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Krefeld
Suche nach dem Rasta-Vati aus Jamaika

Krefeld: Suche nach dem Rasta-Vati aus Jamaika
Jutta Webers Buch erscheint am 24. März. Es heißt "Rastavati" und handelt von der Suche nach dem Vater, den sich die Tochter als Jamaikaner mit Rasta-Locken vorstellt. FOTO: Lammertz
Krefeld. Die Krefelder Kinderärztin Jutta Weber ist ohne ihren Vater aufgewachsen. Erst als Erwachsene suchte die 52-Jährige nach ihm und schrieb darüber ein Buch. Von Bärbel Kleinelsen

Wenn im Kino die Gefühle hochkochen und die Taschentücher gezückt werden, dann handelt es sich mit Sicherheit um einen Film mit Happy-End, der seine Betrachter mit der festen Gewissheit in den Alltag entlässt, dass am Ende alles gut wird. So richtig glauben mag daran keiner. Das glückliche Ende und die heile Welt sind Hollywood und seiner Traumfabrik vorbehalten. Dachte auch Jutta Weber. Nun jedoch ist die Krefelderin mittendrin im Happy-End - mit heiler Welt, großen Gefühlen und rosiger Zukunft. "Es ist wirklich kaum zu glauben", sagt sie.

Jutta Weber führt ein Leben wie im Film. Der kommt vielleicht auch noch, wer weiß. Erst einmal jedoch erscheint am 24. März ihr Buch. Es heißt "Rastavati" und handelt von der Suche nach dem Vater, den sich die Tochter als Jamaikaner mit Rasta-Locken vorstellt.

Krause, dunkle Locken hat auch Jutta Weber, ebenso eine vollmilchschokoladenbraune Haut. Sie ist das "wahrscheinlich erste Mulatten-Baby in Meerbusch", als sie 1964 zur Welt kommt, geboren von einer blonden Frau mit heller Hautfarbe. Die Aufregung im Krankenhaus ist groß angesichts des "Mohren". "Es war damals ja längst nicht so normal wie heute, dass ein dunkelhäutiges Baby zur Welt kam. Und dann auch noch eine hellhäutige Mutter, aber keinen Vater hat", meint Jutta Weber.

Ihre Mutter machte nie einen Hehl daraus, dass sie eigentlich gar kein Kind wollte und die Schwangerschaft mit 21 ein Versehen war. Zu sehr liebte sie ihren Job im Plattenladen und die langen Club-Nächte mit Drinks, Rock'n Roll und ausgelassenen Tänzen. Eine dieser Nächte hatte Folgen - die junge Frau wurde schwanger. Von welchem der Musiker, war im Nebel dieser Nacht verschwunden. "Als Kind fand ich die Geschichten über die ungewollte Schwangerschaft und die anschließenden Versuche meiner Mutter, das Baby doch noch durch einen Sturz oder zu heiße Bäder loszuwerden sehr komisch. Erst später wurde mir bewusst, dass es eigentlich tragische Geschichten sind", sagt Jutta Weber, inzwischen selbst Mutter von vier Kindern.

Um sich und die Tochter durchzubringen, heiratete die junge Frau einen Mann, der einen Lebensmittelladen führte und Jutta adoptierte. Aus dem blonden Hippie wurde eine perfekte Hausfrau, die sich hingebungsvoll um das Wohl ihrer Familie kümmerte. "Wie sie das hingekriegt hat, weiß ich bis heute nicht. Es muss ihr unheimlich viel abverlangt haben", vermutet Jutta Weber. Trotz aller Gruselgeschichten zweifelte sie nie an der Liebe ihrer Mutter. "Du bist das Beste, was mir im Leben passiert ist", habe diese immer gesagt und ihr dunkelhäutiges Kind gegen Anfeindungen von außen verteidigt.

Für Jutta Weber selbst war es ein merkwürdiges Gefühl, zwar anders auszusehen als die Kinder aus der Nachbarschaft, sich aber nicht anders zu fühlen. Deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß hatte sie schon als junges Mädchen tief verinnerlicht, war entsprechend gut in der Schule und besuchte als einzige farbige Schülerin das Meerbuscher Gymnasium. Die Vater-Frage war für die Heranwachsende, die inzwischen auch einen Halbbruder hatte, kein Thema. Es gab schließlich einen Vater.

