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Krefeld
Träume aus Seide - oft unbezahlbar

Krefeld: Träume aus Seide - oft unbezahlbar
Seide als Überlebenshilfe: Die Landkarten auf Kunstseide gedruckt trugen britische Flieger und Fallschirmspringer im Zweiten Weltkrieg bei sich. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. Seide ist nicht nur eine Frage des Stils, sondern auch eine des Geldes und des gesellschaftlichen Standes. Das Deut-sche Textilmu-seum erzählt ab Sonntag ihre 2000-jährige Geschichte mit 242 traumhaft schönen Kleidern und Objekten. Von Petra Diederichs (Text) und Thomas Lammertz (Fotos)

Beim Krönungszeremoniell Napoleons am 4. Dezember 1804 trugen viele der Geladenen in der Pariser Kirche Notre Dame "made in Crefeld". Die Galakleidung der Senatoren war aus blauen Samt. "Dieser Samt kommt vermutlich aus der Krefelder Manufaktur Rigal", sagt Isa Fleischmann-Heck. Die stellvertretende Leiterin des Deutschen Textilmuseums wird dazu noch weiter forschen. Es ist nicht die einzige Spur, die sie und Museumsleiterin Annette Schieck weiterverfolgen werden. Bei der Vorbereitung der Ausstellung "Seide - Textile Pracht aus 2000 Jahren", die Sonntag eröffnet wird, haben sie manche Geheimnisse entdeckt und teilweise gelüftet. Der mit Gold- und Silberfäden reich bestickte dreiteilige Anzug, den sich ein gut Betuchter für gesellschaftliche Verpflichtungen am Hofe Napoleons hat maßschneidern lassen, ist in Krefelder Manufakturen gewirkt worden - und ein Prunkstück in der knapp 30.000 Teile umfassenden Sammlung des Museums.

"Wir öffnen mit dieser Ausstellung unsere Schatzkiste", sagt Tieck. 242 Objekte - fast alle aus edelster Seide und alle aus der eigenen Sammlung - sollen zeigen, welche Preziosen im Museum schlummern. Aber sie illustrieren auch die Geschichte eines kostbaren Materials. Die Schau skizziert den Weg entlang der Seidenstraße von China bis nach Krefeld. Sie umfasst zwei Jahrtausende, von archäologischen Funden aus der Han-Dynastie (207 vor bis 9 nach Christus) bis zur Haute Couture mit Cocktailkleidern von Dior und Balmain aus den 1950ern.

Zwei Dior-Kleider von 1956. Der Clou: Ein fünflagiger Petticoat gibt Volumen. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Üppige Rosen ließ Pierre Balmain 1955 auf einem weit schwingenden Rock sprießen. Etwa 13 Meter feinster im sogenannten Chinémuster bedruckter Seide hat der Couturier dafür verwandt. Das hatte einen Preis, den auch in Wirtschaftswunderzeiten nicht jeder zahlen konnte. Für kleine Geldbeutel war Seide immer unerschwinglich - und viele Jahrhunderte lang auch verboten. "Es gab Kleiderordnungen, die festlegten, dass Samt und Seide dem Adel vorbehalten waren", erzählt Schieck. Oder dem Klerus. Entsprechende Beispiele sind im Obergeschoss ausgestellt. Man mag sich nicht sattsehen an den feinen Spitzenbesatzen, die Ausgeh-Kostüme aus dem 18. oder 19. Jahrhundert zierten, an den üppigen Faltenwürfen oder den stoffreichen "Culs de Paris", die despektierlich auch als Königinnenhintern übersetzt wurden. Die verschlangen bis zu 30 Meter Seide.

"Aber die gesetzlichen Kleiderordnungen wurden zu allen Zeiten unterlaufen", berichtet Schieck. Zu verführerisch war der Luxus, waren die leichten Fasern, die im Sommer kühlten und an frischen Tagen leicht wärmten. Unübertroffen der edle Glanz des feinen Gewebes. Wer es sich ermöglichen konnte, schaffte sich ein Seidenkleid an - und dann blieb es in der Familie, wurde an die nächste Generation weitergereicht und immer wieder auch umgeändert. "Wir haben bei den Restaurierungen der Kleider für diese Ausstellungen viele Spuren entdeckt, die belegen, dass Kleider umgearbeitet wurden, manchmal sogar mehrfach", sagt Schieck. Deshalb könne man auf Datierungen nicht vertrauen: "Manchmal passen sie nicht mit der Schnittführung überein." Dann wissen die Experten, der Stoff des Ursprungskleides ist mehrfach umgeschneidert worden.

Bestickte Seide war dem Adel oder - wie hier - dem Klerus vorbehalten. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Als es Ende des 19. Jahrhunderts gelang, künstlich Seide zu erzeugen, war das eine kleine textile Revolution. Acetat, die sogenannte Kunstseide, war kostengünstig, fühlte sich zwar nicht ganz so edel an, aber war ebenso leicht und dabei strapazierfähig. Das nutzte nicht nur die Mode, sondern auch das Militär. Die Britische Armee staffierte ihre Flieger und Fallschirmspringer im Zweiten Weltkrieg mit ganz speziellen Hals- und Taschentüchern aus: Auf Kunstseide waren Landkarten gedruckt der Gebiete, die die Soldaten überflogen. Der Zweck war praktischer Natur: Wer im fremden Gebiet landete, zückte sein Seidentuch und konnte ablesen, wo die nächste Stadt lag oder welche Verbindungen es gab. Drei solcher Navigationshilfen von 1941 und 1944 mit unterschiedlichen Gebieten und Topografien stellt das Museum aus.

Alle Exponate sind in Glasvitrinen hermetisch vor Berührungen geschützt. "Die Gewebe sind hochempfindlich. Deshalb haben wir auch die Beleuchtung gedimmt", sagt die Museumsleiterin. Aber die Entdeckungsreise im 50-Lux-Licht vermittelt ein bisschen Schatzsucher-Atmosphäre. Und in jeder Vitrine ist ein Schatz zu entdecken.

Weiß ist besonders festlich: ein Brautkleid und ein Kinderfestkleid um 1900. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Die Ausstellung wird eröffnet am Sonntag, 6. März, 11 Uhr, in der Museumsscheune. Zu sehen bis 28. August im Deutschen Textilmuseum, Andreasmarkt.

Quelle: RP
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