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Krefeld
Tom Liwas Abrechnung mit Dylan & Beatles

Krefeld: Tom Liwas Abrechnung mit Dylan & Beatles
Tom Liwa kommt am 1. Dezember nach Krefeld, begleitet von seiner Band Flowerpornoes. Dort rechnet er ab mit alten Helden wie Dylan, Neil Young und den Beatles. FOTO: Grand Hotel van Cleef
Krefeld. Der Duisburger Songwriter geht mit seiner Band Flowerpornoes und dem Album "Umsonst & Draußen" auf Tour und spielt in Krefeld. Liwa wollte nie mehr öffentlich Musik machen. Jetzt also doch. In gleich drei Liedern greift er alte Helden an. Von Sebastian Peters

In den frühen 2000er-Jahren, wir waren Germanistik-Studenten und standen auf Rock mit deutschen Texten, sahen wir ihn manchmal im Edeka-Markt in Duisburg-Neudorf am Sternbuschweg. Tom Liwa war für uns der Rockstar von nebenan. Mit seinem zerknitterten Gesicht stand er an der Kasse, Tüte Milch in der Hand. Wir hörten damals gerne das Lied "Den Sternbuschweg entlang" von Liwas Band Flowerpornoes. Hey, da ist ein Typ, der singt über die Straße, an der wir wohnen. Er, der Rockstar, spielt auf großen Festivals, und kauft sich dennoch seine Milch selbst. Es ist eine kleine Anekdote und erzählt doch über den Liedermacher Tom Liwa, der zwar Duisburger war, aber eben kein Malocher, der mit seinen Esoteriktrips in der Stadt von Kohle und Stahl immer deplatziert wirkte, so deplatziert wie als Rocker im Edeka.

Die frühen 2000er-Jahre: Das war auch die Zeit, in der Tom Liwa gerade sein Album "St. Amour" veröffentlicht hatte, mit dem schönen Songtitel "Für die linke Spur zu langsam, für die rechte Spur zu schnell". Unser kleiner Sommerhit damals. Zu langsam, und doch zu schnell - das war auch treffende Charakterisierung für den Karriereweg des Tom Liwa, 1961 in Duisburg geboren, heute 54 Jahre alt. Jetzt hat er ein neues Album veröffentlicht und kommt nach Krefeld.

Seit 30 Jahren bewegt sich Liwa im Musikgeschäft, mit seinen 1985 gegründeten Flowerpornoes galt er zwischendurch einmal als deutsche Indierockhoffnung, ehe die Band sich 1996 auflöste. Liwa machte dann solo weiter, war schon Liedermacher, als all die Cluesos dieser Republik das Wort Gitarre nicht mal buchstabieren konnten. 2007 dann ein unerwartetes Comeback: Die Flowerpornoes veröffentlichten das Album "Wie oft musst Du vor die Wand laufen bevor der Himmel sich auftut?". Wieder so eine Allegorie für die Karriere - die Frage, ob es den Flowerpornoes jemals gelingen wird, populär zu werden.

Jetzt haben wir 2015, Tom Liwa ist immer noch auf der Reise, vielleicht mehr denn je, und ähnlich wie sein musikalischer Held Bob Dylan auf einer Neverending Tour. Die Flowerpornoes aber scheinen - wenn diese schiefe Steigerung erlaubt ist - angekommener denn je: Beim deutschen Erfolgslabel Grand Hotel van Cleef veröffentlichen Liwa und die Flowerpornoes ihr neues Album namens "Umsonst und draußen". Von großer musikalischer Tiefe sind die 20 Lieder, die als Nukleus eine Abrechnung mit alten Helden sind: Dylan, die Beatles, Neil Young.

Es überrascht auf den ersten Blick, dass die Flowerpornoes ihre Musik nun auf Grand Hotel Van Cleef veröffentlichen. Hier das von den einst ach so coolen Indierockern der Bands Tomte und Kettcar gegründete Label, dort die Altrocker der Flowerpornoes, quasi die Elterngeneration, also: old school. So recht wollen die Flowerpornoes in diesen Labelkontext nicht passen.

Liwa singt Lieder von so beklemmender Intimität, dass es den Zuhörer fast schmerzt. "Wo wird mein neues Zuhause sei'?", fragt er im gleichnamigen Lied auf dem neuen Album. Und das ist nicht nur eine mal eben dahingesungene Frage, sondern eine, die Liwa auch persönlich bewegt.