"Auch wenn mein Stiefvater ein fürchterlicher Choleriker war, habe ich ihm doch immer zugutegehalten, dass er meine Mutter und mich vorbehaltlos aufgenommen und auch nie einen Unterschied zwischen mir und meinem Bruder gemacht hat. Ich wollte ihn nicht durch Nachforschungen nach meinem leiblichen Vater kränken."

Hinzukam, dass die Mutter nur sehr vage Angaben zu ihrem One-Night-Stand machen konnte. "Es war für mich auch nicht so wichtig. Ich wusste zu der Zeit schon, dass ich Kinderärztin werden wollte und habe alles dran gesetzt, um dieses Ziel zu erreichen. Im Studium habe ich dann meinen Mann kennengelernt, und dann kamen auch schon die Kinder. Lange Jahre hatte ich also gar keine Zeit, mich um mich selbst und meine Herkunft zu kümmern."

Hatte Jutta Weber auf milchkaffeebraune Babys mit dunklen Locken gehofft, waren sowohl die drei Töchter als auch der Sohn blond und hatten helle Haut. Und im Gegensatz zur Mutter waren alle vier, als sie älter wurden, stark an ihren Wurzeln interessiert und unheimlich stolz auf den Saxophon spielenden "Rasta"-Mann in der Familie.

"Durch die hartnäckigen Fragen meiner inzwischen jugendlichen Kinder habe ich angefangen, nach meinem leiblichen Vater zu suchen. Es stellte sich heraus, dass es als ich zwei Jahre alt war ein Gerichtsverfahren gegeben hatte, um die Vaterschaft zu klären. So hatte ich wenigsten einige Namen. Trotzdem war es ein langwieriger Prozess, der sich über Jahre hinwegzog", erinnert sich die Krefelderin. Immer wieder habe sie an ihrem Vorhaben gezweifelt, hatte Angst vor dem, was sie finden würde.

Ihre 18-jährige Tochter ging unverkrampft, aber zielstrebig an das Thema heran. Und wurde bei Facebook fündig. Kurz nach dem 50. Geburtstag hatte Jutta Weber plötzlich einen Vater, gefunden über das Internet. "So etwas gibt es doch eigentlich gar nicht", sagt sie noch heute kopfschüttelnd und erinnert sich an die bangen Stunden, bevor sie sich traute, den ersten Kontakt zu dem fremden Mann, der ihr Vater sein sollte, herzustellen.

Was dann kam, war filmreif. Der Vater, inzwischen über 70, hatte diese Facebook-Seite tatsächlich nur eingerichtet, um die Tochter in Deutschland zu finden, die er nie kennenlernen durfte, aber immer vermisst hatte. Zwei Fotos hatte er von dem Kind, die er immer im Portemonnaie bei sich trug. In langen E-Mails näherten sich Vater und Tochter an. Und räumten mit Vorurteilen auf. Der "Rastavati" war zwar gebürtig aus Jamaika, lebte aber inzwischen in Kanada. Er spielte auch nicht Saxophon, sondern Gitarre. Außerdem hatte er einen Kurzhaarschnitt statt Rastalocken und war kein Alt-Hippie, sondern pensionierter Buchhalter.

"Es ist unglaublich, wie viele ähnliche Interessen wir haben und wie gut sich mein Vater mit meiner Familie versteht. In Jamaika waren wir auch schon gemeinsam und haben dort zahlreiche Verwandte getroffen. Mein Vater ist ganz klar eine Bereicherung nicht nur für mein Leben, sondern für die gesamte Familie", sagt die 52-Jährige.

Für ihre Kinder schrieb sie das Buch "Rastavati", das nun im Rowohlt-Verlag erscheinen wird. Es ist locker geschrieben und macht Lust auf diese liebenswerte, aber auch ein bisschen verrückte Familie. Und es macht Mut, etwas zu wagen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sonst würde man es womöglich verpassen, sein ganz persönliches Happy-End.

Das Buch "Rastavati. Wie ich meine jamaikanischen Wurzeln fand" erscheint am 24. März im Rowohlt Verlag. Es kostet als Taschenbuch (ISBN: 978-3-499-63190-0) oder E-Book (ISBN: 978-3-644-57181-5) 9,99 Euro. Infos unter www.rowohlt.de

Quelle: RP
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