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Krefeld
Theater Tel Aviv zeigt "Draußen vor der Tür"

Krefeld: Theater Tel Aviv zeigt "Draußen vor der Tür"
Szene aus Matthias Gehrts Inszenierung mit den Schauspielern des Tmu-na-Theaters aus Tel Aviv. Den Beckmann spielt Alon Openhaim. Zwei Mal wird das Stück in der Fabrik Heeder gezeigt. FOTO: Dan Ben Ari
Krefeld. Es ist ein großer Moment Theatergeschichte: Krefelds Schauspieldirektor Matthias Gehrt hat das Kriegsheimkehrer-Drama inszeniert. In Israel war es eine Uraufführung. Das Stück in hebräischer Sprache ist am 28. Mai in der Fabrik Heeder zu sehen. Von Petra Diederichs

Wer Matthias Gehrt kennt, weiß, dass er sich die Sache gut überlegt hat. Und dass ihn gerade die Brisanz reizte. Der Schauspieldirektor hat in Tel Aviv Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" inszeniert als Uraufführung in hebräischer Sprache. Den deutschen Klassiker über Kriegstraumata ausgerechnet in Israel mit einem deutschen Regisseur und hebräisch sprechenden Schauspielern auf die Bühne zu bringen - das hat sich zuvor noch niemand zugetraut. "Ich habe gleich zu Beginn gesagt: I'm not from Denmark", sagt Gehrt. Nein, er ist kein Däne, aber gewappnet gewesen für zahllose Fragen. "Dort kannte niemand das Stück, keiner hatte je was von Borchert gehört. Von der innerdeutschen Debatte nach dem Krieg wussten sie nichts. Israels Blick auf Deutschland ist geprägt auf den Holocaust." Deshalb hat Gehrt Bilder aus dem zerbombten Hamburg von 1945 gezeigt, von den vielen Millionen Binnenflüchtlingen erzählt, von den Schicksalen der heimatlos Gewordenen, von den Toten, den Vermissten und den zerstörten Familien. "Davon, was der Krieg für Deutschland bedeutet hat, sagten mir viele, haben sie nichts gewusst."

Das Drama um den Frontheimkehrer Beckmann, der durch den Krieg körperlich und psychisch gebrochen ist, spricht ein aktuelles israelisches Thema an: Kriegstrauma. "Da ist das Stück den Menschen heute näher als uns", sagt Gehrt, der das Schauspiel auch für das Gemeinschaftstheater inszeniert hat. Adrian Linke hat hier als Beckmann unter der riesigen Besprenkelungsanlage (Bühne: Gabriele Trinczek) die Seelenqualen eines Zerstörten so aufwühlend gespielt, dass viele Zuschauer ergriffen waren. Die israelische Aufführung lehnt sich an die Krefeld/Mönchengladbacher Produktion an. Doch Alon Openhaim ist ein anderer Beckmann. Zu sehen ist das beim Krefeld-Gastspiel am 28. Mai in der Fabrik Heeder - in hebräischer Sprache. Wegen der großen Nachfrage, auch von der Jüdischen Gemeinde, gibt es zwei Vorstellungen: um 17 und um 20 Uhr. Weil die Kostüme im Stück völlig durchnässt sind, muss das Ensemble die Abendvorstellung in der Krefelder Ausstattung geben.

Mit einem Text zu proben, den er zwar inhaltlich kennt, aber wörtlich nicht versteht, war kein Problem, sagt Gehrt. Aber: "Die israelischen Schauspieler spielen viel schneller Theater, oft musste ich sie bremsen, damit sie eine Pause setzen und Text wirken lassen", sagt der Schauspieldirektor. In Nigeria, in Ghana und Mexiko hat Gehrt bereits als Regisseur gearbeitet, aber erstmals ist für ihn ein Text eigens in die Landessprache übersetzt worden (ermöglicht durch das Goethe-Institut). "Noch spannender als die Arbeit waren die Gespräche und Diskussionen und das gegenseitige Kennenlernen. Ich habe nirgends Aversionen erlebt." Dafür viele bewegende Begegnungen.

Das Tmu-na-Theater in Tel Aviv ist das größte und bekannteste Theater in Israel, ein in den 80ern gegründetes freies Zentrum mit vier Hallen, das vor allem Gastspiele produziert. Das Borchert-Stück wurde in einem Bunker umgesetzt. Schon durch diesen Ort erhält die Figur des Beckmann eine andere Farbe. In Israel hat die Uraufführung Wellen geschlagen. Die größte Tageszeitung "Haaretz" geht der Frage nach, warum das Stück, das um 1946 geschrieben wurde, erst jetzt nach Israel kommt, und schlussfolgert, es liege an einem "israelischen Unwillen, sich das Leid eines deutschen Soldaten oder einer deutschen Witwe anzusehen, das dem deutschen Publikum die eigene, schuldbehaftete Vergangenheit erträglicher macht". Das Stück zeige, welche Kraft aufrichtige, gut gemeinte Intervention und freundschaftliche Kritik von außen entfalten könne. "Vielleicht können wir Israelis, die wir uns für so clever halten", heißt es am Ende, "etwas von den Deutschen lernen, die erst viel zu spät begriffen haben, welchen Preis Machtrausch, Militarismus und Krieg haben". Damit sind Diskussionen befeuert worden, die Gehrt gern schon geführt hätte, als er in den 80ern als Volontär in einem Kibbuz im Jesreel-Tal gearbeitet hat: "Damals hatten viele junge Israelis unversöhnliche Haltungen."

Quelle: RP
 
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