Das Album mit seiner Band entsteht in besonderen Zeiten. 2013 wollte Tom Liwa mit dem Musikmachen für die Öffentlichkeit eigentlich Schluss machen. Die Strukturen des Popmusikgeschäfts seien ihm zu dieser Zeit zuwider gewesen, heißt es im Waschzettel zum Album. Der Duisburger machte also einen Cut. Er legte einen Rollentausch mit der Mutter seiner drei Duisburger Kinder hin, übergab ihr die Kinder und die gemeinsame Wohnung. Liwa erklärte sich fortan für "freiwillig heimatlos". Er tourte, verbrachte Sylvester allein auf einem Permakulturbauernhof in Straubing. Er habe alles loslassen müssen, woran er sich vorher festhielt, sagt Liwa: Familie, Freundin, Heimat, Künstleridentität. Damit verbunden war auch die Erkenntnis, dass er mit Musik als Geschäftsmodell nicht mehr glücklich wurde. Die Adorno-Frage vom richtigen Leben im Falschen, und der ganze Kladderadatsch, der einen als Musiker umtreibt, wenn man merkt, dass die eigene Karriere sich zu sehr wie der Stein von Sysiphus anfühlt. Liwa zog also weg aus der Stadt, die jahrzehntelang seine Heimat war, hin zu seiner Freundin nach Oelde.

Die lange Phase des Alleinseins war es, die Tom Liwa wieder näher an die Musik herangeführt hat. Er habe wieder fast wie von selbst angefangen, Musik zu zu machen, sagt Liwa: "Ich habe festgestellt, dass man, wenn man sich von allem lossagt, umso besser wieder in die Dinge hinein gehen kann."

Und dann war da noch die Band - die Flowerpornoes. Mit dreien der vier Musiker spielt er seit 30 Jahren zusammen. Das neue Album "Umsonst & Draußen" und spielt im Titel einerseits an auf die Festivalkultur der Siebziger an, jenes Everything-Goes und das Gefühl, wirklich frei zu sein. Andererseits beschreibt es auch Liwas eigene Reise, auf den Unabhängigkeitstrip.

Im Kellerraum des Flowerpornoes-Schlagzeugers Guiseppe Mautone traf man sich. Den textlichen Rahmen bilden die Stücke, die Liwa an die musikalischen Heroen geschrieben hat. "Jahre des Verrats", eine Rede an Bob Dylan - Liwa imitiert das Nölige im Gesang von "His Bobness", und kommt damit der Stimme Dylans näher als die meisten anderen deutschsprachigen Coverversuche. Und doch ist es eine Abrechnung mit dem Meister, die Klage darüber, dass Dylan eigentlich ein grundpessimistisches Menschenbild habe. Das Lied "Falsch bei Neil Young", mit Banjointro, klingt wie auf einem Heuhaufen eingesungen, und motzt über Neil Young und Crazy Horse bei einem Auftritt auf der Waldbühne in Berlin. 100 Euro Eintritt, kaum freundliche Ansagen der Band - Liwa fühlt sich dort deplatziert. Er vermisst abermals das Menschliche. Am komischsten sein Song namens "Wir sind die Beatles" mit dem schönen Vers: "Wir sind die Beatles, George, Paul Ringo & John/ Wir machen diesen Scheiß schon seit der Industriellen Revolution". Liwa kritisiert hier die Gefügigkeit der Beatles gegenüber dem Manager Brian Epstein; und im Refrain singt Liwa nur beatlesk: "Düdüdüdü." Diese Abrechnungen mit alten Helden schaffen Unabhängigkeit, sind die Basis des Gesamtwerks. Wuchtige 20 Songs ist das Album stark, und man muss dieses Album als Testament lesen, als Zeugnis all dessen, was den Songwriter Liwa umtreibt - er singt also "Hochmoor", den Niedergang der SPD ("KP") und die immergleichen Nachrichten "(Fünf Tote in Blablabla"). Über-idealistisch klingt das, manchmal gar nervend naiv, aber immer poetisch, intim.

Vor rund fünf Jahren haben wir Tom Liwa zuletzt gesehen, in einem Kulturhaus in Duisburg-Hochfeld. Liwa war irgendwie immer noch Rockstar von nebenan. Doch obwohl er dort in der Heimatstadt auftrat und die Flowerpornoes fast zehn Jahre dort nicht live gespielt hatten, waren es doch nur sehr wenige Menschen, die ihn dort sehen wollten. Wieder fühlte man sich und die Band deplatziert. Eine Mischung aus Mitleid und Trotz war es, die einen erfasste. Irgendwann wird Duisburg erkennen müssen, dass dieser sonderbare Tom Liwa einer ihrer großen musikalischen Söhne ist. Selbst wenn er heute in Oelde im Münsterland wohnt - Du kriegst den Duisburger nicht raus aus dem Liwa, genauso wenig übrigens, wie Du Dylan, Young und die Beatles aus Liwa raus bekommst.

Quelle: RP
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