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Krefeld
Totentanz mit dem Konsul

Krefeld: Totentanz mit dem Konsul
Janet Bartolova (l.) vertröstet als kaltherzige Sekretärin des Konsuls die hilfesuchenden Ausreisewilligen Tag um Tag damit, dass sie vor einer Entscheidung erst Dokumente beibringen und Formulare ausfüllen müssen. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Der jungen Regisseurin Katja Bening gelingt bei der Krefelder Premiere des Musikdramas "Der Konsul" von Gian Carlo Menotti ein großer Wurf. Für die hochexpressive Musik ist Kapellmeister Diego Martín-Etxebarría kompetent zuständig. Von Dirk Richerdt

Sieben Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg inszenierte der damalige Intendant des Theaters Krefeld/Mönchengladbach, Erich Schumacher, das 1950 in Philadelphia uraufgeführte Musikdrama "Der Konsul" des italo-amerikanischen Komponisten Gian Carlo Menotti (1911-2007). Seine hochpolitische Oper erzählt davon, wie verzweifelte Menschen in einem Unrechtsstaat das Konsulat des freiheitlich verfassten Nachbarlandes aufsuchen, um Visa für die Einreise zu beantragen. Doch die Sekretärin stellt sich taub gegenüber den Nöten der Hilfesuchenden und vertröstet sie Tag um Tag damit, dass sie vor einer Entscheidung erst Dokumente beibringen und Formulare ausfüllen müssen. "Wenn ein Amt sich zum Gott erheben lässt: Was gilt der Mensch?", protestiert Izabela Matula in der Rolle der Magda Sorel.

Damals war die Hauptwelle der Fluchtbewegungen, welche die Jahrhundert-Katastrophe weltweit ausgelöst hatte, noch nicht verebbt. Das Problem unmenschlicher Abschottung gegenüber Vertriebenen, Asylsuchenden und Bürgerkriegsflüchtlingen war genauso aktuell wie heute wieder. Und so ist es logisch, dass "Der Konsul" wieder in den Spielplan gelangt. Katja Bening legt mit ihrer zweiten Regiearbeit am Niederrhein eine sehr respektable Produktion vor, die unter die Haut geht und niemanden kalt lässt.

Ausstattungschef Udo Hesse gestaltet das innere Unbehaustsein des Freiheitskämpfers John Sorel und seiner Familie durch karges Inventar in billiger Fichtenpaneelen-Anmutung. Ein Teppich verdeckt eine Bodenluke, unter der sich Sorel verbirgt, als die Geheimpolizei naht und seine Frau Magda und seine Mutter verhört. Bariton Andrew Nolen als Sorel und Koloratursopranistin Izabela Matula (Magda) sorgen in einem klanggewaltigen Abschiedsduett für den ersten Höhepunkt der Aufführung, die der spanische Kapellmeister Diego Martín-Etxebarría mit den Niederrheinischen Sinfonikern zweieinhalb Stunden lang kongenial steuert. Als Satik Tumyan (Mezzosopran) das Szenario zum Terzett weitet, erleben die Krefelder eine der wenigen heiteren Passagen der tragischen Oper. Im weiteren Verlauf klingt die Musik, passend zur bitteren Entwicklung, immer seltener "schön". Nachdem Magda, deren Sohn und Schwiegermutter inzwischen gestorben sind, jede Hoffnung verloren hat, ihren Mann wiederzusehen und das Land zu verlassen, dreht sie am Backofen den Gashahn auf. Der Rest sind ihre Visionen: Bei einem grotesken Walzer tanzt Magda mit einem Mann mit Totenmaske, dem Konsul, der ihr im Leben unnahbar blieb. Und auch die anderen Figuren, die mit ihren Anliegen bei der kaltherzigen Leiterin des Konsulatsbüros, Janet Bartolova, meist scheitern, bewegen sich im Tanz wie hypnotisierte Marionetten. An den Tod erinnern auch die überdimensionierten Schubkästen des Aktenschranks, sie lassen an Leichenkammern in der Pathologie denken.

Izabela Matula spielt und singt die Magda herzergreifend, mit großer Hingabe und der heroischen Gebärde einer Frau, die bis zum Letzten um ihr Leben und das ihrer Lieben kämpft, dabei aber nicht zur Verräterin werden will. Matulas Sopran beherrscht den Theatersaal bis in die letzte Zuschauerreihe, sie verfügt über ein riesig breites Ausdrucksspektrum. Die leider nur noch als Gast verfügbare Künstlerin beschert dem Haus eine Sternstunde der Gesangskunst! Dahinter müssen alle anderen, die zum Teil recht ansprechende Leistungen erbringen, zurückstehen: neben dem soliden Andrew Nolen der geschmeidige Bass Matthias Wippich als Geheimagent, die rezitativisch stark geforderte Janet Bartolova als Sekretärin, der auch darstellerisch famose Tenor Markus Heinrich als eleganter Zauberer sowie Hayk Dèniyan (Bass), Debra Hays (Italienerin), Susanne Seefing (Vera) und Gabriela Kuhn (Anna).

Am Ende können sich alle, darunter Dirigent, Regisseurin und Ausstatter, beim Premierenpublikum den verdienten, fast zehn Minuten anhaltenden Applaus abholen.

Quelle: RP
 
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