen Fäkalien. Anwohner müssen vor allem im Sommer mit Lärm bis spät in den Abend leben, Passanten fühlen sich belästigt.

Helfer versorgen Trinker, Kritik aus der Politik

Zwei private Initiativen bemühen sich um die Menschen, die am Lutherplatz ihre Zeit verbringen. Mehrmals in der Woche ist die Gruppe, die sich den Namen "Krefelder Engel für Obdachlose & Bedürftige & Tiere" gegeben hat, vor Ort und verteilt gespendete Lebensmittel. Eine weitere Gruppe, "Hüls hilft", fährt ebenfalls den Lutherplatz an, um Tüten mit Lebensmitteln zu verteilen. Beide Initiativen werben jeweils in Facebook-Gruppen um Sachspenden.

Der Einsatz der ehrenamtlichen Helfer ist nicht unumstritten: "Die Menschen, die sich dort aufhalten, sind meist keine Obdachlosen. Ihnen kostenlos Essen zur Verfügung zu stellen, führt einzig dazu, dass sie noch mehr Geld für Alkohol ausgeben können und sich die Probleme mit Wildpinkeln und Vermüllung des Areals verschärfen", meint etwa Bernd Albrecht, Bürgervereins-Vorsitzender und FDP-Bezirksverordneter.

Bezirksvorsteherin Gisela Brendle-Vierke (SPD) glaubt, dass die Essensverteilung dazu führe, dass sich noch mehr Menschen dort versammeln. Ein Kenner der Szene bestätigt diese Annahme: "Es ist schon so, dass für die Essensausgabe extra Leute herkommen, die sich sonst nicht am Lutherplatz aufhalten."

Vorwürfe, die die Helfer vor Ort empören. "Die Menschen dort haben verlernt, sich um sich selbst zu kümmern. Sie stoßen auf so viel Ablehnung - da kann man nicht einfach weggucken", meint Iris Helene Remington von "Hüls hilft". Drogen und Alkohol würden die Abhängigen sich so oder so kaufen - mit oder ohne Butterbrot. Es sei eine Frechheit, dass Politiker sich über das Wildpinkeln beklagten, aber nicht dafür sorgten, dass es öffentliche Toiletten oder wenigstens ein Dixie-Klo gebe.

"Wir haben selber alle nicht viel, aber teilen gern", sagt Monika Döhrmann von den "Krefelder Engeln", die mit Privatwagen mehrmals in der Woche zum Lutherplatz kommen, Tische aufbauen und dort Lebensmittel und belegte Brötchen verteilen. Heidi Caspari-Müller hat eine besondere Motivation: "Drei meiner Schulkameraden sind dabei, die kann ich doch nicht hängenlassen." Die "Krefelder Engel" hoffen darauf, ein leerstehendes Lokal an der Gladbacher Straße mieten zu können und zukünftig von dort aus ihre Spenden zu verteilen.

Obwohl beide Gruppen nicht gut aufeinander zu sprechen sind und sich im Gespräch mit unserer Redaktion sehr abfällig über die jeweils andere Initiative äußern, so sind die Akteure sich dennoch darin einig, dass der geplante Bau einer Kita auf dem Gelände des Hauses der Familie kein Grund sei, dass sich mit der Szene vor Ort etwas ändern müsse. "Unsere Schützlinge sind schließlich zuerst hiergewesen", sagt Caspari-Müller.

Die Stadt teilt auf Anfrage mit: "Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kitas auch in so genannten Problembezirken bestehen. Die Lösungen, damit umzugehen, sind von Ort zu Ort anders, führen aber zum Erfolg." Was für Lösungen das sein könnten, bleibt vorerst unklar.

Lösung gesucht

Salih Tahusoglu, stellvertretender Vorsitzender der CDA Krefeld, hat sich mit der Situation beschäftigt und meint: "Kranke und bedürftige Menschen brauchen Hilfe und menschliche Nähe, nicht Verdrängung und Isolierung. Statt die Fürsorge ehrenamtlicher Helfer zu kritisieren, die für diese Menschen ein soziales Bindeglied sind, sollten sich die verantwortlichen Damen und Herren Bezirksvertreter mit Konzepten zur sozialen Integration der Schwächsten in unserer Gesellschaft beschäftigen."

Der KOD, heißt es seitens der Stadt, weise "Personen in Notlagen grundsätzlich auf bestehende Hilfsmöglichkeiten hin". Trotz Nachfrage unserer Redaktion, was das für die Szene am Lutherplatz konkret bedeutet, bleibt unklar, ob Hilfsangebote auf fruchtbaren Boden stoßen. Ein Stadtsprecher teilt mit: "Das sind Angebote wie Suchthilfe und -prävention sowie Obdachlosenhilfe. Die einen nehmen es dankend an, andere lehnen es dagegen ab. So verschieden die Szene ist, so verschieden ist auch, wer welches Angebot annimmt oder es ablehnt."

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Die nahegelegene Obdachlosenunterkunft der Diakonie geht nach eigenen Angaben "nicht nach draußen" und kann daher nicht sagen, "ob da Leute von uns dabei sind, oder nicht". Martin Cremers, selber ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert, hat zu den Aktivitäten eine klare Meinung: "Dieses sinnfreie, kostenlose Verteilen von Essen an Leute, die sesshaft sind, muss eingestellt werden." In der näheren Nachbarschaft gebe es genügend Hilfsangebote. "Wer sich aber nicht an Regeln, die zum Beispiel in der Obdachlosenunterkunft Lutherstraße gelten, halten will, muss nicht noch mit weiterem Entgegenkommen rechnen", meint er.

Quelle: RP
 
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