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Krefeld
Tihange: Wäre Krefeld vom GAU betroffen?

Krefeld. Im Pannen-Reaktor Tihange gab es einen erneuten Störfall, der zur Abschaltung führte. Ein GAU könnte die Region Aachen unbewohnbar machen. Auch Krefeld könnte betroffen sein. Wie bereitet sich die Stadt auf die Gefahr vor? Von Sven Schalljo

Tihange, dieser Name sorgt derzeit im ganzen Westen der Bundesrepublik, aber auch im Benelux-Raum, für Angst. Das gut 40 Jahre alte Atomkraftwerk in der belgischen Kleinstadt Huy, nahe Lüttich, wird weithin als "Pannen-Reaktor" bezeichnet. Am Dienstag kam es nach einer Störung in Block 1 einmal mehr zu einer ungeplanten Abschaltung. Die Betreiber geben an, dass keine Gefahr bestanden habe.

Doch dutzende Störfälle bis hin zu Rissen im Reaktorbehälter machen Experten wie Anwohnern große Sorgen. Gerade in der Region Aachen ist es dieser Tage eines der größten Themen. Grund genug, zu analysieren, was ein GAU für Krefeld bedeuten würde. Die Stadt zieht sich auf Anfrage vor allem darauf zurück, dass die Seidenstadt mit 129 Kilometer Luftlinie außerhalb des 100-km-Radius' liegt, der als besonders gefährdet bezeichnet wird.

Doch ist das wirklich so? Im Jahr 2016 beauftrage die Stadt Aachen das Institut für Sicherheits- und Risikobewertung der Universität Wien mit einer Analyse der Gefahrenlage. Die Präsentation im Spätherbst schaffte dann Gewissheit. Die Experten Wolfgang Renneberg und Nikolaus Müllner hatten keine guten Nachrichten für Nordrhein-Westfalen. Sie analysierten die vorherrschenden Wetterlagen und versahen verschiedene Szenarios mit Wahrscheinlichkeiten. Das Ergebnis: Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde die Region Aachen unbewohnbar und das Rheinland zumindest betroffen. Zehn Prozent beträgt das Risiko, dass die Witterungsbedingungen eine Wolke über das Rheinland trieben und auch hier Grenzwerte erreicht würden, die dazu führen würden, dass die Menschen langfristig evakuiert werden müssten. Bei äußerst ungünstigen Bedingungen könnte sogar eine sofortige Massenevakuierung bis hin ins Rheinland nötig werden. Krefeld könnte also mit durchaus ernstzunehmender Wahrscheinlichkeit von einem "Größten anzunehmenden Unfall" (GAU) betroffen sein. Was also sind die Pläne der Stadt für einen möglichen Ernstfall?

Grundsätzlich könnte Krefeld auf zwei Arten betroffen sein: entweder durch eine akute Verstrahlung und damit durch eine Evakuierung, oder aber durch die Aufnahme evakuierter Menschen aus betroffenen Gebieten rund um den Meiler.

Im ersten Fall ist die Stadt nur bedingt vorbereitet. Zwar sind prinzipiell auch hier Kaliumjodtabletten verfügbar, einen fertigen Evakuierungsplan gibt es aber ebenso wenig wie der Öffentlichkeit zugängliche Schutzräume. Anlagen aus Zeiten des Kalten Krieges wurden Mitte der 90er Jahre aus dem Katastrophenschutz genommen und stehen nicht mehr zur Verfügung. Auch noch bestehende Anlagen wie das Parkhaus am Rathaus sind technisch nicht mehr für die Aufnahme von Menschen geeignet. Auch gibt es keine ausreichenden Mittel zur Dekontaminierung. Die aktuellen Kapazitäten reichen nur für lokal begrenzte Unfälle und können 25 bis 50 Personen pro Stunde dekontaminieren.

Im Ernstfall müssten Bürger also zunächst in ihren Häusern bleiben, bis Hilfs- und Evakuierungsmaßnahmen angelaufen sind. Die Stadt würde über drei Säulen warnen: über Sirenen, über Radiosendungen und über die frei verfügbare Katastrophenschutz-App "NINA". Hier würden die Bürger dann informiert, auf welchem Wege eine Evakuierung stattfände.

Jodtabletten werden aber in Krefeld, wie im gesamten Rheinland, derzeit nicht verteilt. Dies geschieht aktuell ausschließlich in der Zone, die "zum engeren Planungsgebiet im Umkreis um ein Atomkraftwerk" zählt, wie es im Amtsdeutsch heißt. Sprich: Innerhalb des besagten 100-Kilometer-Radius'.

Die Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe 1986 zeigen aber, dass die Auswirkungen durchaus sehr viel weiter reichen können. Auch in Deutschland stieg damals die Radioaktivität merklich an, und vom Verzehr von Pilzen wurde beispielsweise abgeraten. Jodtabletten übrigens überbrücken nur die erste Zeit und sorgen dafür, dass das gefährliche radioaktive Jod-131 ausgeschieden wird.

Krefeld ist also nicht im engeren Gefahrengebiet, das aber könnte sich im Ernstfall sehr schnell und drastisch ändern.

Quelle: RP
 
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