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Krefeld
Tere tulemast Saaremaa! - Willkommen auf Saaremaa!

Das Gemeinschaftstheater zu Gast in Estland
Das Gemeinschaftstheater zu Gast in Estland FOTO: Gunnar Laak
Krefeld. Mit fünf Opern-Abenden gastierte das Gemeinschaftstheater Krefeld-Mönchengladbach auf der estnischen Insel. Acht Lkw brachten Bühnen und Requisite hinüber, 212 Akteure - Techniker, Musiker, Sänger, Orchesterwarte, Maskenbildner und Requisiteure - wirkten mit. Von Inge Schnettler

Eben haben sie noch im Speisesaal im Hotel Meri zusammengesessen, haben Kartoffeln, Fleischbällchen und Buttergemüse zu sich genommen, einen Kaffee unter strahlend blauem Himmel auf der Terrasse genossen, jetzt machen sie sich auf den Weg. Hinüber zur mittelalterlichen Bischofsburg von Kuressaare, der Hauptstadt der Insel Saaremaa. Dort steht das riesige schwarze Zelt, in dem an den kommenden fünf Abenden jeweils 2000 Menschen Platz finden werden. Insgesamt werden am Ende 10.000 Besucher das Festival besucht haben.

Zum ersten Mal betreten die Akteure das Festivalgelände, staunen über die gigantischen Ausmaße des Zeltes, die mit stahlendweißen Hussen bezogenen Stühlen, die Kronleuchter, die Bühne, auf denen die Techniker des Theaters mit dem Aufbau der Lohengrin-Kulisse beschäftigt sind. In drei Schichten arbeiten die Männer und Frauen in den schwarzen T-Shirts - rund um die Uhr. Jeden Tag ein anderer Bühnenaufbau, jeden Tag muss das Licht eingerichtet werden. Und nachts wird abgebaut. Die gesamte Requisite wird unverzüglich auf die bereitsstehenden Lkw verladen und geht zurück nach Deutschland.

Die Logistik ist wahrhaft eine Herausforderung. Ein Jahr bereits liefen die Vorbereitungen. Für fünf Opern-Abende mussten die Bühnenteile, die komplette Requisite, die Garderobe (inklusive Bügeleisen und -brettern) und die Instrumente nach Estland geschaffen werden. Auf acht Lkw ist alles hinübergebracht worden - von Krefeld und Mönchengladbach an die Ostsee, von dort übers Meer nach Saaremaa. Nichts ist verlorengegangen, alles, was für das Gastspiel beim Opernfestival benötigt wird, ist pünktlich angekommen. Und alle 212 Akteure - Techniker, Musiker, Sänger, Orchesterwarte, Maskenbildner, Requisiteure - sind gesund und munter gelandet. Es kann losgehen.

Aber dann - die Katastrophe. Kurz vor den Proben zu "Lohengrin" kommt ein heftiger Ostseewind auf. Die Dachplanen knattern gewaltig, Operndirektor Andreas Wendholz ist entsetzt. Generalmusikdirektor Mihkel Kütson dirigiert die Niederrheinischen Sinfoniker. Die stille Ouvertüre geht im Geklapper des Zeltdachs unter. Während auf der Bühne geprobt wird, klettern Techniker auf das Dach, sie legen breite Bänder über die Planen - eines nach dem anderen. Den ganzen Tag arbeiten sie - und auch den nächsten.

Und dann beginnt der erste Opernabend von fünfen. Das Zelt ist voll, auch Generalintendant Michael Grosse ist rechtzeitig eingetroffen, die Ouvertüre erklingt, nichts klappert mehr - Wagner ist auf Saaremaa angekommen. Das Publikum dankt den Sängern und Musikern sowie ihrem Dirigenten Mihkel Kütson nach mehr als viereinhalb Stunden konzentrierten Zuhörens mit Ovationen. Mehr als 20 Minuten applaudieren sie, rufen "Bravo" und "Bravissimo", sind völlig begeistert - und wollen das auch kundtun. Das wiederholt sich an allen weiteren Opern-Abenden.

Eventuelle nervöse Spannungen sind ab sofort höchstens noch in Minidosierung vorhanden. Es ist aber auch zu schön auf dieser Insel - der größten Estlands, die als Urlaubsinsel ausgesprochen beliebt ist. Die Theaterleute leihen sich in ihren freien Zeiten Fahrräder oder Kettcars aus, die am Strand angeboten werden, und sausen damit munter durch die Gegend. Das liebliche Örtchen Kuressaare wird besucht, am kleinen Sandstrand lässt sich wunderbar entspannen. Andreas Wendholz nennt das Unternehmen eine "Klassenfahrt". Eine ganz schön große Klassenfahrt. Er hat recht. Die Stimmung ist bestens, es wird viel gelacht.

Das komplette Hotel Meri - in unmittelbarere Nähe der Bischofsburg - ist vom Veranstalter Eesti Kontsert für die Theaterleute aus Mönchengladbach und Krefeld angemietet worden. Restlos alle Zimmer sind belegt. Der Speisesaal ist fast durchgehend geöffnet. Das Hotel hat sich auf die Arbeitszeiten der Gäste eingestellt. Das erste Frühstück gibt es von 6 bis 7 Uhr für die Techniker der Frühschicht, alle anderen frühstücken von 7 bis 11 Uhr. Das Mittagessen wird von 13.30 bis 16 Uhr angeboten, das Abendessen von 22.30 bis 0.30 Uhr. Und dann gibt es für die Techniker der Nachtschicht auch noch eine Mahlzeit von 1.30 bis 2.30 Uhr. Außerdem werden im Versorgungszelt auf dem Festivalgelände durchgehend Kaffee und Wasser angeboten, dazu Speisen und Obst. Niemand soll darben.

Das Opern-Festival auf Saaremaa hat einen hohen Stellenwert in Estland. Seit 1999 findet es Jahr für Jahr in Kuressaare statt, namhafte Musiktheater präsentieren sich in dem Zelt, das nur für diese eine Woche errichtet wird. Es gibt Opernfreunde, die es sich nicht nehmen lassen, jedes Jahr auf die Insel zu kommen. Ein finnisches Ehepaar, das vor Jahren zum ersten Mal das Festival besuchte, kam ab da regelmäßig nach Estland. Irgendwann kauften die beiden sich ein Haus in der Nähe von Kuressaare und verbringen seitdem die Zeit um das Festival herum auf der Insel. Ja, solche Geschichten erfährt man beim Plausch in einem der Cafés der kleinen Hauptstadt.

Mihkel Kütsen, der an allen Abenden dirigierte - Dienstag Lohengrin, Mittwoch das Opern-Doppel Cavalleria Rusticana und Gianni Schicchi, Donnerstag Carmina Burana, Freitag Maskenball und Samstag die Operngala - hatte einen anstrengenden Job. Er war aber wahrscheinlich der glücklichste Mann in ganz Estland. Schließlich fand dieses großartige Ereignis in seinem Heimatland statt. An seiner Freude ließ er alle Beteiligten von Anfang an teilhaben. Schon bevor der Bus die Reisenden zu nachtschlafender Zeit zum Flughafen Düsseldorf brachte, hüpfte der Generalmusikdirektor ausgelassen zwischen den Kollegen herum. Geschlafen hatte er nicht eine Minute, gaben die Niederrheinischen Sinfoniker doch am Abend vor der Abreise noch ein Konzert in Kamp-Lintfort. Chapeau, Herr Kütson.

Quelle: RP
 
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