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Krefeld
Tanzperformance auf dem Rheindeich in Hohenbudberg

Krefeld: Tanzperformance auf dem Rheindeich in Hohenbudberg
Fürs Auge und fürs Ohr lieferte die Kompanie IPtanz aus Köln den unerwartet vielen Besuchern beste Unterhaltung. FOTO: thomas Lammertz
Krefeld. Die Kölner Tänzer waren überrascht: 117 Zuschauer kamen zum Rheindeich, um die dort gezeigte Performance zu verfolgen. Das Publikum jubelte. Von Esther Mai

Eine leichte Windbrise streift die Baumkronen, kleine Wellen schlagen sanft gegen das Ufer, das Wasser rauscht und gurgelt leise vor sich hin. Der Himmel ist blau, die Sonne taucht den Deichabschnitt in Hohenbudberg in goldenes Abendlicht. Die Idylle am Rheinufer ist perfekt. Vier leicht bekleidete Menschen, die mit den Füßen im Wasser stehen, mit dem Rücken zum Fluss, stören jedoch das romantische Bild. Und die riesige Wandergruppe, die sich auf sie zubewegt, irritiert die Abend-Spaziergänger ebenfalls enorm.

"Ihr seid aber viele", ruft ein überraschter Hundebesitzer der großen Gruppe zu, die sich von der Kirche St. Matthias über die Deichkrone auf den Rhein zubewegt. Die 117 Menschen haben sich nicht zufällig gefunden - und einfach so spazieren gehen sie auch nicht. Sie sind die Zuschauer, die die Uraufführung von "Stille" erleben wollen, einem zeitgenössischen Tanzstück der Kompanie IPtanz aus Köln. Mit dem Fahrrad, dem Auto oder der Bahn sind sie nach Hohenbudberg gefahren, um die Kompanie in dem ungewöhnlichen Rahmen tanzen zu sehen.

Die Choreographin Ilona Pászthy und Dramaturgin Judith Ouwens haben im Auftrag des Kulturbüros ein Stück für die Reihe "Move in town" geschaffen, das sich mit Veränderung beschäftigt. Allein schon die natürlichen Begebenheiten zwischen Kirche, Industrie- und Naturschutzgebiet verändern das Stück von Probe zu Probe und natürlich auch in der Aufführung. Klar, die Choreographie bleibt bestehen, doch Wind, Wetter und Licht variieren und geben so dem Stück immer eine neue Perspektive. Sowohl für die Choreographin, als auch für die Dramaturgin, haben Veränderungen auch mit latenter Gewalt zu tun, die sie in ihrem Stück thematisieren wollen. "Gewalt ist nicht immer sichtbar, sondern langsam und schleichend", sagt Judith Ouwens. Spürbar ist das schon allein durch den Ort, der die Bühne bildet. Hohenbudberg, einst eine lebendige Gemeinde, musste Stück für Stück den Industrieanlagen weichen. Und heute gibt es dort nur noch drei Häuser und die wunderschöne, alte Kirche St. Matthias.

Am Rhein geht es los: Die Tänzer steigen langsam aus dem Wasser, ziehen sich nach und nach ihre lange Kleidung an. Sie bewegen sich bedächtig, in Zeitlupe. Einige Zuschauer kichern, andere fragen nach dem Sinn. Dann sprinten die Tänzer los, Richtung Deich, wo sie sich wie Spinnen fortbewegen, um dann den Deich hinauf - und nicht herunterzufallen. Wieder bewegen sie sich in Zeitlupe. Und es scheint, als würden sie eigentlich hinunterpurzeln, was auf Video aufgenommen wurde und nun ganz langsam zurückgespult und trotzdem angeschaut wird.

Nicht nur die Tänzer müssen sich bewegen: Auch die Zuschauer sind immer wieder unterwegs. Vom Rheinufer geht es zu Fuß zum Deich, auf den Deich, hinter den Deich, zum Friedhof und schließlich bis in die Kirche. Der ständige Wechsel der Örtlichkeiten ist nicht nur eine tänzerische Herausforderung, sondern auch eine ganz neue Erfahrung für die Zuschauer. Sie werden nicht einfach unterhalten, sondern müssen etwas tun, um zu sehen und zu hören. Mal müssen sie den Tänzern ausweichen, die sich ihren Platz suchen und mal sind sie plötzlich mitten im Geschehen, als vor der Kirche ohne Vorwarnung ein spielerisch-getanzter Kampf losbricht. Die klassische Unterteilung zwischen Zuschauerraum und Bühne fehlt komplett.

Das bietet natürlich auch Raum für Überraschungen. So taucht auf dem Deich plötzlich ein Saxofonist auf, der die Szene musikalisch begleitet, selbst involviert wird und dann die Zuschauer bei ihrem March am Deich entlang unterhält. Oder spielt er weiter, weil die Zuschauer die nächste Szene, die nächste Stufe der Veränderung sind? Auf jeden Fall findet gerade ein Umbruch statt: Während die Zuschauer am Anfang bei dem ersten Spaziergang noch laut redeten, wird es nun immer stiller bei den kleinen Spaziergängen zwischen den Szenen. Als die letzten Töne des Saxofons bei der letzten Szene, die in der Kirche spielt, schließlich verklungen sind, bleibt es erstmal lange still in der Kirche. Das Stück scheint die Zuschauer voll in den Bann gezogen zu haben, jeder hängt noch seinen Gedanken und Assoziationen nach. Dann brandet lauter Jubel los. Die Uraufführung von "Stille" - ungewöhnlich und ein voller Erfolg. Auch die Tänzer sind vom Zuspruch und der Atmosphäre völlig überwältigt. "Mit so viel Resonanz haben wir einfach nicht gerechnet", sagt Dramaturgin Judith Ouwens.

Die nächste Vorstellung ist am Sonntag, 23. August; Treffpunkt ist auf dem Kirchplatz vor St. Matthias.

Quelle: RP
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